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Wild Wild West: Amerikakolumne 07. April 2017

Die sieben seltsamsten Yoga-Trends

Von Michaela Haas  Illustration: Grace Helmer

Sich einfach nur auf der Matte verbiegen, das war einmal. In den USA sind Yoga-Übende inzwischen oft bekifft, betrunken, nackt und einiges mehr.


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Es soll ja Leute geben, die einfach ihre Yogamatte ausrollen und dann mit dem hinabschauenden Hund anfangen, womöglich noch in einer ausgeleierten Jogginghose. Die ganz einfach gestrickten brauchen nicht einmal eine Yogamatte und yogieren barfuß, ohne rutschsichere Designer-Socken, vor allem in Indien, wo die Yogis das seit Jahrtausenden praktizieren.

Das ist gefährlich, nicht nur, weil man sich dabei die Gelenke verbrezeln kann, sondern weil damit einfach kein Geld zu verdienen ist. Diese simplen Praktiken kurbeln zwar den Kreislauf an, aber eben nicht die Wirtschaft. Yoga ist inzwischen eine 17 Milliarden Dollar schwere Industrie. Laut einer Studie des Yoga Journals hat sich die Zahl der Yogis in den letzten sechs Jahren verdoppelt. In Amerika schwingen sich deshalb die Yogis zu, na, wie soll ich sagen, neuen Höhen auf. Das ist wörtlich gemeint, denn es wird tatsächlich »Higher Self Yoga« angeboten, und das geht so:

Dope-Yoga

In den amerikanischen Bundesstaaten, in denen Cannabis inzwischen legal ist, bieten Yoga-Studios »Ganja Yoga« (San Francisco), »Goda« (Los Angeles), »Bend and Blaze« (Denver) oder »Mariju-Asana« (Washington). Im Studio wird Cannabis-Tee serviert, vor der Stunde kreisen Joints. Zur Grundausstattung zählen nicht nur Matte und Block, sondern auch Verdampfer und Hanföl. Den Sonnengruß kann inzwischen jeder Klempner, da muss man sich ja irgendwie von der Masse absetzen. Also Pot Yoga statt Hot Yoga? »Viele Leute kommen zum Yoga, weil sie Schmerzen haben und verspannt sind. Yoga und Cannabis helfen sowohl bei Schmerzen als auch bei Verspannungen, also macht es doch Sinn, das zu kombinieren,« sagt Marijuasana-Gründerin Stacey Mulvey.

Ob Cannabis den ursprünglichen Prinzipien des Yoga komplett widerspricht, weil es die Sinne benebelt, oder ganz im Gegenteil damit im Einklang steht, weil indische Sadhus auch gerne Gras rauchen, darüber streiten sich die Yogis erbittert. »Wir bringen zwei große spirituelle Traditionen zusammen,« sagt etwa »Goda«-Inhaberin Nathania Stambouli.

Unbestritten ist, dass das Dope Yoga vor allem Männer anzieht, genauso wie:

Bier-Yoga



Beim Bier-Yoga trinkt man das Bier nicht etwa vorher zur Entspannung oder hinterher zur Durstlöschung, sondern während des Yoga, gerne statt im Studio gleich direkt in der Brauerei. Die Verfechter klingen dabei ganz ähnlich wie die Weed-Freaks, schwärmen von »Bewusstseins-Erweiterung« und der erhöhten Koordinationskraft, die man braucht, um bei der einbeinigen Baumstellung auch noch eine Halbe zu balancieren. »Wenn ich traditionelles Yoga an nicht-traditionellen Orten unterrichte, lockt das Leute an, die normalerweise nie ein Yoga-Studio betreten würden«, sagt Erin Sonn, die Gründerin von »Eat. Yoga. Drink«. Die Bier-Yogis haben sich nette Namen ausgedacht wie »Bendy Boozey« (Charleston), »Hoppy Yoga« aka »Hopfen-Yoga« (Boulder) und besonders genial ist das »Detox Retox Yoga«, »weil das die Balance zwischen Detox und Retox schafft«, wie der Gründer einleuchtend erläutert. Möglicherweise wurden die alkoholischen Verbiegungen aber auch in Berlin erfunden, von den »BierYoga«-Jungs, siehe Video. Für Abgehärtete gibt es Klassen mit Hochprozentigem direkt in der Brennerei. Nur Uneingeweihte halten das für eine Schnaps-Idee.

Urteilen Sie also nicht vorschnell, wenn ein Betrunkener mit merkwürdigen Verrenkungen vor einer Bar liegt: Vielleicht trainiert er nur gerade eine besonders fortgeschrittene Variante der Ohr-Kniestellung (Karna Pidasana in Sanskrit).

Genial ist in jedem Fall, dass man sich die Wampe, die Bier gemeinhin verursacht, unmittelbar mit der Planken-Stellung wieder abtrainieren kann.

Tier-Yoga



Wer dann einen Kater hat, kann sich unter Yogastunden mit Hunden, Hasen, Katzen, Pferden und Ziegen die richtige Variante aussuchen. »Es mag sich vielleicht dumm anhören, aber Ziegen-Yoga hilft den Leuten wirklich«, verspricht Lainey Morse, die Leiterin von »Goat Yoga« auf der »No Regrets«-Farm in Oregon. »Die Leute sehnen sich danach, etwas zu finden, das pur und einfach ist.« Die zutraulichen Paarhufer springen in der Scheune im Stroh zwischen den Matten herum, knabbern an den Zehen der Yogis und legen sich in der Leichenpose einfach gleich dazu. »Das ist enorm therapeutisch«, meint Morse. Sie hat selbst eine Autoimmunkrankheit und fand, dass ihre acht Zwergziegen ihr nach der Diagnose tierisch gut taten. Als eine Yogalehrerin ihre Ranch besuchte, war die Idee geboren: »Es ist schwer, traurig oder depressiv zu sein, wenn ein Ziegenbaby auf dir herumhüpft.« Das Verbiegen mit Ziegen ist so beliebt, dass sie es inzwischen fast täglich anbietet, etwa 600 Ziegen-Yogis stehen auf ihrer Warteliste. »Die Yoga-Klasse dauert nur eine Stunde, weil die Ziegen dann das Interesse verlieren.« Es gibt Anfragen aus der ganzen Welt, sogar aus Europa und Neuseeland. Morse will sich das »Goat Yoga« deshalb patentieren lassen. Und sie räumt die ärgsten Bedenken aus: »Meine Ziegen stinken nicht!« Da gibt es wirklich nichts zu meckern!

Mir persönlich reicht Doga, also Hunde-Yoga, allerdings eher unfreiwillig, denn meine Vierbeiner meinen immer, dass sie meinen »heraufschauenden Hund« persönlich inspizieren müssen - sie sind ja schließlich die Namensgeber der Haltung.

Sport-Yoga



Wer beim Higher Self Yoga mit Cannabis nicht high genug wurde, kann beim Trampolin-Yoga abheben. »Es ist schwer, nicht zu lächeln, während man springt«, sagt William Hedberg, ein professioneller Tänzer, der ein Trampolin-Yoga-Studio in New York gegründet hat. »Der Rhythmus fühlt sich gut an; es macht Spaß.«

Wenn man den Kopfstand auf dem Trampolin gemeistert hat, kann man ihn als nächstes auf dem Surfboard versuchen: SUP Yoga (»Stand Up Paddle-Yoga«) sorgt automatisch für viele Lacher, denn wer die Balance verliert, purzelt direkt in den Pool oder den See.

Bonus: Wenn ich beim Morgen-Yoga noch nicht richtig wach bin, werde ich automatisch durch den unvermeidlichen Sturz in die Fluten geweckt.

Das Yoga Journal meldet, die Events, die Yoga mit anderen Sportarten kombinieren, seien immer als erstes ausverkauft. Das geht sogar im Winter: Besonders Unverfrorene praktizieren Snowga, also Yoga mit Schneeschuhen oder auf Skiern. Wirklich cool! Aber die Entspannungspose? Brrrr!

Gibt es eine Sportart, die sich nicht irgendwie mit Yoga kombinieren ließe? Ich wünsche mir als nächstes Wasserski-Yoga, Drachenflieg-Yoga und Skischanzen-Yoga.

Congrats to our #snowga challenge winner @brittanymw13 Now let's bring on the sun ☀️☀️☀️

Ein Beitrag geteilt von Brittany Holtz (@studiobpoweryoga) am


Nackt-Yoga


Kein Wunder, dass manche Yogis wieder zur Urform zurückkehren wollen und statt in Lululemon im Adamskostüm praktizieren. Diese Tradition geht nun tatsächlich auf das antike Indien zurück, erlebt aber gerade in Amerika einen ungeahnten Boom. Nackt zu praktizieren habe etwas Befreiendes und Ursprüngliches, sagen die Naturisten. Das sei ein Gegen-Trend zu dem ganzen Designer-Wahn der Mode-Yogis, die sich ohne die neuesten Designer-Shorts nicht ins Studio trauen. Ich vermute allerdings, dass sich die Klassen nicht nur wegen der gesundheitsfördernden Yoga-Stellungen so gut verkaufen, sondern auch, weil die Yogis im Dreieckstand besonders tief blicken lassen.

Karaoke Yoga



Verbesserungsfähig ist dabei auch das Audio-Angebot. Im Karaoke Yoga darf man nicht nur Ohmmmm summen, sondern beim Sonnengruß laut Rod Stewarts »Do Ya Think I`m Sexy?« mitbrüllen. HipHop-Fans gehen zu HipHop-Guru Russell Simmons. Der begann ursprünglich »wegen der heißen Frauen« mit dem Yoga (und um seine Drogensucht zu kurieren), eröffnete aber dann sein eigenes Studio Tantris am Sunset Boulevard in Hollywood - komplett mit ph-neutralen Duschen, Jessica Albas chemiefreien Shampoos und eigenen Stylisten, damit man nach der Yoga-Stunde wieder präsentabel ins Meeting joggen kann, aber eben mit Hip Hop und nicht zu meditativem Kirtan.

Metal Fans dagegen praktizieren »Doomasanas« im Metal Yoga, wo sie kreischen, gröhlen und auf den Boden einprügeln dürfen. Der Slogan von Metal-Bones-Gründer Saskia Thode in Brooklyn lautet »Unleash Your Inner Beast«. Das Headbanging im Handstand wäre für mich persönlich eher ein Highway to Hell als ein Stairway to Heaven.

Das ist die Vorstufe zum Wut Yoga:

Das Wut-Yoga begann ursprünglich als persönliche Therapie für Yoga-Instruktorin Lindsay Istace, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hatte und sich ihren Frust über den Mistkerl aus dem Leib schreien wollte. Das geht schlecht in der Zen-Stille der meisten Yoga-Studios, wo schon ein lauter Seufzer für schiefe Blicke sorgt. Als Istace von ihrer Idee auf einem Yoga-Festival erzählte, wollten sofort Dutzende mitmachen. »Die Leute sagen, sie brauchen die emotionale Befreiung!« Beim Rage Yoga dürfen alle wie Kleinkinder mit den Füßen stampfen, mit den Fäusten werkeln und schreien, bis es weh tut.

Bonus: Es darf dabei auch Bier getrunken werden. Man kann sich also die Wut über die Ungerechtigkeit des Lebens gleichzeitig wegbiegen, wegschreien und wegtrinken. Es ist wirklich ein Rätsel, wie die Yogis im antiken Indien ihr Samadhi ganz ohne Hilfsmittel hinkriegten.

Ich denke, das lässt sich alles noch steigern! Was werden wir erst für Höhenflüge erleben, wenn wir direkt vom Trampolin zur Bar springen, einige Halbe kippen und zur Auflockerung dazu einen Joint rauchen. Dann nackt ausziehen, das Surfbrett greifen und mit einer Ziege zu HipHop auf dem Baggersee einen richtigen Wutanfall hinlegen!

Namaste! Mehr Erleuchtung geht nicht, wirklich nicht.
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Von Michaela Haas

ist deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles und wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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