Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 24°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 14/2017 Die Gewissensfrage

Alles Gute, wenn du willst

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Soll ich meiner Patentochter zur Hochzeit gratulieren, obwohl sie mich weder eingeladen noch über die Hochzeit informiert hat?

Anzeige
»Der Kontakt zu meiner Patentochter, die mit ihrem Partner weit entfernt lebt, ist leider spärlich. Ihre Mutter, eine sehr gute Freundin, erzählte am Telefon, dass die beiden standesamtlich geheiratet haben. Die kirchliche Trauung sei über ein Jahr später im großen Kreis geplant. Soll ich dem Paar gratulieren, obwohl es mich nicht informiert hat?« Greta L., München


Für die Beantwortung Ihrer Frage sehe ich drei Ansätze. Der erste ist eher formal: Es ist gesellschaftlich üblich, zur Hochzeit von jemandem, dem man nähersteht oder den man besser kennt, zu gratulieren. Dazu muss man aber auch von der Hochzeit erfahren, und dementsprechend ist es ebenso üblich, zu einer Hochzeit einzuladen oder wenigstens darüber zu informieren, sei es persönlich oder durch eine Hochzeitsanzeige. Diese beiden gesellschaftlichen Üblichkeiten sind inhaltlich verbunden, deshalb kann man die der Gratulation formal als aufgehoben ansehen, wenn die der Information entfallen ist.

Man kann zum gleichen Schluss gelangen, indem man weniger formal und mehr inhaltlich argumentiert. Wenn Ihre Patentochter es nicht für nötig erachtet, Sie über ein sehr einschneidendes Ereignis in ihrem Leben zu informieren, können Sie nicht verpflichtet sein, als Patentante zu gratulieren. Im Gegenteil, Sie könnten nicht zu reagieren, also nicht zu gratulieren, sogar als logische, adäquate Reaktion auf das Verhalten Ihres Patenkindes ansehen, Sie nicht in Kenntnis zu setzen.

Ich halte beide Ansätze für falsch. Den ersten, weil er das Zwischenmenschliche auf ein formales Agieren reduziert, und noch mehr den zweiten, weil er auf Abrechnung, Revanche und Wie-du-mir-so-ich-dir beruht, ein Fundament vor allem für Auseinandersetzung und Streit, nicht für ein gedeihliches Miteinander. Deshalb bevorzuge ich einen dritten Ansatz, und der ist einfach: Ihr Patenkind hat geheiratet, Sie erfahren davon, und die naheliegendste Konsequenz daraus ist doch, dass Sie Ihrer Patentochter alles Gute wünschen und ihr das auch mitteilen. Ein Anruf oder ein paar Zeilen sind eine einfache, schöne Geste und bedeuten kaum Aufwand – vermutlich weniger, als darüber nachzudenken, ob man es tun soll.

Anzeige


Dr. Dr. Rainer Erlinger

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie eine E-Mail an gewissensfrage@sz-magazin.de

  • Die Gewissensfrage

    Malen, dann zahlen

    Muss man einem Straßenkünstler Geld geben, wenn man ihm zuvor zugesehen hat?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Anzeige
    Die Gewissensfrage

    Traust du dich?

    Sollte man seinen Partner auf dessen Wunsch hin heiraten, auch wenn man überzeugter Ehegegner ist? Unser Moralexperte weiß Rat.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Die Gewissensfrage

    Wer billig schenkt, schenkt zweimal

    Wenn Kinder ein Geschenk bekommen – sollen die Eltern dann bei der Auswahl ein Wörtchen mitzureden haben? Die Gewissensfrage.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger