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aus Heft 05/2017 Die Gewissensfrage

Eine haarige Angelegenheit

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man einen begehrten Friseurtermin an eine Freundin weitergeben, obwohl es eine Warteliste gibt?

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 »Mein Friseur ist super. Deshalb muss man lange auf einen Termin warten. Es gibt auch eine Warteliste, die bei Absagen abtelefoniert wird. Als ich letztens zu einem Termin nicht konnte, habe ich ihn nicht abgesagt, sondern direkt an eine Freundin weitergegeben. War das ungerecht gegenüber den Wartenden oder richtig, weil ich dem Friseur die Telefoniererei erspart habe?« Ute F., Hamburg

Da ich ein Freund des offenen Umgangs bin, hielte ich es für die beste Lösung, beim Friseur anzurufen und zu sagen, man müsse absagen, hätte aber einen Ersatz. Dann können die für die Terminvergabe Zuständigen entscheiden, ob sie den Ersatz akzeptieren. Ansonsten könnte man überlegen, was ein Friseurtermin von der Sache her ist und wem die Verfügungsgewalt darüber zusteht. Es könnte ein Recht sein, das man abtreten oder gar verkaufen kann. Oder aber ein Organisationswerkzeug des Friseurs, über dessen mögliche Weiterverwendung er entscheiden kann, was er mithilfe einer Warteliste tut.

Derartige Listen, die sich rein nach der Wartedauer richten, sind ein praktisches Mittel der Verteilungsgerechtigkeit, deren formale Gerechtigkeit aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz heraus einleuchtet und sich in dem bekannten Sprichwort »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst« oder dem Begriff »first-come, first-served« spiegelt.

Ob sie auch inhaltlich immer das Gerechteste sind, darüber kann man streiten, etwa wenn ein Kunde meint, es wäre demnächst mal wieder Zeit für einen neuen Haarschnitt, es bei einer anderen dagegen drängt, weil sie kurzfristig eine Einladung zu einem wichtigen Vorstellungsgespräch bekommen hat.

Von derartigen Sonderfällen abgesehen aber geht es hier nicht um wichtige oder entscheidende Dinge, sondern um einen Haarschnitt. Und darum, ob man ihn ein paar Tage früher oder später bekommt. Ein neuer Haarschnitt macht das Leben lediglich schöner und angenehmer. Und höher als den Haarschnitt selbst sollte man den Mechanismus, über den man zu ihm kommt, auch nicht bewerten. Einen Termin an eine Freundin weiterzugeben, macht das Leben auch schöner und angenehmer. Deshalb halte ich das hier für vertretbar, mag es auch formal ungerecht sein.

Literatur:

Kai Axamitt, Wartezeit bei Dienstleistungen - Eine theoretische und empirische Analyse. Diplomica Verlag, Hamburg 2000, insbesondere Kapitel 4.2.5 Gerechtigkeit, S. 21 – 23

Richard C. Larson, (1987) OR Forum—Perspectives on Queues: Social Justice and the Psychology of Queueing. Operations Research 35(6):895-905. Online zu finden hier.

Richard C. Larson, There’s More to a Line than Its Wait, Technology Review, July 1988, S. 60 – 67

David Andrews, Why Does the Other Line Always Move Faster? The Myths and Misery, Secrets and Psychology of Waiting in Line, Workman Publishing, New York 2015


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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