Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 14/2017 Design & Wohnen

Hier gleicht kein Ei dem anderen

Von Till Krause  Fotos: Luke Stephenson

Damit kein Clown den Schminkstil des anderen kopiert, pflegt die Branche ein sonderbares Archiv: In einem Museum in Somerset sind die Masken aller Kollegen auf Eierschalen verewigt.



Anzeige
Der Umgang von Zirkusclowns untereinander folgt keinen sichtbaren Regeln. Dem anderen eimerweise Wasser über den Kopf schütten: okay. Bein stellen, Nase lang ziehen, Knallfrösche werfen: kein Problem. Doch unter Clowns gibt es durchaus einen Ehrenkodex – und einen Verstoß, der unverzeihlich wäre: Wenn ein Clown das Make-up eines Kollegen kopiert und damit seinen Charakter. Auch wenn die Phänotypen mit ihren roten Nasen, wilden Haaren oder weißen Gesichtern sich ähneln – genau gleich sehen sie nicht aus. Und wenn doch, ist es ein Versehen, das es zu beheben gilt. Nur wie? Einer der beiden müsste zeigen, dass er genau diesen Lidstrich, jenen Schmollmund oder das neckische Hütchen zuerst für sich in Anspruch genommen hat.


Und da kommt Stan Bult ins Spiel. Der Gründer des »International Circus Clowns Club«, einer Art Zusammenschluss von Berufsclowns, hatte 1946 die Idee, den Schminkstil jedes Mitglieds zu registrieren und damit gegen Kopien abzusichern.

Er hätte die Clowns fotografieren können. Oder ihre Gesichter in Öl auf Leinwand verewigen. Aber aus Gründen, die nur er kannte, hielt Bult es für angebracht, die Mitglieder seines Verbandes jeweils auf ein ausgeblasenes Hühnerei zu malen und die so entstandenen Porträts in einer Vitrine auszustellen. So ist ein Archiv an Clowns entstanden, das so hoheitliche Aufgaben erfüllt wie ein Patentamt, aber so fragil wirkt wie der Berufsstand selbst. »Einige von Bults frühen Werken sind im Lauf der Jahrzehnte kaputtgegangen«, sagt der englische Fotograf Luke Stephenson, der Hunderte dieser Ei-Clowns fotografiert hat. Nach Bults Tod 1966 sind zudem einige Eier verschollen, und sowieso geriet die Tradition in Vergessenheit. Erst in den Achtzigerjahren wurden die Eierköpfe wiederentdeckt und weitergeführt. »Jedes neue Mitglied bekommt so ein Porträt, das ist Teil des Aufnahmerituals«, sagt Ian Williams, Künstlername Smartii Pants, einer der Sprecher des Clownverbandes, der nun »Clowns International« heißt. Auch Nichtmitglieder, die zu Legenden der Branche wurden, sind auf Ei verewigt. Ärger um einen kopierten Schminkstil hat es laut Williams nie gegeben. Wer ein zu ähnliches Make-up wählt, bekommt vom Verband Tipps für eine neue Gesichtsbemalung. Verwendet werden mittlerweile stabilere Keramikeier, damit das Archiv länger erhalten bleibt.

Allerdings gibt es nicht mehr viele Clowns zu malen. Noch vor wenigen Jahren hatte der Berufsverband rund 400 Mitglieder. Heute, wo immer weniger Menschen als Unterhaltungskünstler ein Auskommen finden, zählt »Clowns International« knapp mehr als hundert Mitglieder. Die können dafür nicht mehr nur ihren Schminkstil, sondern auch ihre Kostüme konservieren lassen: Debbie Smith, die aktuelle Clownmalerin des Verbandes, nimmt auch Teile von Kostüm und Perücke entgegen und arbeitet sie ins Modell ein. Am Ende sieht jeder Clown aus, wie er sich selbst wohl am liebsten sieht: wie aus dem Ei gepellt.

Anzeige


Luke Stephenson

hat die meisten der Eier im Clown Museum in Wookey Hole, Somerset, fotografiert. Dort wird ein Großteil der Eier ausgestellt. Der Vorteil: Man kann stundenlang die Nuancen von Make-up und Kostümen bewundern. Der Nachteil: die Zirkusmusik, die im Museum in Dauerschleife vor sich hin dudelt.

  • Design & Wohnen

    Geordneter Rückzug

    Frauen gestalten das Gartenhaus nach ihren Wünschen – und haben endlich, was vielen Männern selbstverständlich ist: Raum für sich.

    Von Susanne Schneider
  • Anzeige
    Design & Wohnen

    Landreform

    Den berühmtesten Gemüsegarten der Welt hat Michelle Obama am Weißen Haus in Washington angelegt. Was wird unter Donald Trump daraus? Wir hätten da ein paar Ideen.

    Von Till Raether
  • Design & Wohnen

    Den Blick schweifen lassen

    Auch Kreative schauen oft aus dem Fenster, wenn ihnen gerade nichts einfällt. Uns haben sie gezeigt, was sie dabei sehen.

    Redaktion: Thomas Bärnthaler