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Liebe Lieblingsfrau: Die Singlekolumne 08. Februar 2017

Ich will nicht dein Selfie sehen, sondern Dich

Von Michalis Pantelouris  Foto: Stephanie Pfaender

Mag sein, dass die Liebe oft an Alltäglichkeiten zerbricht. Sie wird durch den Kleinkram, der aus dem Alltag des Partners in den eigenen schwappt, aber auch erst richtig schön.



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Liebe zukünftige Lieblingsfrau,

heute ist einer dieser Tage, die man teilen müsste, damit sie sich überhaupt anfühlen wie gelebtes Leben. Ich würde dir erzählen, was heute passiert ist, aber nichts davon wäre es für sich alleine wert, dass man es erzählt. Man ruft keine Freunde an, um zu fragen ob sie wissen, wie ein Lied plötzlich wieder in die Heavy Rotation bei Radiosendern kommt. Ich meine, bei »Twist In My Sobriety« von Tanita Tikaram mag es irgendwie angehen, auch wenn es ein Rätsel ist, dass man es 20 Jahre lang gar nicht hört und dann innerhalb von vier Tagen drei Mal. Mysteriös. Aber »Deeply Dippy« von Right Said Fred, zweimal an einem Tag auf unterschiedlichen Sendern? Dafür kann es keine Rechtfertigung geben, das ist ein Angriff. Auf irgendwas. Ich möchte über solchen Quatsch reden. Über die komische Art, wie Willy und Hummel im Winter plötzlich kommen und mich kratzen, wenn sie gestreichelt werden wollen, weil ihnen das Wetter draußen zu schlecht und die Wohnung zu langweilig ist – Katzen können solche Muschis sein. Darüber, wie nervig es ist, wenn der eigene nutzlose Körper haargenau zwischen zwei T-Shirt-Größen steht, so dass man alle T-Shirts anprobieren muss, was im Laufe der Jahre wahrscheinlich Wochen an Lebenszeit frisst, oder man kauft blind und alle T-Shirts flattern komisch oder sitzen wie Wurstpelle.

In Wahrheit, Lieblingsfrau, ist mir total egal, worüber wir reden. Ich möchte einfach hören, wie es dir geht. Deine Laune spüren. An deinem Leben teilnehmen. Es ist komisch, aber das eigene Leben spürt man meist erst, wenn man ein anderes berührt, und seitdem ich so oft machen kann, was ich will, will ich eigentlich nichts mehr.

Ich habe aber auch einfach zu viel Zeit, glaube ich, vielleicht komme ich deshalb auf Ideen. Dann sitze ich abends mit dem Laptop auf dem Sofa, trinke Rotwein und stalke Exfreundinnen auf Facebook. Die sehen alle glücklich aus, zufrieden und wunderschön, eben so wie alle auf Facebook aussehen, inklusive mir. Auf meinen Fotos hatte ich das beste Jahr meines Lebens. Es ist eine alte Weisheit, dass man dringend Urlaub braucht, wenn man aussieht wie das Foto im eigenen Reisepass. Die neue Erkenntnis ist: Wenn du tatsächlich aussiehst wie deine Selfies auf Facebook, hast du das Nirvana erreicht.

Ich weiß nicht, ob du auf Facebook bist, zukünftige Lieblingsfrau, ich schätze, die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch. Es ist merkwürdig, mir vorzustellen, dass ich nur deinen Namen eingeben müsste und schon sähe ich dich, in deiner idealisierten Selfie-Form, aber das würde ich wahrscheinlich am wenigsten bemerken, ich neige auch ein bisschen dazu, dich zu idealisieren, falls du das noch nicht bemerkt hast.

Dabei fällt mir ein: Ich könnte die Frage, wie alte Lieder plötzlich wieder in die Heavy Rotation von Radiosendern kommen, auf Facebook posten. Andererseits ist mir die Antwort total egal, sonst würde ich sie ja googeln. Ich will gar nicht wissen, warum das so ist, ich will wissen, was dir dazu einfällt, was du dir vorstellst, warum das so ist. Ich will ja auch nicht die Welt erklärt bekommen, sondern dich, und keine Weisheiten hören, sondern deine Stimme. Nicht dein Selfie sehen, sondern dich selbst. Würde dir das was bedeuten?
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Michalis Pantelouris

Der deutsch-griechische Journalist lebt in Hamburg, und die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit sehr jungen Frauen: Seine Töchter sind, seitdem seine Frau sich von ihm getrennt hat, nur noch jede zweite Woche bei ihm. In den anderen Wochen hat er begonnen, sich auch wieder mit etwas älteren Frauen zu beschäftigen – was zwölf Jahre nach dem letzten Date gar nicht so einfach ist, wie es sein sollte. »Es ist genau wie Fahrradfahren«, sagt er, »wahnsinnig wackelig, wenn jemand anderes mit dabei ist.«