Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 21°
Anzeige
Anzeige

Wild Wild West: Amerikakolumne 20. Januar 2017

Der bessere Trump

Von Michaela Haas 

Der Twitter-Account »PresidentialTrump« übersetzt die rüden Tweets von Donald Trump in staatsmännische Worte. Ein Interview mit dem Mann hinter dem Parodieaccount - der sich gar nicht als Trump-Gegner sieht.


Anzeige
Mehr als zwei Drittel der Amerikaner wünschen sich, ihr neu gewählter Präsident würde das Twittern lieber bleiben lassen. Sie hofften vergeblich, die Würde des neuen Amtes würde den Twitter-Wüterich Donald Trump irgendwie zum Staatsmann bekehren. Aber »Agent Orange«, wie mancher Trump bereits nennt, wütet wie eh und je, bringt per Tweet die Börsenkurse von Großkonzernen zum Einstürzen und löst internationale Turbulenzen aus.

Unter dem Namen PresidentialTrump lässt nun ein Amerikaner die Wünsche seiner Landsleute wahr werden: Mit der Twitter-Handle @MatureTrumpTwts übersetzt er die ungezügelten Wutausbrüche von Trump-Speak ins Staatsmännische. Innerhalb weniger Wochen folgen ihm fast 100 000 Menschen auf Twitter.

Wenn also der echte Trump auf Twitter schimpft, Alec Baldwins TV-Parodie auf ihn sei »sehr schlechtes Fernsehen, nicht lustig, schrecklich fehlbesetzt«, übersetzt PresidentialTrump: »Nachahmung ist das größte Kompliment.« Wenn Trump den Kongressabgeordneten John Lewis angreift, der mit Martin Luther King Jr. für die Gleichberechtigung der Schwarzen kämpfte, schlägt PresidentialTrump vor: »Ich respektiere den Menschenrechtshelden John Lewis und wofür er kämpfte. Gemeinsam können wir eine starke Kraft für das Gute sein.« Wenn Trump die ihn kritisierende Schauspielerin Meryl Streep für »überschätzt« erklärt, gratuliert ihr PresidentialTrump zur Auszeichnung für ihre Lebensleistung.

PresidentialTrump verspricht, unermüdlich für seine Landsleute zu arbeiten, sie zu vereinen und ihnen zu dienen. Das Staatsmännische beginnt schon mit dem Profilbild: Statt der mandarinenfarbenen Kopfmatte des echten Donald Trump präsentiert PresidentialTrump ein freundlich lächelndes Trump-Konterfei mit altersgemäßer Halbglatze. Zeit für ein Gespräch mit dem Mann hinter PresidentialTrump:

SZ-Magazin: Mister PresidentialTrump, Sie wollen anonym bleiben. Wie möchten Sie denn gerne angesprochen werden?
Es gibt wilde Spekulationen, wer wohl hinter dem Account steckt und eine der beliebtesten Vermutungen ist, es sei Barack Obama, der auf diese Weise versuche, seinem Nachfolger rhetorisch auf die Sprünge zu helfen. Also nennen Sie mich doch einfach bei Baracks Spitznamen, Barry.

Okay, Barry, wie kamen Sie auf die Idee, als Staatsmann Trump zu twittern?
Das ist für mich kathartisch. Ich fühlte mich überwältigt und machtlos. Also dachte ich, vielleicht nehme ich das, was er sagt und hebe es auf ein anderes Niveau. Ich hoffte, das könnte mir und anderen Leuten helfen, uns besser zu fühlen, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass fast 100 000 Leute mir folgen. Das ist eine surreale Freude. Viele fordern mich dazu auf, die nächsten vier Jahre dabei zu bleiben.
 
Ist das angesichts der Flut an Trump-Tweets nicht eine Vollzeit-Aufgabe?
Wenn Sie genau auf seinen Rhythmus achten, dann sehen Sie, dass er sehr früh morgens und spät abends twittert. Das heißt, dass Trump und ich neben dem Twittern hoffentlich beide unsere Vollzeit-Jobs weiter ausfüllen können.

Müssen Sie jetzt auch um 3 Uhr morgens aufstehen, weil Trump da oft seinen ersten Tweet absetzt?
Nein, er und ich leben nicht in der gleichen Zeitzone. Wenn ich aufstehe, hat er meistens gerade etwas auf Twitter geschrieben, das Timing ist perfekt.

Sind Sie stolz, dass Sie schon fast 100 000 Follower haben?
Oh ja, ich bin freudig überrascht, dass sich dafür so viele Menschen interessieren. Viele geben mir auch Tipps, wenn ich mal einen Tweet übersehe, und helfen mir, seine Tweets besser zu verstehen. Es ist eine Art Gemeinschaftsanstrengung und das ist genau das, was ich anstrebe. Es kommt mir vor, als verlören wir zunehmend unsere Menschlichkeit, unseren Anstand, unsere Höflichkeit. Die Leute hören einander nicht mehr zu und diskutieren nicht mehr sachlich miteinander. Studien zeigen, dass unsere Empathie in Amerika in den letzten Jahrzehnten um 40 Prozent geschrumpft ist. Als Vater und Großvater sind das Werte, die mir enorm wichtig sind.

Gerade Trumps haarsträubende Ausfälle auf Twitter generieren weltweit enorme Aufmerksamkeit. Was meinen Sie als Kommunikations-Experte dazu? Nehmen wir die Tweets zu wichtig?
Wir dürfen diesen Tonfall nicht zum neuen Normalzustand erklären. Aber wir müssen seine angeblichen 20 Millionen Follower richtig einordnen: Studien zeigen, dass bis zu 40 Prozent seiner 20 Millionen Twitter-Follower »fake« oder Bots sind. Wenn man dann noch die Follower rausrechnet, die aus anderen Ländern stammen oder seinen Tweets nur aus Neugier folgen, dann erreicht er mit seinen Tweets vielleicht nur 2 bis 3 Prozent echte Fans. Das könnte ein Weckruf für ihn sein, wenn er kapieren würde, dass er damit längst nicht so viele Menschen beeinflusst, wie er denkt. Wäre ich sein Berater, würde ich ihm auch sagen, dass die Verkürzung von Politik auf 140 Zeichen gefährlich ist. In 140 Zeichen bringt man keinen Kontext unter. Jeder gute Kommunikator mag Twitter als einen Nebenkanal nutzen, aber nicht als Megaphon. Schauen Sie sich doch an, was seine Tweets schon alles angerichtet haben: Milliardenverluste an den Börsen einzelner Firmen, Turbulenzen mit Staaten wie China. Er beruft sich ja gerne auf Ronald Reagan, der ein geschickter Kommunikator war. Wenn er Reagan wirklich zum Vorbild nimmt, müsste er auch Brücken bauen und einige Flurschäden reparieren.
 
Folgt Ihnen Trump eigentlich auf Twitter zurück?
Viele taggen ihn und seine Mitarbeiter, also ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sie darauf aufmerksam werden und das wäre kein schlechtes Ergebnis. Wenn er daraufhin seinen Ton ein wenig ändert, weniger negativ twittert, und aufhört, sich mit seinen Tweets in Fallen locken zu lassen, wenn er also meinen Twitterfeed damit überflüssig macht, dann wäre das ein Gewinn für die Welt, für Amerika und für ihn.
 
Wenn Trump Ihnen das Angebot machen würde, Sie als Chef-Twitterer anzuheuern, weil er wohl nach dem 20. Januar Wichtigeres zu tun haben wird und Sie den Job ohnehin schon besser machen als er, würden Sie annehmen?
Ha! Na, man würde denken, er hätte schon in der Übergangszeit Wichtigeres zu tun gehabt, als zu twittern - aber Fehlanzeige. Wenn er wirklich ein Milliardär ist, wie er behauptet, wird er sich mich vielleicht leisten können. Aber Scherz beiseite. Wenn ich den Ton und den Tenor des Mannes verbessern könnte, der unser gewählter Anführer ist, würde ich meinem Land gerne dienen. Ich habe mit einigen sehr klugen CEOs zusammen gearbeitet, und den besten Rat, den ich manchen Leuten geben kann, die den Ton angeben, ist, manchmal einfach den Mund zu halten. Das meine ich gar nicht herablassend. Manchmal muss man schweigen und zuhören können. Wer nicht zuhören kann, kann auch kein guter Anführer sein. Wenn Sie keine Zwischentöne hören, dann können Sie das amerikanische Volk nicht vereinen. Wenn Sie meinen Twitter-Feed durchsuchen, werden Sie vermutlich feststellen, dass ich kein Wort so oft verwende wie »vereinen«.

Ist es nicht gerade Trumps Strategie, die Leute gegeneinander aufzuhetzen?
Dann wird er nicht wiedergewählt. Die Zahl seiner Anhänger schrumpft schon jetzt stetig und die Zahl der Leute, die sagen, sie bereuen, ihn gewählt zu haben, wächst jede Minute. Außerdem kann er seinem eigenen Namen und seiner Marke damit enormen Schaden zufügen. Wenn die Leute sich angewidert abwenden, werden sie nicht in seinen Hotels übernachten und seine Produkte nicht kaufen. Das könnte für ihn und seine Familie, der er ja angeblich sein Business übergibt, ein riesiges Problem werden.

Das dachten viele aber auch schon vor der Wahl.
Er hat im so genannten Rostgürtel der USA eine geniale Kampagne gefahren. Viele sagen, wenn er meinen Tonfall angenommen hätte, dann hätte er nicht gewonnen. Das mag sein, aber jetzt ist er Präsident, und wenn er meinen Tonfall aufgreifen würde, wäre er ein besserer Präsident. Er ist in vielerlei Hinsicht ein autoritärer Führer. Meine 100 000 Follower werden zu einer Bewegung anwachsen, auf die er achten muss. Mindestens 20 Prozent meiner Follower sind aus dem Ausland, das finde ich ermutigend, denn es zeigt, dass die Welt sich für meine Versuche interessiert, den Tonfall des gewählten Präsidenten auf ein höheres Niveau zu heben. Das bin nicht nur ich, das sind ganz viele Menschen, die sich wünschen, dass wir besser miteinander kommunizieren.
 
Planen Sie schon Ihre Inaugurations-Tweets?
Ehrlich gesagt, nein. Ich glaube nicht, dass er Zeit hat zu twittern, wenn er eingeschworen wird. Aber ich werde im Fernsehen zuschauen und zuhören. Alle Amerikaner müssen jetzt sehr wachsam sein, damit wir nicht einen gefährlichen Kurs einschlagen. Ich muss auch zusehen, dass ich genügend Schlaf bekomme. Ich will nicht, dass sich Fehler in meine Tweets einschleichen.
 
Werden Sie von den Trump-Fans für Ihre Tweets angefeindet?
Warum sollten die mich anfeinden? Mein Projekt ist, eine Redeweise vorzuschlagen, wie ich sie für einen Präsidenten angemessen finde. Ich bin weder Pro-Trump noch Anti-Trump. Ich bin nicht daran interessiert, mir Feinde zu machen. Mein Projekt findet Unterstützer im demokratischen und im republikanischen Lager, denn sie alle wünschen sich, dass der gewählte Anführer der freien Welt eine gewisse Klasse und staatsmännisches Verhalten an den Tag legen sollte.
 
Warum enthüllen Sie dann Ihre Identität nicht?
Ich werde mich bald zu erkennen geben, aber erst, wenn ich einen kohärenten Plan vorlegen kann, wie aus dem Projekt eine Bewegung werden kann. Dann werden wir sehen, wie viele Leute hinter dem Ziel stehen, dass wir wieder empathisch und rücksichtsvoll miteinander kommunizieren.
 
Was Sie sagen klingt alles recht rational und vernünftig. Könnten Sie nicht auch am Freitag an seiner Stelle den Eid ablegen?
Ich habe mich in der dritten Klasse für die Rolle als Klassensprecher beworben, gegen meinen besten Freund. Wir hatten einen Deal: Er würde für mich stimmen und ich für ihn. Ich verlor mit einer Stimme. Auf dem Weg zum Podium zischte er mir zu: »Ich habe für mich gestimmt.« Das war meine erste Lektion darin, wie Politik funktioniert. Nein, danke! Das ist nichts für mich.

Anzeige
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufsteigt, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.