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Wortewandel: Sprachkolumne 05. Januar 2017

Diese Wörter sind der Traum aller Juristen

Von CUS  Illustration: Nathan Nankervis

Die deutsche Sprache ist grundsätzlich logisch – heißt das nun, sie ist es, oder nicht? In jedem Fall beinhaltet sie eine Menge Wörter, die, je nach Gebrauch, auch ihr eigenes Gegenteil bedeuten. Eine Warnung.

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Es gibt immer noch Leute, die meinen, Sprache müsse logisch sein. Das ist natürlich Unsinn. Schön zu sehen ist das an den Wörtern, die ihr eigenes Gegenteil bedeuten. Das fing schon in der Steinzeit an: Kam also der Neandertaler in die Höhle zurück, sonderte er gern einen Grunzlaut zur Wetterlage draußen ab. Nun blieb es der Höhlensippe überlassen, wie die Nachricht zu interpretieren sei: Grunzlaut mit Reif im Bart hieß: »Hört mal alle her Leute, lausig kalt draußen!« Grunzlaut mit Schweißperlen hieß: »Damit ihrs nur alle wisst, eine Affenhitze aber auch!« Eine Nachricht ersten Ranges in der jahrein, jahraus gleichmäßig temperierten Höhle.

Vom Neandertal ins Weiße Haus: Neue Sanktionen gegen Nordkoreas aufmüpfigen Kim? Die alten Sanktionen gegen Putin aufheben, die den Ölmultis so sauer aufstoßen? Das wird mal wieder heiß diskutiert. Verloren geht dabei die Doppelbedeutung des Wortes Sanktion: Da ist die heute gängigere Bedeutung im Sinne von Bestrafung, für etwas, was man nicht tun durfte. Daneben lebt auch das Gegenteil fort: Die Sanktion als ein Gutheißen, ein Billigen: Der Papst erteilt dem Beschluss seine Sanktion oder er sanktioniert ein Tun. Da steckt das gute alte »sankt« in Sinne von heilig drin.

Alle steht erstens für alle und zweitens für nichts: Die Suppe ist alle oder sogar alle alle. Mit erst geht es ebenso: Erst komme ich, also zuerst, dann erst kommst du, also zuletzt. Der Boden ist unten oder auch oben unterm Dach. In der Apotheke hört man öfter die Bitte um ein Mittel für Schnupfen, es kann also genauso gegen bedeuten. Das gleiche Schicksal erleidet mit: Anton spielte (zusammen) mit Bernd mit (gegen) Christian.
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Entfallen ist etwas, was wir nicht mehr haben, ein Name etwa. Oder etwas, was wir bekommen: Auf den Gewinner entfallen 1000 Euro. Überhaupt der Preis - den Trostpreis bekommt man, den Hammerpreis (ist das jetzt viel oder wenig?) muss man löhnen. Vertreten lässt sich jemand, der selbst nicht anwesend ist. Wer hingegen vertreten ist, ist anwesend. Das Finanzamt erlässt einen Zahlungsbefehl oder besser doch die ganze Steuerschuld - aus »zahle sofort!« wird simsalabim »zahle nichts!«

Grundsätzlich heißt im normalen Sprachgebrauch »immer«. Im juristischen Sinne heißt es »nur im Grundsatz, aber ...«, also eben nicht immer. Laien lassen sich mit derartigen Formulierungen leicht über den Tisch ziehen. Wenn die Versicherung tönt »Grundsätzlich übernehmen wir Ihre Schäden« findet das der Laie super, der Jurist lächelt. Ähnlich scheinbar - im üblichen Sprachgebrauch soviel wie anscheinend: Müller war scheinbar krank. Und wenn er nur scheinbar krank war, dann war er eben zum Schein krank, der Lümmel, und hat lieber blau gemacht.

Die Vorsilbe un sorgt für das Gegenteil? Durchaus, wie in unmöglich. Oder sie steigert: Das Unwetter. Oder sie bedeutet gar nichts: Kosten = Unkosten. Oder auch ihr eigenes Gegenteil: Die Untiefe ist erstens eine besonders seichte Stelle im Meer, die Kapitäne fürchten, und zweitens eine besonders tiefe Stelle. Selten kehrt sich durch Betonung ins Gegenteil: Das Wetter war selten schön oder das Wetter war selten schön!

Welche Wörter verstehen manche Leute so und manche Leute genau umgekehrt? Frugal etwa. Ursprünglich ein kärgliches Mahl, ein paar Krümel für Bettelmönche in der Fastenzeit. Nicht jeder vermochte mit diesem Fremdwort etwas anzufangen. Das Wort klingt ja nach Frucht und Üppigkeit - somit gewann frugal seine zweite Bedeutung: üppig, ausladend, ein bacchantischer Fraß.

Ach nein! »Möchtest du noch mehr?« Antwort: nein! Möchtest du also nicht noch mehr? Antwort wieder nein! Korrekterweise hätte man auch ja sagen können (»ja, ich möchte nicht noch mehr«), doch geht das über das normale menschliche Verständnis hinaus. Ja und nein sind ohnehin oft beliebig vertauschbar: Es kamen hunderte, ja tausende von Leuten versus es kamen hunderte, nein tausende von Leuten. Nicht kann ohne jede Bedeutung sein: Kommst du (nicht) mit ins Kino? Dazu passt das Spiel Mensch-ärgere-dich - oder heißt es (nicht) eher Mensch-ärgere-dich-nicht?

Wie kann eine Stadt in Argentinien ihr eigenes Gegenteil bedeuten? Gemeint ist Cordoba, wo die deutsche Mannschaft bei der Fußball-WM 1978 jämmerlich einging. Der damals amtierende Weltmeister Deutschland versagte gegen den Fußballzwerg Österreich. Für deutsche Fans steht Cordoba folglich für eine schmähliche Niederlage. Für Österreicher ist es ein glorreicher Sieg, das Wunder von Cordoba.

Im Lateinischen begegnet uns altus im Sinn von hoch oder tief und sacer bedeutet heilig und verflucht. Bei uns steckt sacer in Sakrament - eine besonders heilige Handlung wie auch ein Fluch. Von da sind wir gleich wieder bei der Sanktion. Das französische personne heißt erstens jemand und zweitens niemand, der Trend geht zu niemand. Und die Italiener? Als Reminiszenz an den Wetterkundschafter der Neandertaler sagen Italiener bis heute caldo, wenn sie heiß meinen.
CUS

Als 1990 das erste SZ-Magazin erschien, war CUS schon dabei. Seitdem macht er jede Woche »Das Kreuz mit den Worten«, eine der beliebtesten Rubriken im Heft. In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.