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Liebe Lieblingsfrau: Die Singlekolumne 25. Januar 2017

Woher weiß ich, dass ich dich küssen darf?

Von Michalis Pantelouris  Foto: Stephanie Pfaender

Ein Mann und eine Frau, nachts, auf dem Balkon. Er würde sie wahnsinnig gern küssen. Aber jetzt einfach hingehen und sie an sich ziehen?



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Liebe zukünftige Lieblingsfrau,

eigentlich ist das größte Wunder dieser Augenblick vor dem allerersten Kuss. Wenn dein Gesicht ganz nah bei meinem ist und sich zum ersten Mal unsere Lippen berühren. Und nicht nur die: Unsere Nasen haben sich auch noch nicht berührt. Nehme ich an. Man reibt ja nicht Nasen aneinander mit jemandem, den man nicht küsst, oder? Es ist sowieso eine merkwürdige Handlung, ich weiß nicht, warum man sich küsst, evolutionär betrachtet. Ich weiß nur, dass es schön ist. Ich freue mich sehr darauf. Das wird der beste Tag. Es ist komisch, hier zu sitzen und zu hoffen, dass er kommen wird. Er kommt doch, oder?

Und wenn es so weit ist: Woher weiß ich eigentlich, dass ich dich küssen darf? Ich meine, ich habe in meinem Leben schon ein paar Frauen geküsst, und irgendwie hat das ja auch geklappt, man sollte einfach nicht zu sehr darüber nachdenken – aber wenn man nachdenkt, ist es eine Katastrophe. Was ist, wenn ich viel zu lange brauche, um es zu bemerken? Ich meine, neulich, warst du das vielleicht, die mir gegenüber saß bei dem Essen und so wahnsinnig schlaue und lustige Sachen gesagt hat über Investorenarchitektur und Klavierunterricht und das Essen in Chinatown in New York? Ich hätte dich wahnsinnig gerne geküsst an dem Abend. Und ich weiß nicht, wie sehr es als Witz gemeint war, als du auf dem Balkon beim Rauchen anfingst zu lachen, während ich etwas völlig Unlustiges gesagt habe, und dann als Erklärung nur: »Ich finde es gerade lustig, wie sexy ich dich finde.«

Ich weiß nicht mehr, was ich darauf geantwortet habe. Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich das überlebt habe. Irgendwie habe ich das weggelacht, oder zumindest weggegrinst, aber vielleicht hätte ... hättest du gewollt, dass ich ... Aber man kann ja auch nicht einfach hingehen und ... oder doch?

Hätte ich dich an mich ziehen und küssen sollen? Das ist eine absurde Vorstellung. Total übergriffig. Bis zu der Sekunde war das ja nichtmal Flirten im klassischen Sinne, das war eine lustige, schöne Unterhaltung, und ich hab dich ein bisschen angehimmelt, und wir haben uns schon angeguckt, also vielleicht ein bisschen geflirtet, aber ... Ich hab es versaut, oder?

Es ist eine ganz, ganz, ganz gemeine Vorstellung, dass ich solche Momente erkennen muss, wenn ich dich jemals finden will. Und festhalten. Also, nicht dass dieser Moment nicht wiederkommt. Es ist ja nichts kaputtgegangen. Außer, du warst es tatsächlich, und beim nächsten Abendessen triffst du zufällig einen, der das Potenzial zu deinem Zweitlieblingsmann hat, und der erkennt den Moment, ergreift ihn, und du bist vergeben, wenn ich dich das nächste Mal sehe.

Woher weiß er denn, was du willst? Wenn er das kann, dann muss es ja möglich sein! Woran erkenne ich, ob ich mein Gesicht ganz nah zu deinem schieben und meine Lippen sanft auf deine drücken soll? Und der Unterschied zwischen Küssen und übergriffiger Belästigung ist ja nicht, was ich mache, sondern was du willst. Ich bin schließlich nicht Donald Trump, sondern unsicher.

Wahrscheinlich denke ich gerade zu viel. Aber es ist einer dieser Momente, in denen ich zuversichtlich bin, dass es überhaupt passiert, dass es dich überhaupt gibt, und wenn du das irgendwann liest, möchte ich, dass du weißt, dass es sie gab: die zuversichtlichen Momente. Das ist das Gute. Das Traurige ist: So sehen meine zuversichtlichen Momente aus! Verdammt, muss ich einsam sein.

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Michalis Pantelouris

Der deutsch-griechische Journalist lebt in Hamburg, und die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit sehr jungen Frauen: Seine Töchter sind, seitdem seine Frau sich von ihm getrennt hat, nur noch jede zweite Woche bei ihm. In den anderen Wochen hat er begonnen, sich auch wieder mit etwas älteren Frauen zu beschäftigen – was zwölf Jahre nach dem letzten Date gar nicht so einfach ist, wie es sein sollte. »Es ist genau wie Fahrradfahren«, sagt er, »wahnsinnig wackelig, wenn jemand anderes mit dabei ist.«