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aus Heft 06/2017 Liebe & Partnerschaft

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Von Christoph Koch  Foto: photocase.de/ misterQM

Adele schrieb an die falsche Mail-Adresse. Tausende Kilometer weiter wunderte sich Phil über die Post der unbekannten Frau. Heute sind sie verheiratet. Und da soll noch jemand sagen, Liebe sei kein Schicksal.

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Als Adele Geraghty auf »Senden« klickte, suchte sie nicht die Liebe. Sie suchte einen Verlag für ihre Gedichte. In der Zeitung hatte sie eine Annonce gelesen: »Texte für literarische Anthologie gesucht«. Geraghty, damals 49 Jahre alt, Amerikanerin, fasste sich ein Herz und schickte einige Textproben. »Am nächsten Tag bekam ich eine verstörte Mail von einem gewissen Phil S.«, erzählt Adele heute, 16 Jahre später. »Er sei nicht die Person, die ich suche, er habe mehrere solcher Mails bekommen. Er war in Sorge, dass jemand seine Mail-Adresse missbrauchte.« Adele ging der Sache auf den Grund: Die Zeitung hatte beim Abdruck der Mail-Adresse einen Fehler gemacht – author45@aol.com wäre der richtige Ansprechpartner für ambitionierte Literaten gewesen. Doch author54@aol.com war die Adresse von Phil Sidebottom, einem Archäologen in Sheffield, England. »Von all den Leuten, die Phil fälschlicherweise angeschrieben hatten, war ich die Einzige, die sich die Mühe machte, den Fehler aufzuklären«, sagt Adele.

Phil schrieb in einem Chatprogramm zurück, um sich für diese Mühe zu bedanken. »Ich benutzte den Computer damals nur für die Arbeit«, sagt Adele. »dann poppte dieser Kasten mit dem Smiley-Gesicht auf.« Die beiden chatteten zwanzig Minuten. Adele, alleinstehende Mutter von sechs erwachsenen Kindern, schrieb Phil, dass sie im Bundesstaat New York lebte. »Mein Gott, du bist ein Yankee!«, antwortete Phil. Ein nettes Hin und Her. Mehr nicht. Doch am nächsten Tag schrieben sie sich wieder. Binnen eines Monats chatteten sie fünf Stunden am Tag. »Phil ging in der Mittagspause nach Hause, und wir schrieben uns, während ich frühstückte«, sagt Adele. »Wir waren so altmodisch! Wir hatten weder Mikrofone noch Webcams – wir sahen nur, was der andere tippte.«

Ein paar Monate später erlitt Phil einen Herzinfarkt. Statt seine Mittagspause an der Tastatur zu verbringen, musste er ins Krankenhaus. »Ich wusste von nichts und hörte drei Tage nichts von ihm«, sagt Adele. »Ich war verrückt vor Sorge und schlief neben meinem Computer.« Als Phil im Krankenhaus nach der Operation zu sich kam, war das Erste, was er fragte: »Wo kann ich hier eine E-Mail schreiben?«

Sie beschlossen, sich zu treffen. Adeles ältester Sohn war dagegen. »Er hielt mich für verrückt und nannte es eine Cyber-Beziehung. Als ich ihm erklärte, wie real diese Liebe für mich war, drehte er sich um und ging.« Sogar ihr Schwager mischte sich ein: Dieser Phil könne theoretisch auch ein Axtmörder sein. 2002, auf den Tag genau ein Jahr nachdem sie die Mail an die falsche Adresse geschickt hatte, flog Adele nach Sheffield. »Ich hatte inzwischen ein Foto von ihm auf der Website seiner Universität gefunden«, sagt Adele. »Nicht unbedingt das vorteilhafteste Bild – aber das war mir egal. Ich wusste schon, dass ich ihn liebe.«

Dann stand Phil am Flughafen vor ihr, nahm sie in den Arm und sagte: »Dann gibt es dich also wirklich.« Sie verbrachten einige Tage in einem englischen Cottage, und nachdem sie in einem Schuppen eine Axt gefunden hatten, schickten sie ein Foto von Phil mit der Axt in der Hand an Adeles Schwager. »Als ich nach New York zurückkehrte, war ich nicht nur in den Mann, sondern auch in das Land verliebt«, sagt Adele.

Beim dritten Besuch zwei Jahre später hielt Phil um ihre Hand an. 2005 zog Adele nach England. 2007 heirateten sie. »Ich glaube, das Schicksal wollte mich durch den Zufall mit der Mail-Adresse für die schlimmen ersten fünfzig Jahre meines Lebens belohnen«, meint Adele heute. »Ich glaube nicht, dass sich einem solche Chancen allzu oft bieten. Man muss sie erkennen und sich trauen, sie zu ergreifen.«

Adele fand die große Liebe, doch auch ihr ursprünglicher Wunsch wurde wahr: Gemeinsam mit Phil gründete sie einen kleinen Verlag. Er heißt »Between These Shores« – zwischen diesen Ufern.

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Christoph Koch

erhält manchmal irrtümlich Mails, die für seinen Namensvetter bestimmt sind: den Leiter des Wissenschaftsressorts beim Stern. Liebesbriefe waren keine darunter - zumindest bisher.