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Reportage 23. März 2017

Wo Dörfer waren, sollen Bäume wachsen

Von Marc Schürmann  Fotos: Moises Saman

Als Zeichen des Friedens werden mit Spenden aus Deutschland in Israel Wälder gepflanzt. Aber das Projekt hat eine Schattenseite, wie eine Reportage von SZ-Magazin-Autor Michael Obert zeigt.

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Und dann muss Awad Abu-Freih schnell weg. Ein befreundeter Nachbar hat ihn gerade auf dem Handy angerufen: Die Leute vom Jüdischen Nationalfonds seien im Anmarsch. Abu-Freih fürchtet, dass sie ihn ins Gefängnis stecken, sollten sie ihn hier erwischen. Dabei steht er gerade auf seinem eigenen Grundstück, aber darum geht es ja.

Awad Abu-Freih ist ein Oberhaupt arabischer Beduinen, einer muslimischen Minderheit, die in der israelischen Wüste Negev als Halbnomaden lebt. Die Beduinen sind israelische Staatsbürger, laut demokratischer Bürgerrechte gleichberechtigt mit den israelischen Juden. Doch rund 60.000 Beduinen leben in Dörfern, die der israelische Staat nicht anerkennt. Die Bewohner dieser Dörfer leben mit der täglichen Bedrohung, dass der israelische Staat seine Bagger schickt und ihre Häuser abreißen lässt, um stattdessen jüdische Siedlungen zu errichten. Oder riesige Wälder.

Der Ort, an dem Awad Abu-Freih steht, als sein Nachbar ihn warnt, ist ein solcher Wald – der Wald der deutschen Länder. Deutsche Institutionen, Städte, Regionen haben hier Bäume pflanzen lassen als Mahnmale, um der Opfer des Holocaust zu gedenken. Nur: Awad Abu-Freih zeigt eine Reihe von Kaufurkunden, die belegen, dass der Boden, auf dem nun der Wald der deutschen Länder sich ausbreitet, seiner Familie gehört. Auch viele andere Grundstücke, die der israelische Staat wie sein Eigentum nutzt, gehören offenbar eigentlich Beduinen. Doch Israel erkennt diese Eigentumsverhältnisse nicht an.

Der Jüdische Nationalfonds, vor dem Abu-Freih wegläuft, ist Israels größte Umweltorganisation und es ist jene Institution, die diese Gedenkwälder pflanzt und verwaltet. Abu-Freih ist bei Weitem nicht der Einzige, der meint: Die Wälder haben in Wahrheit den Zweck, Beduinen zu vertreiben. Dagegen kämpft Abu-Freih.

Unser Reporter Michael Obert und der Fotograf Moises Saman sind im Negev in Dörfer gereist, deren Bewohner täglich mit den Bulldozern der Regierung rechnen. Obert und Saman haben zudem Experten aufgesucht, Kritiker, auch Vertreter der israelischen Regierung – und sie haben mit deutschen Institutionen gesprochen, die zu den Stiftern des Waldes gehören. Denn ein deutscher Gedenkwald in Israel zum Zeichen der Freundschaft und Versöhnung beider Völker nach den deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg – auf dem Land einer zwangsvertriebenen Minderheit: Heikler geht es kaum.

Lesen Sie die Geschichte von der Enteignung der Beduinen jetzt mit SZ Plus.

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