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Liebe Lieblingsfrau: Die Singlekolumne 01. März 2017

In meinem Bett liegt dein Hemd und daneben die nackte Panik

Von Michalis Pantelouris  Foto: Stephanie Pfaender

Unser Kolumnist hat eine Frau getroffen, die er mag, vielleicht sogar sehr. Das ist schön. Und extrem kompliziert.

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Liebe zukünftige Lieblingsfrau,

es hat eine Frau bei mir übernachtet, in meinem Bett, mit einem meiner T-Shirts an und einem Berg meiner Träume um ihren Hals. Und dann nochmal. Und jetzt sitze ich hier und habe eine Shampooflasche in der Hand, die sie im Bad vergessen hat, und in meinem Bett liegt ein Hemd von ihr, das sie in der zweiten Nacht anhatte, und ich fühle tausend Dinge auf einmal: Es ist wunderschön. Und ich habe plötzlich eine beklemmende Panik, weil mich alles, was sich gut anfühlt, gleichzeitig erinnert an ganz viel, das wehtut und jetzt auftaucht, obwohl es schon ziemlich lange her ist.

Ich weiß nicht, ob du das bist. Ich kann mir das vorstellen. Und wenn es so ist, dann weiß ich nicht, wann ich dir das hier zeige. Wahrscheinlich ist es dann egal, weil ich es dir sowieso erklären muss, die ganze Zeit. Ich habe nicht mit dem hier gerechnet. Verdammte Axt, das ist schon wieder so eine offene Flanke, die ich nie erkannt habe, obwohl ich es hätte erkennen müssen. Ich bin immer davon ausgegangen, wenn du auftauchst, dann bin ich überwältigt und alles andere ist egal. Jetzt bin ich gleichzeitig ganz schön angeknallt und es ist trotzdem gar nichts egal, sondern es kommt Zeug hoch. Du kannst ja nichts für das, was irgendeine Frau mir irgendwann mal angetan hat. Aber wenn da auf einmal eine Nähe zwischen uns ist, die sich anfühlt wie die schönste Nähe, die es gibt, dann kommen plötzlich die Gedanken daran hoch, dass ich erlebt habe, wie sie sich in etwas Furchtbares verwandeln kann. Verstehst du das?

Es ist das albernste auf der Welt, das an einer Shampooflasche festzumachen oder an einem Hemd im Bett. Wirf in mein Bett, was du willst, vor allem mich, aber meinetwegen auch alles andere, was dir einfällt – außer Playmobil. Playmobil ist das schmerzhafteste aller Spielzeuge, vertrau mir in dem Punkt. In allen anderen Punkten versuche ich, dir zu vertrauen. Glaub mir, ich versuche es wirklich. Wer hätte gedacht, dass das mal ein Thema wird?

Ich bin nicht mehr 20. Ich bin sogar ein bisschen mehr als zwei mal 20. Das heißt, ich mache mir ein paar Illusionen nicht mehr, und es müsste eigentlich heißen, ich kann Dinge ein bisschen entspannter angehen als früher. Ich habe sehr viel Druck nicht mehr: Ich muss keine Kinder mehr zeugen oder heiraten oder sonst irgendwas, ich kann das alles wieder tun, wenn ich will, aber falls es nie mehr passiert, wäre das auch okay für mich. Aber was mache ich, wenn dieses Gefühl bleibt: dass mit wachsender Nähe die Panik wächst? Dass sich alles, was sich gut anfühlt, gleichzeitig schlecht anfühlt? Es gibt ja nichts zwischen Affäre und Beziehung, entweder, man hält das alles auf einem Level und macht nicht viel mehr als sich zum Vögeln zu treffen, oder man muss sich darauf einlassen, dass es sich entwickelt; enger wird; näher. Dass man sich liebt. Ich habe jetzt zehn Minuten gebraucht, um diese vier Worte zu schreiben, aber, eben: dass man sich liebt. Dass man sich liebt wie verrückt und dabei sein Herz ganz hoch über das riesige Feuer mit den aufgepflanzten Speeren hängt, so dass es ganz sicher auf viele verschiedene Arten stirbt, wenn einmal die Stricke reißen.

Aber anders geht es ja nicht. Man muss da hoch. Man muss wieder mit wehenden Fahnen in die Schlacht ziehen und im Zweifel wieder genau so untergehen wie beim letzten Mal. Ich weiß das. Ich will das. Und ich werde trotzdem Panik haben. Und ich danke dir dafür.

Das hört sich vielleicht komisch an, aber ich danke dir tatsächlich dafür. Angst ist schließlich die einzig sinnvolle Gelegenheit, Mut zu haben. Und den habe ich. Wegen dir. Obwohl du vielleicht noch gar nicht aufgetaucht bist.

Was kannst du erst alles anstellen, wenn du erstmal da bist?
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Michalis Pantelouris

Der deutsch-griechische Journalist lebt in Hamburg, und die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit sehr jungen Frauen: Seine Töchter sind, seitdem seine Frau sich von ihm getrennt hat, nur noch jede zweite Woche bei ihm. In den anderen Wochen hat er begonnen, sich auch wieder mit etwas älteren Frauen zu beschäftigen – was zwölf Jahre nach dem letzten Date gar nicht so einfach ist, wie es sein sollte. »Es ist genau wie Fahrradfahren«, sagt er, »wahnsinnig wackelig, wenn jemand anderes mit dabei ist.«