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aus Heft 06/2017 Liebe & Partnerschaft

Mama lesbisch, Vater schwul, Kinder glücklich

Von Peter Münch  Illustration: Christopher DeLorenzo; Foto: Jonas Opperskalski

Ein Mann liebt einen Mann, hat aber zwei Kinder mit einer Frau, die Frauen liebt. Sie bilden zusammen eine sehr spezielle Familie - und finden sich selbst allen Ernstes spießig.

Die »befreite Familie«: Tochter Mika (11), Eliya Ben-Shushan (38). Partner von Vater Omri Astel (43), Sohn Yanai (6) und Mutter Tali Kark (43) (von links).


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H-O-M-E. Vier hölzerne Würfel stehen auf der Anrichte in der Küche, auf jeder Seite ein Buchstabe. »Wenn man die Würfel rumdreht«, sagt Omri Astel, »dann steht da L-O-V-E.« Und das ist auch schon fast die ganze Geschichte.

In diesem Haus in Tel Aviv wohnt und lebt und liebt die Familie Astel-Kark. Familienfotos schmücken die Wände, vor dem Familiensofa streckt sich Chupa aus, der Familienhund. Der sechsjährige Yanai spielt versunken in einer Wohnzimmerecke, er hat sich ein Büro eingerichtet mit Schreibmaschine und Spielzeugtelefon. Mika, die Elfjährige, die von der Mutter die Locken und vom Vater das Lächeln hat, liegt im Kinderzimmer auf ihrem Hochbett. Über dem Bett hängt ein Bild, daneben hat Mika eine Erklärung an die Wand geschrieben, eine Liebeserklärung: »Das sind meine Eltern, und es gibt kein Paar wie sie auf der ganzen Welt.«

Die Eltern, das sind: Tali Kark, 43, Schauspielerin an einem Tel Aviver Theater, eine Frau von mitreißender Lebensfreude. Omri Astel, 43, Chef einer PR-Agentur, klar und kreativ. Und dann gehört dazu noch Eliya Ben-Shushan, 38, Tourismusmanager, ein Mann von wunderbar ruhigem Wesen. Er ist der Partner von Omri. In dieser Familie, in diesem Heim gibt es ein Elternpaar und ein Liebespaar, nebeneinander und miteinander. Tali als lesbische Mutter. Omri als schwuler Vater. Eliya als Omris große Liebe. Seit sieben Jahren sind die beiden zusammen. »Seitdem gehört er zu uns«, sagt Tali, die bis vor einem Jahr ebenfalls in einer festen Beziehung lebte. Fragt man Omri und Tali nach ihrem Status, sagen sie: »Eltern, Partner, beste Freunde.« Alle zusammen sehen sie sich als »befreite Familie«.
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So hat das vor ein paar Jahren mal ein kleiner, kluger Junge genannt, ein Freund von Mika. Für die Erwachsenen muss man da vielleicht eher ein Organigramm aufzeichnen – wer mit wem und warum. Kompliziert. Und trotzdem, Omri sagt, »ich mag es, wie normal unser Modell für unsere Kinder ist. Mika und Yanai wachsen auf in dem Wissen, dass alles möglich ist.«

Tel Aviv ist dafür genau der richtige Ort. Die Stadt definiert sich als pinkfarbenes Paradies, sie zeigt das mit schrillen Paraden, aber auch durch die lässige Selbstverständlichkeit, mit der schwule und lesbische Paare ihre Kinderwagen über den Rothschild Boulevard schieben. »Allein in unserem Wohnblock sind fünfzig Prozent der Paare schwul, viele davon mit Kindern«, sagt Omri. »Für die sind wir fast schon wie eine Hetero-Familie: total langweilig«, meint Tali.

Sie lieben und kultivieren das: ungewöhnlich zu sein und dabei ganz gewöhnlich. Bis dahin aber war es ein langer Weg. Am Anfang des Weges war Omri verlobt mit einer Engländerin und kurz davor, mit ihr eine Familie zu gründen. »Ich war 23 Jahre alt, ich hatte eine Vision davon, wie ich leben wollte, aber die Liebe war unvollständig«, sagt er. Es war die Zeit, als er sich eingestand, dass er Männer liebte.

Er löste die Verlobung, behielt aber seine Vision: »Für mich war immer klar, dass ich eine Familie und Kinder haben wollte.« Ein paar Jahre hat er gekämpft – mit dem Coming-out, seiner neuen Identität, den Möglichkeiten und Modellen für sein Leben. »Nichts, was ich gesehen habe, passte zu mir«, sagt er. Dann setzte er sich hin und verfasste ein Manifest.

Es folgte zwei Leitsätzen: »Keine Lügen mehr, auch nicht mir selbst gegenüber«, lautet der eine. »Ich will nichts verpassen, was ich wirklich will«, heißt der andere. Mit diesen Prinzipien im Kopf schrieb er auf, wie er sich sein Leben vorstellt – mit einem Mann an seiner Seite, mit Kindern und mit einer Frau, die als Mutter mit ihm zusammen diese Kinder großzieht.

Er stellte das Manifest in ein Familienforum im Internet. Die ersten Reaktionen kamen prompt, und sie waren deutlich: »Das geht so nicht«, schrieb einer. »Du lebst in einer Traumwelt«, ein anderer. Ein Dritter erklärte: »Niemand wird das akzeptieren.« Manche mutmaßten, er sei nicht richtig schwul, sonst würde er keine Frau in seinem Leben wollen.

Tali lebte zu der Zeit mit einer Partnerin zusammen, die geschieden war und vier Kinder hatte. Zuvor hatte Tali einige Beziehungen mit Männern gehabt. »Ich hatte Freunde, die ich wirklich geliebt habe«, sagt sie, »ich liebe es zu lieben.« Mit 24 verliebte sie sich erstmals in eine Frau. »Danach habe ich das mit den Männern gelassen.«

Auch Tali spricht von einer »Vision«, die sie immer hatte: »Ich habe mein Elternhaus gesehen, davor eine Decke mit einem Kind darauf und im Hintergrund einen Mann.« Dieser Mann, das war klar, sollte der Vater ihrer Kinder sein und er sollte mit im Bild bleiben. »Ich habe immer gedacht, es muss jemanden wie mich auf der Männer-Seite geben«, sagt sie.

Auf der Suche nach einem Vater für ihre Wunschkinder fing sie an, sich mit schwulen Männern zu treffen, aber die fand sie alle »irgendwie seltsam«. Dann stieß sie auf Omris Manifest. Das stand inzwischen seit einem Jahr online. Omri hatte seine Idee innerlich schon aufgegeben, als er eine E-Mail von Tali bekam. Noch am selben Tag trafen sie sich. »Wir haben uns gesehen und uns umarmt«, sagt Tali. Auch Omri erinnert sich genau an diesen magischen ersten Moment, »wie in Zeitlupe« sieht er Tali auf sich zukommen. »Das war wohl Liebe auf den ersten Blick«, meint sie.

Für den zweiten Blick fuhren sie zusammen in die Wüste, eine Woche lang, zum Kennenlernen. Aus dieser Woche stammt ein Foto, das in der Küche steht, direkt unter dem hingewürfelten »HOME«: zwei Teetassen mit zwei Teebeuteln, deren Schnüre miteinander verknotet sind. So haben sie damals ihre beiden Leben miteinander verbunden. Rund um die Uhr redeten sie, immer ging es nur um eins: Familienplanung. »Gleich am ersten Tag haben wir darüber gesprochen, wie wir unsere Kinder nennen wollen«, sagt Tali.

Dann ging alles schnell: Nach zwei Monaten zogen sie zusammen. Kauften ein Haus in Jawne, einem Städtchen südlich von Tel Aviv. Jeder hat sein eigenes Stockwerk, jeder eigene Partner, aber ihre Familienvision hatten sie gemeinsam. In diesem Haus kam Mika zur Welt. Nach ein paar Jahren in der Provinz zogen sie nach Tel Aviv, vorübergehend in getrennte Wohnungen. »Das war eine Zeit, in der jeder von uns Platz brauchte für sein eigenes Leben«, sagt Omri. »Ich bin ein Partner, aber auch ein Individuum«, sagt Tali. Ein Platz fürs eigene Ich – auch das gehört zur Freiheit in dieser Familie. »Viele unserer Hetero-Freunde beneiden uns, weil wir unsere eigenen Zimmer haben«, sagt Omri. »Aber es ist immer klar, dass die Familie die Top-Priorität bleibt.« Eine Zeit lang also lebten sie als Nachbarn und trotzdem weiter als Familie. In dieser Zeit wurde Yanai geboren.

Das ist ihr Leben der vergangenen Jahre im Zeitraffer. Omri und Tali erzählen es wie einen Film – fröhlich, eingespielt wie ein altes Ehepaar, immer mit verteilten Rollen.

Zum Beispiel die Sache mit dem Kinderkriegen. Omri: »Als wir Mika gemacht haben, war ich in meinem Zimmer und machte Liebe mit meinem Computer, während Tali nebenan auf mich wartete.«

Tali: »Er kam an mit diesem Röhrchen voller Sperma. Wir lagen fast auf dem Boden vor Lachen.«

In Folge zwei, bei Yanai, war Eliya schon mit im Spiel.

Omri: »Das war das Lustigste überhaupt. Eliya und ich haben uns bei mir zu Hause geliebt. Dann musste ich raus auf die Straße und rüber zu Tali. Ich hab mich beeilt, weil ich nicht wusste, wie lange sich das hält.«

Tali: »Ich lag schon auf dem Bett bereit, da kam er angerannt und rief: Lieferservice!«

Beide Male klappte es sofort. Tali sagt: »Wir brauchen keinen Doktor und kein Labor.«

Nach Yanais Geburt zog die Familie wieder zusammen. Seither leben sie in dieser Wohnung mitten in Tel Aviv. Vom Wohnzimmer mit der offenen Küche aus zweigen die Schlafzimmer ab. Eins für Tali, eins für Omri und Eliya, eins für die Kinder. Eliya hat noch ein eigenes Apartment, doch meistens ist er hier. »Er ist der Glückspilz, er kann gehen, wenn es ihm mal zu viel wird«, sagt Omri. Eliya lächelt: »Aber ich bin auch ein Familienmensch.«

Daran allerdings hat er sich erst mal gewöhnen müssen. »Ich habe nicht gewusst, auf was ich mich da einlasse«, erzählt er. Es gab nicht wenige, die ihn damals vor diesem Abenteuer gewarnt haben. Doch er hat es angenommen – und wurde angenommen, sofort, stürmisch, herzlich. Auf dem Familiensofa sitzt Yanai auf seinem Schoß, Mika sitzt daneben und schmiegt den Lockenkopf an die Schultern ihres Vaters. Eliya war auch dabei, als Yanai auf die Welt kam, es war eine Hausgeburt. Und wenn Mika in der Schule eine Theateraufführung hat, dann gehen sie alle zusammen hin. »Die Kinder sind sehr stolz auf diese Familie«, sagt Eliya. Und das sagt auch er mit großem Stolz.

Der Alltag in dieser Familie ist wie überall. Arbeit, Schule, Hektik. Yanai vom Kindergarten abholen, Mika zur Flötenstunde bringen. Und so, wie andere Eltern darauf achten, als Liebespaar nicht unterzugehen im Familientrubel, so versuchen Tali und Omri, ihre Freundschaft zu pflegen. Wenn sie mal gemeinsam ausgehen am Wochenende, fragt Mika sie beim Rausgehen, was sie denn da so machen und ob sie sich am Ende auch küssen. Morgens dann kommen die Kinder oft zuerst zu Omri und Eliya ins Bett, anschließend ziehen sie weiter zu Tali.

Natürlich ist auch in dieser Familie manches heikel. Eifersucht ist ein Thema. Zwar nicht zwischen den Eltern, aber Omri hatte mal einen Partner, der eifersüchtig war – »er war nicht in der Lage, mein Leben voll zu akzeptieren, er wollte mich für sich allein.«

Tali hat Ähnliches erlebt. Jetzt ist sie wieder auf der Suche und merkt, dass es nicht leicht wird. Sie ist Mutter, sie ist Partnerin in einer Elternschaft, exklusiv ist sie nicht zu haben. »Weißt du, wo das zweite Date bei den Frauen stattfindet?«, fragt Omri. »Bei Ikea.« Tali lächelt, ein wenig gequält.

Als neulich die Stadt mal wieder beflaggt war mit den Regenbogenfahnen der Schwulenbewegung, da wollte Mika wissen, was es mit den bunten Farben auf sich hat. Tali erklärte ihr, dass die Farben Toleranz symbolisieren und Vielfalt. Und Mika sagte: »Dann steht jede Farbe für eine Möglichkeit, die anderen Menschen zu lieben.«

Peter Münch

Als der SZ-Korrespondent Peter Münch 2009 nach Israel kam, staunte er, dass die Menschen dort Kinder wie Könige behandeln. Manchmal denkt er, dass vieles im Nahen Osten besser wäre, wenn die Kinder an der Macht wären.

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