Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 27°
Anzeige
Anzeige

Vorgeknöpft: die Modekolumne 23. März 2017

Die Karawane sieht weiter

Von Maria Hunstig  Foto: RTL / Stefan Gregorowius

In der Wüste Dubais setzt die DSDS-Jury um Dieter Bohlen auf plumpe Orient-Klischees. Und was hat es mit den vollverspiegelten Sonnenbrillen auf sich?

Mittendrin statt nur Dubai: H.P. Baxxter, Schlagerstar Michelle, Youtuberin Shirin David, Dieter Bohlen – die diesjährige Jury von DSDS.

Anzeige
RTL hat seine in die Jahre gekommene Castingshow Deutschland sucht den Superstar (DSDS) in die Wüste geschickt. Leider ist das hier nur wörtlich zu verstehen – tatsächlich verfrachtete das Produktionsteam den »Auslands-Recall« der aktuellen Staffel in die Wüste außerhalb Dubais. Wo sonst könnten technische Infrastruktur sowie Akustik- und Sichtverhältnisse besser sein?

Am vergangenen Samstag war das Wüstenwettsingen dann im Fernsehen zu sehen. Optisch hatte man sich viel Mühe mit der vermeintlich landestypischen Inszenierung gemacht: Das DSDS-Jurypult erstrahlte mit ornamentaler Verzierung, daneben stand eine Wasserpfeife, in jeder Kameraeinstellung ein paar Kamele im Hintergrund. Und auch kleidungstechnisch musste man nach stilistischen Peinlichkeiten nicht lange suchen: Die Kandidaten schienen nicht nur beim Gesang, sondern auch in ihrer Interpretation mutmaßlich »orientalischer Outfits« gegeneinander anzutreten. Nachwuchssängerinnen zappelten im knappen Bauchtanz-Dress herum (ja, auch für Tanzperformances ist so ein Sandboden eher ungünstig), klimpernde Münzketten vor der Stirn und Palästinensertücher auf dem Kopf.

Und die Jury tat es ihnen gleich. Fürs exotische Wüstenshooting schmissen sich Dieter Bohlen und Scooter-Frontmann H.P. Baxxter in bodenlange weiße Gewänder und Turbane, Schlagerstar Michelle wählte eine goldgeschmückte Tunika, Youtuberin Shirin David eine Art schleierhaftes Tüllkleid mit orientalischer Verzierung, dessen durchsichtige Stoffbeschaffenheit in der arabischen Öffentlichkeit wohl eher für einen Eklat sorgen dürfte.

Zum eigentlichen Vorsingen trugen alle vier dann aber doch wieder ihre gewöhnliche Kluft. Baxxter irgendein schwarzes Bandshirt, Bohlen irgendwas von Camp David, Michelle irgendwas Mädchenhaftes, Gesamtkunstwerk Shirin David weiterhin ihr Feenkleid. Gleichbleibender Beliebtheit erfreut sich dabei nur ein Accessoire: die vollverspiegelte Sonnenbrille.

Ihren Zenith hatten derartig verblendende Brillengläser Anfang der 2000er, als »Cyber« ein Schlagwort und die Sportsonnenbrillen des amerikanischen Herstellers Oakley der letzte Schrei waren. Seitdem wurden ähnliche Modelle fast ausschließlich an Hobby-Snowboardern in Ischgl, oberkörperfreien Inline-Skatern, glatzköpfigen Actionhelden sowie hängengebliebenen Techno-Jüngern gesichtet – bis die vollverspiegelten #reflectiveshades zuletzt von zahlreichen Bloggern und Influencern (siehe David) wiederentdeckt wurden, weil sie sich so nahtlos in den roségoldenen Instagram-Feed einfügen. Was aber lässt Bohlen und Co. zum Spiegelglas greifen?

Möglicherweise ist auch die prollige Brillenwahl ein Versuch ortsgerechter Kleidung – im luxustouristischen Dubai mit seinen künstlichen Inseln und riesigen Wolkenkratzern geht es ja auch sonst eher um Klotzen statt Kleckern. Überdies ist so eine vollverspiegelte, keinen Blickkontakt zulassende Sonnenbrille natürlich das optimale Hilfsmittel für ein ausgefuchstes Pokerface bei der Beurteilung der dargebotenen Gesangsauftritte.

Doch wir vermuten hinter der gemeinschaftlichen Brillenwahl einen anderen Grund: schlichte Eitelkeit. Wer seinem Gegenüber tief in die verspiegelten Augen blickt, kann schließlich ganz unbemerkt prüfen, ob die eigene Maske noch sitzt – bei 40 Grad kein so unwichtiges Argument.

Wird getragen von: Action-Sportlern und -Helden bzw. solchen, die es gern wären, Instagram-Stars wie Kylie Jenner
Wird getragen mit: Schmollmund und vielen Hashtags auf Instagram
Das sagt Michelle: »Dieter, kannst du mich mal angucken? Ich muss nachpudern!«
Anzeige
Maria Hunstig

ist Redakteurin beim Modefachmagazin Sportswear International. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Sternhageltoll

    Queen Elizabeth II. eröffnet die neue Sitzungsperiode im britischen Unterhaus in einem Hut-Kostüm-Ensemble, das an eine EU-Flagge erinnert. Was sie den Abgeordneten damit sagen will.

    Von Annabel Dillig
  • Anzeige
    Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Ein runder Trip

    Janis Joplin hat sie geliebt, Kurt Cobain hat sie abgrundtief gehasst: Batik-Shirts. Eigentlich ist die Zeit der Flower-Power-Muster vorbei. Warum trägt sie dann ausgerechnet Coldplay-Sänger Chris Martin seit Jahren bei Konzerten? 

    von Silke Wichert
  • Vorgeknöpft: die Modekolumne

    Zu kurz gedacht

    Brigitte Macron trägt Miniröcke – und muss sich im Internet Vergleiche mit Kühlregal-Produkten und pseudo-empörte Fragen wie »Gehört sich das?« gefallen lassen. Silke Wichert über die perfide Mischung aus Bodyshaming und Altersmobbing.

     

    Von Silke Wichert