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Wild Wild West: Amerikakolumne 02. März 2017

»Müssen Kinder in Zukunft Atemmasken tragen, wenn sie nach draußen gehen?«

Interview: Michaela Haas  Foto: Robin Loznak

Gibt es ein Recht auf eine intakte Umwelt? Wir haben mit der elfjährigen Avery McRae gesprochen, die die US-Regierung vor Gericht zwingen will, mehr gegen den Klimawandel zu tun – und schon erste Erfolge feiern konnte.

Die elfjährige Avery McRae (links) am 7. Februar dieses Jahres vor einem Gerichtsgebäude in Eugene, Oregon, in dem über die Klage von 21 jungen Menschen gegen die US-Regierung beraten wurde. Neben ihr steht eine weitere Klägerin.
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Die elf Jahre alte Avery McRae aus Eugene in Oregon darf zwar im Auto noch nicht vorne sitzen, aber sie legt sich bereits mit ganz großen Tieren an: Zusammen mit 20 anderen Kindern und Jugendlichen hat sie mit der Umweltorganisation Our Children's Trust die US-Regierung, den Präsidenten und die großen Energiekonzerne verklagt. Avery ist die zweitjüngste Klägerin. Als Kind, sagt Avery, habe sie ein Recht auf eine intakte Umwelt und die Regierung müsse mehr gegen die Klimaerwärmung unternehmen.

Die ersten Hürden hat die Klageschrift schon genommen. Am 8. März findet die nächste Anhörung statt. Noch in diesem Jahr soll es zur ersten Gerichtsverhandlung vor dem Bezirksgericht in Eugene, Oregon, kommen. Dass Trump den Klimawandel anzweifelt, hilft den Klägern vielleicht sogar, denn der Richter hat bereits entschieden, dass die Argumente auf wissenschaftlichen Befunden beruhen müssen und da sieht Avery die Kläger im Vorteil.

SZ-Magazin: Avery, warum verklagst du die amerikanische Regierung?
Avery McRae: Weil ich glaube, dass die Regierung, der Präsident und die Energiekonzerne mehr tun müssen, um meine Zukunft zu schützen. Sie müssen meine Generation und die Generationen nach mir beschützen.

Worüber machst du dir Sorgen?
Ich habe Angst, dass der Klimawandel so außer Kontrolle gerät, dass wir die Folgen nicht rückgängig machen können. Müssen Kinder in der Zukunft Atemmasken tragen, wenn sie nach draussen gehen oder werden sie in einer intakten Umwelt leben, in der sie im Sommer in den Flüssen baden und in den alten Wäldern wandern können und sich über den Klimawandel keine Sorgen machen müssen? Es geht darum, wie zukünftige Generationen überleben können.
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Wie fühlt sich das an, einen so mächtigen Apparat wie die amerikanische Regierung, den Präsidenten und all diese großen Konzerne zu verklagen?
Ganz schön verrückt. Worauf habe ich mich eingelassen? An manchen Tagen ist es fast zuviel. Aber wir machen das, um zu gewinnen – und die Regierung zu zwingen, wirklich etwas zu unternehmen.

Du lebst in Oregon, nahe des Pazifiks und umgeben von vielen Seen und Wäldern. Hat das was damit zu tun, dass du schon so früh angefangen hast, dich für Umweltschutz zu interessieren?
Ja, seit ich denken kann, sind wir am Wochenende immer draußen zum Wandern, Fischen oder Schwimmen. Ich reite auch viel. Aber sogar hier in Oregon sehen wir schon Anzeichen des Klimawandels: viel Erosion, Waldbrände, Überschwemmungen, damit fängt es an.

Engagierst du dich auch außerhalb der Gerichtsklage?
Ja, ich habe mit fünf meinen ersten Fundraiser veranstaltet. Ich habe ein Buch über Schneeleoparden gelesen, das ich sehr mochte. Auf der Rückseite stand, die seien vom Aussterben bedroht. Ich dachte, um Gottes Willen, das ist ja furchtbar. Warum schmeisse ich keine Party und sammle Spenden für den Snow Leopard Trust? Wir haben Kuchen gebacken und mit Schneeleoparden-Flecken dekoriert, und ich habe darüber gesprochen, wo Schneeleoparden leben. Ich habe 200 Dollar eingesammelt. Im nächsten Jahr habe ich es für Wölfe gemacht, das brachte 260 Dollar, und dann habe ich 300 Dollar für wilden Lachs gesammelt. Ich war auch mit dem Children's Trust im Climate Camp, da lernen wir über den Klimawandel, machen Quizze und solche Sachen.

Dein Vater Matt hat lange für die Nationalparks gearbeitet, dann als Klimaforscher für den Staat Oregon, nun arbeitet er seit kurzem für den Children's Trust, der das Gerichtsverfahren auf den Weg gebracht hat. Was entgegnest du Kritikern, die vielleicht sagen, die arme Avery wurde von ihren Eltern aufgestachelt?
Na, denen sage ich: Ihr kennt mich aber nicht persönlich! Ich kämpfe dafür, weil ich mich selbst informiert habe und ich habe genügend Beweise, dass die Klimaerwärmung tatsächlich stattfindet! Bei dem Gerichtsverfahren mitzumachen, war meine Idee. Meine Eltern haben gefragt: »Willst du das wirklich machen? Überleg dir das gut, denn das kann Jahre dauern.« Weil wir es mit der Regierung zu tun haben, kann es sein, dass ich schon mit dem Abitur fertig bin, bis das Urteil kommt. Aber ich will es selbst.

Ihr habt das Verfahren angestrengt, als Obama noch Präsident war. Inzwischen hat Amerika einen neuen Präsidenten, der den Klimawandel für einen Schwindel hält.
So viele Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass sich das Klima erwärmt. Schaut euch die wissenschaftlichen Studien an! Ich hoffe, das Ergebnis des Gerichtsverfahrens wird sein, dass die Regierung einen Plan vorlegt, wie sie die Kohlendioxid-Emissionen senken will. Das ist mein Hauptziel.

Verfolgst du denn, was die neue Regierung so alles macht? Zum Beispiel hat sie gleich nach Trumps Amtsantritt alle Informationen über den Klimawandel von der Webseite der Regierung gelöscht.
Yep, das ist craaazy. Auch wenn Trump anderer Meinung ist, muss er doch die Leute informieren!

Hoffst du, dass das Gerichtsverfahren mehr Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt?
Ich hoffe, wir machen genügend Druck, dass die Leute aufwachen und verstehen, dass wir hier ein echtes Problem haben. Der neue Präsident wird da nicht helfen, im Gegenteil, er macht alles nur schlimmer. Ich hoffe, dass das ein Weckruf für die Leute ist. Die Leute werden aufwachen und sagen, wow, was haben wir angerichtet und warum haben wir das nur getan?

Was würdest du denn dem Präsidenten an Lektüre empfehlen, damit er sich da mal schlau machen kann?
Er soll mal James Hansens Sachen lesen.

James Hansen ist einer der bekanntesten amerikanischen Klimaforscher, der schon in den Achtzigerjahren vor der Erderwärmung warnte. Von 1981 bis 2013 war er Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA und hat auch euer Gerichtsverfahren initiiert. Hast du ihn schon mal persönlich getroffen?
Ja, wenn er kommt, ist immer irrsinnig viel los, dann gehen wir zu Hearings und solchen Sachen. Bei den beiden Anhörungen vor Gericht waren wir alle dabei und hörten die Argumente. Einige waren ziemlich verrückt, weil die Rechtsanwälte der Ölfirmen versuchten zu verhindern, dass es überhaupt zu einer Gerichtsverhandlung kommt. Dabei sagten sie einen ganzen Haufen Sachen, die gar nicht stimmen. Einer der Rechtsanwälte sagte, der pazifische Ozean gehöre der Regierung und sie könnten den Pazifik an Exxon verkaufen, wenn sie wollten. Das fand ich echt merkwürdig. Das hat mich sehr irritiert.

Wenn du einmal die Gelegenheit hast, Trump zu treffen, was würdest du ihm sagen?
Uff! Ich würde sagen: Hör den jungen Leuten zu, denn wir werden am meisten betroffen sein. Du musst verstehen, dass der Klimawandel Realität ist. Was du da gerade veranstaltest, macht es für meine Generation und die Generationen nach mir viel schlimmer. Ich meine, du warst doch auch mal ein Kind. Wie hättest du es als Kind gefunden, wenn jemand kommt und dir dein Recht auf eine gesunde Umwelt wegnimmt?
Michaela Haas

ist deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles und wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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