Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 19°
Anzeige
Anzeige

Nackte Zahlen: Sexkolumne 10. April 2017

Landkarte der Lust

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

Eine neue Untersuchung hat ergeben, dass die Saarländer Sexmuffel sind und dass in NRW am heftigsten geflirtet wird. Woran mag das wohl liegen?

Anzeige
Sehr geehrte Damen und Herren von der PR-Agentur, haben Sie herzlichen Dank für die Zusendung Ihrer Presseinformation »Amouröse Abenteuer-Lust im Deutschland-Ranking«, die Sie uns mit Datum vom 4. April im Auftrag von »LeAffair« zugesandt haben, einem so genannten »Casual Dating Portal«. Bevor wir uns mit den Inhalten Ihrer Auswertung befassen, vorab zwei Fragen: Gehen wir recht in der Annahme, dass »LeAffair« international operiert und in Frankreich unter dem Namen »DasSeitensprung« auftritt sowie im englischsprachigen Raum als »DerVerhältnis«? Gut. Zweitens, was genau ist eigentlich »casual dating«? Wenn man beim ersten Date die ganze Zeit parallel einen Fußball-Live-Ticker verfolgt, die Sakko-Ärmel aufkrempelt oder sich einen Baumwollpullover mit V-Ausschnitt um die Schulter hängt, die Ärmel lässig vor der Brust verknotet?

Jedenfalls werfen Sie in Ihrer Pressemitteilung unter anderem folgende Frage auf: »In welchen Städten sind die Dating-Champions und wo die größten Sexmuffel zu finden?« Um dies zu beantworten, hat das einschlägige Dating-Portal »analysiert«, »wie die Mitglieder-Verteilung in Deutschlands Bundesländern und Städten ist. Mit spannenden Ergebnissen«. Etwa: »Im Saarland und Mecklenburg-Vorpommern herrscht Casual-Dating-Flaute«, und: »Nordrhein-Westfalen liegt mit einem Anteil von 20,5% aller Mitglieder ungeschlagen an der nationalen Spitze der lustvollen Dater«.
Anzeige

Ganz abgesehen davon, dass »Nationale Spitze der lustvollen Dater« bereits als Parteiname für die nächste Absplitterung der AfD vergeben ist, möchten wir uns erlauben, einige grundsätzliche Zweifel an der Methodik und den Ergebnissen Ihrer Analyse zu formulieren. Rekapitulieren wir noch mal kurz: Sie sagen, dass in Städten oder Bundesländern, wo das Casual-Dating-Portal »DieFehltritt« absolut gesehen wenige Anmeldungen hat, die Leute »Sexmuffell« sind, und da, wo es absolut gesehen viele sind, die Leute »sich nicht zweimal bitten lassen, wenn es ums Flirten geht«. Dies ergibt dann etwa beim Städteranking folgende Top 3: Berlin, Hamburg, München, und bei den Ländern die Top 3 NRW, Bayern und Baden-Württemberg. Sehr geehrte Damen und Herren. Das sind doch einfach die bevölkerungsreichsten Städte beziehungsweise Länder der Bundesrepublik. Und die »Sexmuffel«-Staaten Meck-Pomm und Saarland sind, vom Stadtstaat Bremen abgesehen, die, wo die wenigsten Leute wohnen. 20,5% der Kunden von »DerTechtelmechtel« leben in NRW, okay, aber das ist doch auch einfach ziemlich genau der Anteil NRWs an der Gesamtbevölkerung, oder? Wenn man von der statistischen Ungenauigkeit absieht, die in der Mitte des Rankings entsteht, bilden Ihre Rankings im Großen und Ganzen die Bevölkerungsstruktur Deutschlands ab. Dafür reicht uns »Dierckes Weltatlas«.

Wie Sie wissen, beschäftigen wir uns an dieser Stelle seit Jahren mit abseitigen Sex-Statistiken, aber irgendwo müssen auch wir die Grenze ziehen. Sie hätten einfach noch mal drübergehen müssen über die Zahlen und sowas wie einen »Sex-Quotienten« ermitteln, also: Wie hoch ist der Anteil bumsfideler, offenherziger Flirt-Champions, die »es« wissen wollen, proportional zur Bevölkerung, wie hoch ist also in den deutschen Städten die tatsächliche Dichte an »sexuellen Abenteurerherzen«, deren Hobbys »knisternde Flirts und lustvolle Begegnungen« sind? Da hätten wir was draus machen können. Andererseits: können, aber nicht unbedingt wollen. Also bitte keine Wiedervorlage.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.

  • Nackte Zahlen: Sexkolumne

    Wo geht's lang?

    Bei einer Umfrage hat die Hälfte der befragten Männer die Vagina nicht auf einer Schautafel gefunden. Zuerst wunderte sich unsere Autorin, doch irgendwie kann sie das Ergebnis auch verstehen.

    Von Alena Schröder
  • Anzeige
    Nackte Zahlen: Sexkolumne

    Billige Flugtickets sind besser als Sex

    Zumindest sagt das fast die Hälfte der Befragten in einer neuen Umfrage. Woran liegt das, und gibt es vielleicht auch im Straßenverkehr oder Möbelhaus Ereignisse, die viel erfüllender sind als sexuelle Kontakte?

    Von Till Raether
  • Nackte Zahlen: Sexkolumne

    Nicht jeder Trend ist sextauglich

    Glitzerpillen für den Intimbereich sind der neueste Erotiktrend aus den USA. Geht's noch? Und was kommt als nächstes?

    Von Alena Schröder