Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 24°
Anzeige
Anzeige

Wild Wild West: Amerikakolumne 21. März 2017

Hochzeit mit 12, Scheidung mit 18

Von Michaela Haas  Foto: Getty Images/Shestock

In vielen amerikanischen Bundesstaaten, sogar in New York, sind Kinderehen legal. Die Opfer wollen das ändern und betroffenen Mädchen helfen, doch es gibt groteske Hindernisse.

Teenager in Tüll – in den meisten US-Bundesstaaten sind Eheschließungen von Minderjährigen legal.
Anzeige
Safia Mahjebin erinnert sich, dass ihr Vater schon von ihrer Hochzeit sprach, als sie erst 10 Jahre alt war. »Ich sei nichts wert, ich solle eine gute Tochter sein, und zu heiraten sei doch das Mindeste, was ich tun könnte.« Als Safia 16 wurde, half der Vater den Verbalattacken mit Schlägen nach. Die heute 19 Jahre alte Safia, in Bangladesch geboren, wuchs in Brooklyn, New York, auf und beobachtete, wie ihre beste Freundin bereits während des letzten Schuljahrs als Teenager mit einem acht Jahre älteren Mann verheiratet wurde. »Ich bin zur Hochzeit gegangen, aber es war kein freudiges Fest. Ich hatte Angst um ihre Sicherheit, ihre Zukunft, und dass ich als nächstes dran sein könnte.«

Kinderehen? Mitten im progressiven New York? Ist das nicht ein Problem von Entwicklungsstaaten?

Safia trägt einen himmelblauen Hijab auf dem Kopf und um den Hals ein rotes Stop-Schild, auf dem steht: »Stoppt Kinderheirat in Amerika«. Sie spricht in New York auf einer Protestaktion, um für eine Gesetzesänderung zu plädieren: »Allein im Staat New York wurden zwischen 2000 und 2010 3850 Mädchen verheiratet, die zum Teil erst 14 Jahre alt waren«, hat sie recherchiert und redet sich nun in Rage. »Weisst du, was man mit 14 macht? Man trägt Zahnspange, man geht in die 9. Klasse, man schwärmt vielleicht für einen Jungen aus der Nachbarklasse.« Der Staat New Jersey hat am 13. März als erster amerikanischer Bundesstaat Ehen unter 18 Jahren kategorisch verboten. Safia will, dass New York gleich zieht. Sie spricht davon, dass »heute geschätzt 9,5 Millionen Frauen in den Staaten leben, die einmal Opfer einer Kinderheirat oder einer erzwungenen Hochzeit wurden. Ich sage ›geschätzt‹, weil der Mangel an verlässlichen Daten enorm ist«, fügt Safia hinzu.

Safia kann darüber sprechen, weil sie Glück im Unglück hatte: Ihrer Schulleiterin fiel auf, dass etwas nicht stimmte, und sie fragte Safia, ob sie sich zuhause sicher fühle. Die aufgeweckte Safia öffnete sich ihr, erzählte ihr von dem Druck zuhause, endlich zu heiraten, und mit Hilfe der Schulleiterin zog sie in ein Jugendheim. Gleichzeitig begann sie, sich in der Organisation Sanctuary for Families zu engagieren. Und erst dort erfuhr sie etwas, das auch den meisten Amerikanern nicht klar ist: »Da lernte ich, dass es in meinem eigenen Staat New York legal ist, als 14-Jährige zu heiraten. Ich fühlte mich verraten. Das einzige, was meinen Vater daran gehindert hat, war, dass er glaubte, in Amerika sei es nicht erlaubt, mich zu verheiraten, bevor ich 16 war.« Tatsächlich ist das aber nicht nur in New York legal, sondern auch in vielen anderen amerikanischen Staaten. 27 davon haben gar keine Altersbegrenzung. »Er hätte mich in New York verheiraten können, und ich hätte keine Möglichkeit gehabt, mich dagegen zu wehren«, musste Safia erkennen. »Ich dachte, der Staat würde mich beschützen.«

Fraidy Reiss, die Gründerin der Hilfsorganisation Unchained At Last, hat mit ihren freiwilligen Helfern die Heiratsurkunden aller Bundesstaaten durchforstet, und die Zahlen, die sie dabei zu Tage förderte, sind erschreckend: »Wir haben herausgefunden, dass von 2000 bis 2010 in 38 Bundesstaaten mehr als 176000 Kinder verheiratet wurden, fast alle von ihnen Mädchen, manche waren dabei erst 12 Jahre alt, und fast immer waren die Männer mindestens 18 oder älter.« Zwölf weitere Staaten veröffentlichen die Altersangaben nicht. »Wenn wir die Staaten nehmen, wo wir das Heiratsalter kennen und die Zahlen übertragen, dann heisst das, dass zwischen 2000 und 2010 knapp 248000 Kinder in Amerika verheiratet wurden, also fast eine Viertel Million. In vielen Fällen kommt das einer staatlich sanktionierten Vergewaltigung von Minderjährigen gleich. Mädchen, die früh verheiratet werden, beenden oft ihre Ausbildung nicht. Sie werden früh schwanger. Sie sind Gewalt ausgeliefert. Sie werden sehr wahrscheinlich in Armut enden.«

Auch in Deutschland tobt derzeit ein Kampf um die Kinderehe: Knapp 400 ausländische Kinder unter 14 Jahren und knapp 1500 Minderjährige unter 18 Jahren sind im Ausländerzentralregister als verheiratet eingetragen. Fast die Hälfte dieser verheirateten Kinder kommt aus Syrien. Justizminister Heiko Maas möchte Ehen für Minderjährige unter 18 Jahren grundsätzlich verbieten. Da findet er breite Zustimmung, kompliziert wird es aber bei seinem Vorschlag, bereits bestehende Ehen von Minderjährigen, die einwandern, automatisch annullieren zu lassen. Nicht selten ist das gerade für die Mädchen mit enormen Gefahren und weiteren Stigma verbunden. (Mehr dazu in zwei Artikeln aus der SZ, hier und hier.)

Aber in Amerika sind die Kinderehen nicht nur ein eingeschlepptes, sondern auch ein hausgemachtes Problem. Der wohl prominenteste Fall ist der Musiker Jerry Lee Lewis, der vor vielen Jahren seine 13 Jahre alte Cousine heiratete. »Wir sehen Mädchen aus allen wirtschaftlichen Schichten, allen Religionen, allen Kulturen«, sagt Fraidy Reiss, 42, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit Unchained at Last Kinderehen in Amerika zu verbieten.

Seit sie Unchained vor fünf Jahren gründete, hat sie Hunderte von Anrufen entgegen genommen von Mädchen, die um Hilfe flehten: Muslima wie Fatima, die mit 15 in Brooklyn ihren Cousin heiraten musste, aber auch junge Amerikanerinnen wie Michelle deMello, die bis zuletzt hoffte, der Priester würde doch merken, dass sie als schwangere 16-Jährige diese Ehe nicht wollte oder Esther, die im ländlichen Amerika in einer jüdisch-chassidischen Glaubensgemeinschaft aufwuchs. »Das ist bei weitem nicht nur ein Problem von Einwanderern«, musste Reiss feststellen. »Das einzige, was diese Mädchen gemeinsam haben, ist, dass sie meist in relativ isolierten Gemeinschaften aufwachsen und unglaubliche Schwierigkeiten haben, sich aus diesen Ehen zu befreien.«

Fraidy Reiss ist selbst in einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde aufgewachsen. Wenn man sie fragt, warum sie sich gegen Zwangsehen engagiert, erzählt sie, dass auch sie Opfer einer Zwangsehe wurde. Da war sie zwar kein Kind mehr, sondern gerade 19 geworden, »aber ich war von klein auf darauf vorbereitet worden, jung zu heiraten. Da gab es keine anderen Optionen. Meine Eltern verheirateten mich mit einem Fremden. Innerhalb einer Woche wurde er gewalttätig und ich wollte weg, aber ich fand schnell heraus, dass es keinen Ausweg gab. Meine Eltern halfen mir nicht, ich hatte keine Ausbildung, kein Bankkonto, war komplett von meinem Mann abhängig. Er erlaubt mir nicht zu arbeiten oder zu verhüten. Nach elf Monaten bekam ich meine erste Tochter.«

In ihrer jüdischen Gemeinschaft kann sich zwar der Mann von seiner Frau scheiden lassen, aber die Frau nicht vom Mann. »Der einzige Ausweg wäre gewesen, wenn meine Eltern mich zurück genommen hätten, aber sie weigerten sich.« Sie brauchte 15 Jahre, um sich und ihre beiden Töchter aus dieser gewaltbeladenen Ehe zu befreien, holte ihren Uni-Abschluss nach und arbeitete erst als Journalistin, dann als Privatdetektivin, bevor sie ihre Hilfsorganisation gründete.
Anzeige

Erst wollte sie sich nur um die bedürftigen Mädchen kümmern, aber schnell wurde ihr klar, dass nur gesetzliche Änderungen wirklich einschneidende Veränderungen bewirken würden. Zwar braucht es in vielen Bundesstaaten für Bräute unter 18 Jahren eine elterliche Erlaubnis, »aber die Eltern sind ja in der Regel diejenigen, die das Kind in die Ehe zwingen«, sagt Reiss. »Für Kinder, die jünger als 16 oder 14 sind, ist je nach Bundesstaat zusätzlich eine richterliche Einwilligung nötig, aber wer glaubt, das sei ein ernsthaftes Hindernis, kennt die Verhältnisse hier nicht. Da geht es nur um eine Unterschrift, die leicht zu bekommen ist. Für die Richter ist es oft schwer erkennbar, ob ein Mädchen in die Ehe gezwungen wird. Die Eltern haben viele Möglichkeiten, ihr Kind unter Druck zu setzen - es wird eingesperrt oder damit bedroht, ins Heimatland zurück geschickt und dort verheiratet zu werden, wenn es nicht kooperiert.«

Gerade wenn ein Mädchen schwanger sei, hat Reiss erfahren, »glauben viele Richter offensichtlich, dass es besser ist für das Mädchen, den Vater zu heiraten. Dabei zeigen Studien klar, dass es Teenager-Müttern, die single bleiben, wesentlich besser geht.« Fraidy Reiss ist sich sicher: »Die einzige Lösung ist zu warten, bis sie 18 sind. Sobald sie erwachsen sind, können sie ihr Zuhause verlassen, in ein Frauenhaus gehen oder sich vor Gericht wehren, aber das können Mädchen alles nicht, wenn sie nicht volljährig sind.«

Deshalb musste sich auch bei Unchained feststellen, dass es ihr zwar oft gelingt, volljährigen Frauen zu helfen, die sich aus einer Zwangsehe befreien wollen, aber wenn Minderjährige sich bei ihrem Notruf melden, »haben wir fast nie ein positives Ergebnis. Wir können den Mädchen nur raten: Versucht es hinaus zu zögern, so lange es geht. Wir können die Mädchen nicht aus ihren Familien herausholen, weil wir sonst des Kidnappings bezichtigt werden können. Wir können den Kinderschutz nicht einschalten, wenn die Mädchen nicht physisch misshandelt werden, weil die Ehen ja legal sind und die Sozialarbeiter den Konflikt oft als innerfamiliäre Streitigkeit abtun.« Erfolgsgeschichten wie die von Safia Mahjebin, die sich vor der Ehe retten konnte, sind extrem selten. »Oft laufen die Mädchen dann von zu Hause weg, weil sie denken, sie seien auf der Straße besser aufgehoben«, sagt Reiss, »aber das ist natürlich extrem gefährlich. Es bricht mir jedes Mal das Herz.«
Michaela Haas

ist deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles und wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.