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Nackte Zahlen: Sexkolumne 23. Januar 2017

Brotal erotisch

Von Alena Schröder  Illustration: Sammy Slabbinck

Die Deutschen lieben Backwaren aller Art. Auf Instagram und Youtube erhältliches Material legt nahe, dass dabei auch sexuelle Motive im Spiel sind.

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Deutschland ist Brotland. Es gibt wohl kaum eine Nation, die sich mehr auf ihre Backkunst einbildet als die Deutschen. Pro Haushalt konsumieren wir rund 63 Kilogramm Brot und Backwaren im Jahr, Tendenz steigend - aller Glutenintoleranz und allem Low-Carb-Hype zum Trotz. So groß ist der Glaube ans Deutsche Brot, dass immer mal wieder Aussteiger in Ländern, in denen sie normalerweise Urlaub machen, eine »German Bakery« eröffnen, um dann festzustellen, dass unser nationales Bäckereiwesen in anderen Teilen der Welt weniger geschätzt wird, als man vermuten könnte.

Bislang sind erotische Aspekte bei der Erforschung der deutschen Brotliebe allerdings zu kurz gekommen. Bekennende Broterotiker mögen bislang nur eine kleine Minderheit darstellen, doch der Verdacht liegt nah, dass es eine möglicherweise unbewusste libidinöse Bindung ans Brot gibt, die viel weiter verbreitet ist, als es den Anschein hat. Allein die Ähnlichkeit der beliebtesten Backwaren mit primären Geschlechtsmerkmalen lässt diesen Verdacht zu, denn wie sonst erklärt sich beispielsweise die Beliebtheit der absolut geschmacksfreien »Berliner Schrippe«, wenn nicht durch ihre optische Ähnlichkeit mit einer Vulva? Es gibt Überlieferungen aus dem 17. Jahrhundert, wonach junge Mägde in England Teigklumpen gegen ihre Vagina pressten und diese »Cockle Bread« genannten Brötchen nach dem Backen an ihre Liebhaber verteilten - diese Art der Liebeswerbung könnte zur Genese der klassischen deutschen Brötchenform beigetragen haben. Auch das vor allem in Deutschland gepflegte und bislang nicht wirklich durch Fakten erhärtete Vorurteil, ausgerechnet die Franzosen seien besonders gute Liebhaber, könnte in seinem Ursprung auf einen simplen Brotlängenvergleich zurückzuführen sein, der bei uns - im Land des Kastenbrots - eine gewisse Verzagtheit angesichts des phallisch überlegenen Baguettes befördert hat.
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Sex mit Lebensmitteln ist ein Phänomen, das in der Regel mit Obst, Gemüse oder mit Sprühsahne in Verbindung gebracht wird, dabei sagt schon der griechische Name »Sitophilie«, dass die Leidenschaft für Brot der Ursprung dieser Spielart war, denn Sito ist Griechisch für Weizen. International hat die Broterotik längst eine treue und leidenschaftliche Anhängerschar: Der Instagram-Account einer jungen Frau, die sich dort »Breadface« nennt, verzeichnet 151.000 Abonnenten: Zu sehen bekommen diese, wie »Breadface« ihr Gesicht in verschiedene Backwaren drückt. Zu ihren Motiven sagt sie nicht viel, außer, dass sie alles, was mit Lebensmitteln und besonders mit Brot zu tun habe, sehr sexy fände und dass es sie nicht im geringsten störe, wenn Menschen den Anblick ihrer Gesichtsbekrümelung erregend fänden.

Auch in Deutschland scheint es immer mehr Broterotiker zu geben, die ihre Leidenschaft nicht länger verstecken wollen: Der Youtube-Kanal »61-Minuten-Sex«, betrieben von zwei Sexualpädagogen, widmete sich vor einiger Zeit sehr ernsthaft dem Thema »Sex mit Brot«, stellte verschiedene sextaugliche Brotsorten vor, zählte die Vorteile gegenüber herkömmlichen Sextoys auf (Vierertüte Brötchen für unter einem Euro! Brot kann nach dem Sex gegessen oder kompostiert werden!), warnt aber gleichzeitig auch vor Gefahren: Wer seinen Brotsex mit Ketchup oder anderen Soßen reibungsloser gestalten will, sollte darauf achten, keine zu scharfen Geschmacksrichtungen zu wählen. Mehr als eine halbe Million Mal wurde dieses Video angeklickt und per Kommentarfunktion kontrovers diskutiert, woran man wieder mal erkennt, dass mit Essen zu spielen eines der letzten echten Tabus unserer Zeit ist.

Dennoch sollte das Bäckereihandwerk noch viel stärker auf die subtile Erotik von Backwaren setzen. Bekennende Broterotiker würden so weniger stigmatisiert und der restliche Teil der Bevölkerung könnte wieder an den Zauber der Vielfalt erinnert werden, denn so wie der Deutsche sein Brot mal knackig, mal wabbelig, mal hell, mal dunkel, mal süß und mal kernig schätzt, so sollte doch auch in der Liebe nicht immer alles nur Toastbrot sein.
Alena Schröder

ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie gelobt, keine »arm, aber sexy«-Kalauer in dieser Kolumne unterzubringen, die sie im Wechsel mit Till Raether schreibt.

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