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Wild Wild West: Amerikakolumne 07. Januar 2017

Highway to Hell

Von Michaela Haas  Foto: Caro/ Jim West

Wo schmoren eigentlich Hitler, Hussein und all die anderen Diktatoren, Terroristen und Serienmörder? Hier jedenfalls nicht: Das Örtchen Hölle in Michigan hat nur 72 Einwohner – aber eine Menge Potenzial. Jetzt steht es zum Verkauf.



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Die größte Überraschung ist, wie verteufelt kalt es in der Hölle ist. Man hat ja irgendwie diese Bilder im Kopf, in der Hölle würden Sünder bei nacktem Leibe wie Marshmellows über dem offenen Feuer geröstet. Stattdessen werfen Kinder mit Schneebällen, es hat heute minus 10 Grad, und die einzigen Flammen, die lodern, sind die aufgemalten am Ortseingang, wenn man durch die „Gates of Hell“ fährt: »Welcome to Hell!« Willkommen in der Hölle in Michigan.

Höllisch ist der Ort trotz der klirrenden Kälte, und zwar an jeder Ecke: Im »Höllenloch«, der örtlichen Bar namens Hell Hole, kann man sich besinnungslos trinken, im „Screams“ Eiscafé »Ghost Poop« bestellen, und als Beweis, dass sie wirklich durchs Feuer gegangen sind, gehen Besucher in das Postämtchen. Dort regiert nicht der Teufel mit dem Dreizack, sondern der leutselige, inoffizielle Bürgermeister der Hölle, John Colone. Er stempelt jeden Brief ab mit dem Slogan »Ich bin durch die Hölle gegangen«. Damit es glaubwürdig wird, sengt er jeden einzelnen Umschlag mit seinem Feuerzeug an.

Colone rühmt sich, sein Ort sei das meistgesuchte Reiseziel der Erde. Schließlich hat jeder schon einmal gerufen: »Geh doch zur Hölle!« Etwa 200.000 Menschen nehmen den Fluch jedes Jahr wörtlich. »Wir fahren jedes Jahr zweimal in die Hölle, weil es uns dort so gut gefällt!« kommentiert eine Besucherin fröhlich im Gästebuch. Ehrlich gesagt, ich hatte mir die Hölle schlimmer vorgestellt.
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Trotzdem hat die Hölle nur zwei Straßen und 72 Einwohner. Das ist die zweite Überraschung, denn eigentlich würde man annehmen, sie sei überbevölkert. Wo schmoren eigentlich Hitler, Hussein und all die anderen Diktatoren, Terroristen und Serienmörder?

Es muss also noch andere Filialen geben, oder es drängt sich der Verdacht auf, es handle sich hier möglicherweise nur um die irdische Promo-Version, ähnlich dem Probewohnen bei IKEA. Im Design-Studio sieht das Sofa sehr bequem aus, aber es später selbst zusammen zu bauen, ist dann die Hölle.

Der Grund, warum wir uns für Hell, Michigan, eine Autostunde nordwestlich von Detroit, interessieren, ist, dass hier gerade ein Schnäppchen zu machen ist: Die Hölle steht zum Verkauf.

Eigentlich wollte Colone den Ort für den satanischen Preis von 999666 Dollar verkaufen, aber Damned, eine Künstlergruppe aus Detroit, die allein schon aufgrund ihres Namens (»Verdammt«) zum Kauf prädestiniert ist, konnte die knappe Million mit Crowdfunding nicht aufbringen. Inzwischen hat Colone den Verkaufspreis reduziert: Für 800000 Dollar kann man sich die Hölle unter den Nagel reissen, jedenfalls die zwei Hektar Ortskern mit der Bar, der Kapelle, der Damned Universität (»Damn U«) und dem Postamt. Ein höllischer Deal.

Colone war eigentlich mal Gebrauchtwagenhändler, aber als sein Auto-Geschäft nach 23 Jahren verkauft wurde, fühlte er sich zu jung für die Pensionierung, fuhr zufällig durch Hell und sah die vielen »Zum Verkauf!«-Schilder der Makler. »Der Ort war verlassen, niemand hatte je versucht, ihn zu einem Urlaubsziel zu machen!« klagt er. Das muss sich ändern, fand Colone. Seit 18 Jahren ist er nun schon der Direktor des Höllenlochs. Ihm ist es zu verdanken, dass Hell keine Marketing-Lücke auslässt, inklusive der »Highway to Hell«-T-Shirts, des Screams Mini-Golfplatzes und einem Eintrag im Guinness Buch der Weltrekorde für die längste Leichenwagen-Prozession der Welt. Sein vielleicht erfolgreichstes Projekt ist die kleine, schmucke Holz-Kapelle, in der sich schon mehr als 400 Liebespaare das Ja-Wort gaben. Der Slogan überzeugt: »Wenn eine Ehe in der Hölle anfängt, kann es nur aufwärts gehen!« Wer sich trotzdem scheiden lässt, wird beim zweiten Versuch kostenlos getraut.

Es gibt zwei Versionen, wie der Ort zu seinem Namen kam: Entweder waren die deutschen Besucher schuld, die im 18. Jahrhundert aus ihrer Kutsche stiegen und auf deutsch riefen: »Es ist so hell hier!« was die Einheimischen tragisch missverstanden. Oder, was wahrscheinlicher klingt, vor 150 Jahren soll der damalige Inhaber der Mühle, des Gemischtwarenladens und der Distillerie, George Reeves, die Bauern in der Umgebung gerne mit selbstgebranntem Whisky entlohnt haben. Die Folgen kommentierten deren Frauen öfters mit dem Spruch: »Der Alte ist mal wieder in der Hölle.« Der Name brannte sich fest und seit 1841 ist Hell die offizielle Ortsbezeichnung.

Nun fällt es Colone, 71, schwer, Abschied zu nehmen, aber Herr der Hölle zu sein ist ein anspruchsvoller Job. Schon jetzt kann jeder »Bürgermeister für einen Tag« werden und auch von der Bundes-Politik hält sich Colone nicht fern: Am nächsten kommen Besucher dem Teufel in Form einer lebensgroßen Pappfigur von Donald Trump, der in dieser Hölle jeden Tag ein anderes Statement abfeuert wie »Let`s Make Hell Great Again«.

Es soll Leute geben, die glauben, dass alle Journalisten einmal in der Hölle landen, also nehme ich die Sache lieber selbst in die Hand, vielleicht reserviere ich mir für meinen Alterssitz noch das letzte Grundstück mit Seeblick. Der Teufel ist so ungeduldig, dass er seine Bude schon in kleinsten Einheiten verscherbelt. Für 6,66 Dollar bekomme ich sechseinhalb Quadratzentimeter, komplett mit Zertifikat, das bestätigt, dass ich mir einen Platz in der Hölle gesichert habe. Ein Kalifornier hat 300 Stück davon gekauft und sie an seine Feinde verschenkt, mit dem Gruß: »Da gehörst du hin!«

Ich habe vor, die Hölle zu kaufen und sie in Himmel umzubenennen. Oder wenigstens in Fegefeuer. Genau weiß ich das noch nicht: Kommt drauf an, wer mich hier besucht. Das wäre doch auch eine schöne Lebensleistung, sagen zu können: Ich habe die Hölle in ein Paradies verwandelt.

Oder ich ziehe einfach gleich direkt ins Paradies: Paradise, Michigan, liegt nur 333 Meilen weiter nördlich. Himmel und Hölle liegen einfach in Amerika verdammt nah beieinander.

Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufsteigt, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.