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Gesellschaft/Leben 18. März 2017

Warum Elvis nun auch schwarz und blond sein muss

Von Nataly Bleuel  Emojis: EmojiOne; Illustration: Anaïs Hüttenbrink

Als unsere Autorin Emojis mit schwarzer Hautfarbe benutzt, heißt es plötzlich, das sei rassistisch. Und schon ist sie mittendrin im Minenfeld der politischen Korrektheit.

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Kürzlich wurde ich gebeten, ich war gerade auf dem Weg zum Einkaufen, keine »schwarzen Emojis« mehr zu benutzen. Ich lese die Message, mir stockt der Atem. Ich laufe in den Supermarkt, Smartphonehaltung Genickstarre, packe auf Autopilot Waren in den Wagen und überfliege währenddessen die Artikel, die mir die Bittstellerin verlinkt hat, aus The Atlantic, Wired und Medium. Mit der beigefügten Kurzfassung: dass man »als weiße Person sozusagen immer der Default« sei und »schwarze/braune Emojis« für Menschen seien, »die sich so identifizieren möchten«.

Was bin ich? Der »Default«? Ich verstehe nichts und wische leicht hysterisch über die Analysen. An der Kasse pocht mein Herz zum Hals, vermutlich habe ich rote Flecken im Gesicht. Denn: Ich will auf gar keinen Fall eine Rassistin sein!

Wie konnte es dazu kommen?

Ich war in Ghana gewesen und hatte es dort als angemessen empfunden, mich der landesüblichen Hautfarbe und der landesüblichen Stimmung anzupassen. Seither waren unter meinen Emoji-Favoriten: eine schwarze Faust mit dem Daumen nach oben und eine geballte schwarze Faust. Für mich passte das zu den Menschen, mit denen ich in jenem Land zu tun hatte. Stolze Menschen, die kein Problem mit ihrer Hautfarbe zu haben schienen und überaus offen und häufig gut drauf wirkten. Obwohl ihre Lebensverhältnisse häufig überaus schwierig sind. Die geballte schwarze Faust war für mich ein super Symbol für: Power to the people!

Doch jetzt bläst mir, ich habe die Einkäufe aufs Fahrrad gehievt, strampele los und fühle mich total beschissen, ein scharfer Wind aus dem Westen entgegen. Die Bittstellerin meint, in den USA seien schwarze Emojis »eine Riesendiskussion«. Voll neurotisch und hysterisch, denke ich, während ich die Treppen zur Wohnung hochstapfe. Die Diskussion geht ungefähr so: Zuerst gab es nur Emojis mit gelblichem Teint - das Standard-Emoji, der »Default«. Das ist natürlich eindimensional, denn es gibt eine Vielfalt an Hautfarben, Kopfbedeckungen, Speisen und Flaggen. Und nicht nur gelbliche Männer mit Hut und Hamburger vor Stars und Stripes. Also wurde über die Jahre die Palette der Zeichen erweitert. Dennoch werden seltsamerweise weiterhin vorwiegend Emojis mit gelblichem Teint benutzt. Der fahlweiße so gut wie nie, fast ebenso selten wie der tiefdunkle. Obwohl das überhaupt nicht die Vielfalt der Emoji-Versender widerspiegelt. Dunkelhäutige Emoji-Sender, heißt es, müssten sich besonders gut überlegen, ob sie sich mit ihrer tatsächlichen Hautfarbe per Emoji outen wollten; sie seien damit sofort disponiert.

Schließlich kam es zu einem Eklat um irgendeine berühmte amerikanische Seriendarstellerin, die mitteldunkle Emojis benutzte und auf den Einwurf einer dunkelhäutigen Userin, diese Farbe stehe ihr nicht zu, erwiderte: Sie habe einen schwarzen Gatten und zwei Kinder mit ihm und das sei ja wohl blöder, oberflächlicher Rassismus beziehungsweise eine Art Gegen-Rassismus. Und so entspann sich eine hitzige Debatte über den Unterschied von Vorurteilen und Rassismus und wer was sagen, was sehen und was senden darf.

Ich muss gestehen, dass ich in meiner Antwort auf die Bittstellerin zuerst ebenfalls geschrieben hatte, dass sich von meinen dunkelhäutigen Freund*en noch keine*r – ich hatte sicherheitshalber das Asterix gesetzt, ich befand mich auf vermintem Gelände – über die schwarze Faust echauffiert hatte. Doch ich löschte das. Es erschien mir zu hilflos. Und so begann ich, zuhause angekommen, meine strukturalistisch-semiotische Uni-Lektüre aus dem Regal zu zupfen. Denn ich hatte das Gefühl, dass wir hier einem Missverständnis aufsaßen. Das sich irgendwo verbarg zwischen dem, was wir sahen, sagten und sendeten. Es gibt in der Lehre der Zeichen und Symbole das semiotische Dreieck. Das semiotische Dreieck veranschaulicht eine ambivalente Beziehung, nämlich die zwischen einem Begriff, einem Symbol und einem Ding. Das Symbol ist in unserem Fall das Emoji »schwarze geballte Faust«. Sie steht, sagen die Semiotiker, nicht direkt für eine reale schwarze geballte Faust. Sondern für das, wovon ich mir einen Begriff mache; für das, was eine schwarze geballte Faust für mich bedeutet. Und das kann etwas anderes sein als das, was sie für die Empfängerin meiner Message bedeutet.

Für mich sind Emojis Zeichen und Symbole und offenbar habe ich nicht mitbekommen, dass Emojis mittlerweile die Wirklichkeit abzubilden haben. Ich komme aus den Urzeiten des Internet, als man Spaß dran hatte, ebenda nicht das zu repräsentieren, was man im Real Life darstellt. Was auch immer das ist, denn auch unter der Wirklichkeit kann jeder etwas anderes verstehen. Aufgrund des semiotischen Dreiecks und der radikalkonstruktivistischen Schriften weiter rechts im Regal. Aber egal. Kommunikation gelingt, wenn man sich auf das gleiche Verständnis eines Zeichens einigt. Und für mich ist die schwarze Faust eben, sorry, ein Symbol für Empowerment. Und nicht »meine« Hand.
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Was mache ich denn jetzt, frage ich die Bittstellerin? Darf ich jetzt nur noch Emoji-Gesichter senden mit kinnlangen blonden Locken? Die allerdings gefärbt sind! Soll ich jetzt ein mittelweißes Gesicht mit blond gefärbten Haaren posten oder mit den echten straßenköterfarbigen? Oder ist das, denke ich, als ich die Message abgeschickt habe, tief drin auch schon wieder eine sexistische, blondinenfeindliche Überlegung? Und eigne ich mir mit der schwarzen Faust nicht doch schon wieder in diesem notorisch-historischen Ermächtigungs-Akt die schwarze Geschichte, Kultur und Symbolik an? Verdammt! Ich bin so verunsichert. Und das alles könnte noch dazu Abwehr sein, Gegenübertragung, bornierte Ignoranz und freudianische Verdrängung.

Die Bittstellerin schickt mir ein »Diversity-Emoji«. Es ist eine Daumen-hoch-Faust, die alle Hautfarben durchchangiert. Auch unzählige andere Emojis gibt es inzwischen in mehreren Haut- und Haarfarben, was zur kuriosen Situation führt, dass man Elvis inzwischen auch in schwarz oder blond bekommt. Die changierende Faust habe ich übrigens noch nicht benutzt. Noch schwelt Trotz in mir. Aber die schwarze Faust benutze auch nicht mehr. Aus Angst. Dafür aber neuerdings häufig, das fällt mir bei meiner Selbstanalyse auf: rote Teufel und bunte Clowns. Wahrscheinlich weil ich genau das bin.

Die hier gezeigten Emojis stammen von EmojiOne.
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