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Hit, Hit, Hurra: Chartskolumne 04. Februar 2017

Atombombe auf Deutschland und Pizza für alle

Von Jan Stremmel 

Die drei Mitglieder der »Antilopen Gang« sind die politischsten Rapper Deutschlands, wirken wie eine Punk-Band und stehen auf Platz 1 der Charts. Ihr Erfolgsgeheimnis haben sie sich von der Band »Die Ärzte« abgeschaut.

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So einfach ist das: Deutschland muss per Atombombe gesprengt werden. Der Bombenkrater wird anschließend mit Wasser gefüllt, und schon ist das Land ein großer Baggerseeund alles wieder gut!

Der Vorschlag klingt nach der lustigen Anarcho-Prosa, wie man sie von bepinselten Bettlaken vor der Roten Flora in Hamburg kennt. Aber die Idee mit der Atombombe steht aktuell auf Platz 1 der Albumcharts. Sie stammt aus dem Song Baggersee auf der neuen Platte der Antilopen Gang. Und dass man an der Spitze der Hitparade plötzlich Ideen aus dem linksautonomen Baukasten findet, ist noch nicht mal das Erstaunlichste an der Sache.

Die Antilopen Gang ist nämlich - anders als man erwarten muss, wenn man nur die Texte liest - keineswegs eine Punkband. Sie macht Hip-Hop. Das ist, nur kurz als Erinnerung, die Musikrichtung, die in den letzten Jahren rasend erfolgreich war, sich aber (mit Ausnahmen, natürlich) in weiten Teilen eine furchtbar langweilige Humorlosigkeit verordnet hat. Politische Haltung findet man auf erfolgreichen Deutschrap-Alben ungefähr sooft wie eine E-Gitarre.

Die Antilopen Gang muss man insofern als echten Ausnahmefall bezeichnen. Schon ihr letzter Hit von 2014 lautete Beate Zschäpe hört U2 und fieselte großartig präzisedie banale Verlogenheit der neuen Rechten ab. Das neue Album (es heißt Anarchie und Alltag) ist gespickt mit Anspielungen auf die Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretiker und populistischen Hohlredner unserer Zeit. Das Lied Tindermatch erzählt eine Liebesgeschichtezwischen dem deutschen IS-Kämpfer Dennis Cuspert und dem Pegida-Gründer Lutz Bachmann - deren Haltung sei im Grunde so ähnlich, dass die beiden ein Traumpaar abgäben.
 

 
Die drei Mitglieder der Antilopen Gang sind locker die politischsten Rapper Deutschlands. Aber sie sind klug genug, um zu wissen, dass das auf Albumlänge auch wieder nervig wäre. Also ummanteln sie ihre Haltung immer abwechselnd mit einer kühlenden Schicht aus klassischem Diss-Rap und einer warmen Lage aus Albernheit und Ironie: Dann fordern sie zum Beispiel als Lösung für alle Probleme Pizza für alle! - denn »die Weltist eine Scheibe, und wer gerade Pizza isst, tut keinem Menschen was zuleide«.

So entsteht aus den 14 Songs ein extrem unterhaltsamer Ausflug, der zwar richtungsmäßig durchgehend gegen Rechts zielt - aber eben so viele Abstecher Richtung Unfug macht, dass der Hörer in einer angenehm unideologischen Schwebe bleibt. Politische Haltung, gemischt mit Dadaismus - klassische Punkrock-Schule eigentlich. Die Ärzte haben das in den Neunzigern zu ihrem Markenzeichen gemacht: Erst ein Anti-Nazi-Song wie Schrei nach Liebe, dann ein Konzeptalbum wie Le Frisur, auf dem sich jeder Song um Haare dreht.

Da wundert es kaum, dass die Antilopen Gang nicht bei einem Hip-Hop-Label unter Vertrag steht, sondern bei der Plattenfirma der Toten Hosen. Und dass sie ihrem Album gleich noch eine gratis Bonus-Platte namens Atombombe auf Deutschland beigelegt haben, mit Punkversionen ihrer älteren Songs, gesungen von Bela B., Campino, Schorsch Kamerun und vielen anderen. Diese demonstrative Umarmung der Altpunker zeigt vielleicht, dass die Antilopen Gang genau die Weiterentwicklung ist, auf die der etwas unmodern gewordene Punkrock gewartet hat: Die gleiche Haltung, der gleiche Witz. Aber verpackt in die Musik der Gegenwart. Wie das Trojanische Pferd, von dem gleich der erste Songauf dem Album handelt. Und wem das nun zu viel Theorie war, skippt jetzt einfach zwei Lieder weiter und brüllt: Viva la Margherita, hoch die Calzone!

Erinnert an: K.I.Z. (die zweite große humorvolle Hip-Hop-Band mit Haltung)
Wer kauft das? Gemäßigte Anarchisten mit Herz und iTunes-Zugang
Was dem Album gut tun würde: Wenn wieder ein paar humorlose Typen einstweilige Verfügungen einreichen würden (war schon bei Beate Zschäpe hört U2 erfolglos, hat aber viel Aufmerksamkeit gebracht)

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Jan Stremmel

Auf welches Lied können sich gerade alle einigen? Warum? Und was ist das Besondere daran? In dieser Kolumne besprechen Jan Stremmel und Max Fellmann jede Woche die Hits der aktuellen Single-Charts. Jan Stremmel ist von Hitparaden fasziniert, seit er sie als Kind im Autoradio seiner Eltern hörte: immer Freitagabend auf der Heimfahrt vom Judo-Training. Für Platz drei bis eins blieb er häufig noch eine Viertelstunde im geparkten Auto sitzen.

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