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Wild Wild West: Amerikakolumne 14. April 2017

Wie Satanisten für die Religionsfreiheit kämpfen

Von Michaela Haas  Foto: Mark Makela/Getty Images

Trump hat einen mächtigen Gegner herausgefordert: den Teufel persönlich. Seit er regiert, sind die Satanisten im Aufwind – handeln aber oft barmherziger als ihre christlichen Gegner.

Eine satanistische Gruppierung am 20. Januar in Washington – die Vereidigung von Donald Tump wollten sie sich nicht entgehen lassen.
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Der Teufel steckt im Detail. Nehmen wir zum Beispiel Gottes zehn Gebote, die vor dem Kapitol in Oklahoma City aufgestellt wurden. Kaum standen sie da schön in Stein gemeißelt, schon forderte der Teufel, er müsse genau so viel Platz bekommen. Und er gewann: Der Oberste Gerichtshof von Oklahoma ordnete lieber die Entfernung der zehn Gebote an, als zu riskieren, das Kapitol mit einer fast drei Meter großen giftgrünen gehörnten Statue zu verschandeln, für deren Errichtung bereits Tausende von Menschen gespendet hatten.

Oder nehmen wir die Bibelstunden, die regelmäßig an Tausenden von amerikanischen Grundschulen abgehalten werden. Wenn christliche Aktivisten an Schulen Bibeln verteilen und das Wort Gottes predigen, warum sollte der Teufel dann nicht »After School Satan Clubs« abhalten und satanische Kindermalbücher verteilen dürfen? Wo Raum für Gott ist, muss dann nicht der Teufel ebenso zu Wort kommen, sozusagen als Quoten-Teufel? Die satanische Bewegung hat jedenfalls Genehmigungen für Kinderprogramme in Grundschulen von Seattle, Atlanta, Detroit und einem halben Dutzend anderer Großstädte beantragt. Die Teufelsanhänger wollen dort unter anderem Blasphemie lehren, als ganz bewusste Gegenbewegung »zum religiösen Eifer, der im ganzen Land völlig außer Kontrolle geraten ist«, wie die Gründerin des Satanischen Tempels von Seattle, Lilith Starr, findet.

Die Schulen tun sich schwer, diese Anträge abzulehnen, denn die Satanisten berufen sich auf die Religionsfreiheit und können gegen die Ausgrenzung klagen. Die »Sieben Gebote« der Satanisten enthalten die Überzeugung, »dass die Freiheit anderer zu respektieren ist, auch die Freiheit, Ärgernis zu erregen.«

Diese Anträge mögen Christen zu ganz unchristlichen Flüchen treiben, für die Schulbehörden wird es mit der Argumentation aber sofort ganz schwierig, denn theoretisch sind auch in Amerika Religion und Staat getrennt. Die Verfassung schreibt seit 1789 vor, dass der Staat keine Religionsgemeinschaft benachteiligen oder bevorzugen darf. Die Satanisten sind in Amerika genau so als Kirche anerkannt und von der Steuerzahlung befreit wie die Scientologen und die Anhänger des fliegenden Spaghetti-Monsters (kein Scherz, diese Kirche gibt es wirklich).

Soweit die Theorie, aber natürlich mussten die amerikanischen Ureinwohner als erstes erfahren, dass Amerika unter Religionsfreiheit in erster Linie die Freiheit von konservativen weißen Männern versteht. Gerade die Trump-Regierung fordert Andersgläubige heraus und beschert den Satanisten gerade einen unerwarteten Boom. Tausende sind ihrem Tempel angeblich seit Trumps Sieg beigetreten. Schließlich denkt Trump laut darüber nach, wie er Muslime an der Einreise hindern kann, seine Erziehungsministerin Betsy De Vos beschrieb ihre Mission in Schulen als »Vorreiter für Gottes Königreich«, Vizepräsident Mike Pence hat erklärt, dass er nicht an die Evolution glaubt und der Minister für Städtebau, Ben Carson, zählt gar zu jenen Kreationisten, die glauben, die Evolutionstheorie sei von Satan verbreitet worden.

Letzterer meldet sich nun öfter zu Wort, wenn man als Satans Stellvertreter auf Erden den »Satanischen Tempel« nimmt. »Wir sind nicht anti-christlich«, klärt William Norrison auf, der einen lokalen Ableger des Tempels in Los Angeles mitgegründet hat. »Ich habe nichts dagegen, dass Christen existieren, nur dagegen, dass sie die Regierung übernehmen.« Der Tempel ist nicht mit der »Church of Satan« zu verwechseln, der Gruppe um den längst verstorbenen Anton LaVey – die Bewegung begann 2012 als Protest gegen den Gouverneur von Florida, Rick Scott, der per Gesetz Gebete in Schulen erlauben wollte. Während viele Nicht-Christen dagegen protestierten, dass Scott seine christliche Missionierung in die Schulen trug, reagierten die Satanisten mit unverfrorener Begeisterung: »Wir haben Rick Scott sofort zu dem Gesetz gratuliert, denn sein Gesetz stellt sicher, dass auch der Satanismus in Schulen erlaubt wird und Kinder, die sonst nie mit den satanischen Ritualen in Berührung gekommen wären, nun im Klassenzimmer damit konfrontiert werden«, jubelte der Sprecher des satanischen Tempels, der unter dem Künstlernamen Lucien Greaves auftritt. »Das war eine brutale Erinnerung, dass religiöse Freiheit für alle gilt.« Der zunächst ironisch gemeinte Gegenvorschlag fand so viele Anhänger, dass daraus eine richtige Bewegung wurde. Für Greaves ist Satan nicht der Inbegriff des Bösen, sondern »eine Metapher. Satan ist ein Rebell gegen despotische Strukturen. Als sozial verantwortliche Satanisten führen wir die absonderlichen, abergläubischen Ängste ad absurdum, die das Wort Satan oft provoziert.«

Die Anhänger des »Satanischen Tempel« sind sozusagen die nette Variante der Teufelsanbeter. Sie vertreten »satanische Werte wie Mitgefühl, Vernunft, Respekt und Freiheit«, inklusive der Freiheit, religiöse Gefühle zu verletzen. So hängt auf ihren Partys zwar das Kreuz verkehrt herum, sie zitieren Gebete rückwärts und die meisten sehen mit ihrer schwarzen Kleidung, den vielen Nasenringen und Tätowierungen etwas unkonventionell aus, aber diese Satanisten schlachten keine Katzen, das Blut, das sie auf die Statue der Jungfrau Maria gießen, ist Theater-Blut, und den Höllenfürsten beten die meisten auch nicht an. Lucien Greaves, der angeblich immerhin Neurowissenschaften in Harvard studierte, philosophiert, das Wort Satan habe »keinen inhärenten Wert. Unser Ziel ist, Religion von Aberglaube zu unterscheiden.«
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Nun mal ganz ernsthaft: Welcher Richter kann unparteiisch entscheiden, dass Jesus aufs Staatsgrundstück darf, aber der Teufel nicht? Kann es einen Himmel ohne Hölle geben? Und einen Gott ohne Teufel? »Satan ist der große Befreier«, sagt Mark Porter, der Künstler, der die ziegenköpfige Baphomet-Statue für Oklahoma entworfen hat. »Er stellt alles in Frage.«

Sogar der Teufel ist also nicht mehr der, der er einmal war: Diese Satanisten sammeln Socken für Obdachlose, engagieren sich gegen die medizinischen Falschinformationen in christlichen Schwangerschaftsberatungen, wo Schwangeren (entgegen aller medizinischen Beweise) eingeredet wird, Abtreibungen führten zu Brustkrebs und Unfruchtbarkeit, und kämpfen gegen körperliche Züchtigung in der Schule. »Wussten Sie, dass es in 19 Bundesstaaten legal ist, Kinder zu schlagen?« empört sich Lucien Greaves. »Mehr als 110000 Kinder werden jedes Jahr in amerikanischen Schulen geschlagen.« Die Satanisten stellten deshalb mitten im konservativen Texas eine riesige Anzeigentafel auf (»Lass dich nie wieder in der Schule schlagen! Mache von deinen religiösen Rechten Gebrauch!«), die prompt innerhalb von 24 Stunden niedergerissen wurde.

Mit solchen Vandalismus-Aktionen spielen die christlichen Gruppen den Satanisten in die Hände, denn damit sorgen sie für Schlagzeilen. Wo immer die Satanisten zu einer Aktion aufrufen, können sie sicher sein, Hunderte von Christen vorzufinden, die Kirchenlieder singen und ihnen erzählen wollen, dass ihr christlicher Glaube der einzig wahre ist. Die Satanisten entlarven die Doppelzüngigkeit mit den Mitteln der Missionare, und so verkehren sich die traditionellen Rollen: Die christlichen Fundamentalisten sind die Bösen, die ihre Kinder schlagen und die Satanisten die Guten, die das als barbarisch verteufeln.

»Satan ist der ultimative Rebell«, sagt William Norrison. Wenn Kritiker ihren Abscheu über die satanischen Symbole ausdrücken, kontert Morrison mit religiösen Symbolen: »Lasst uns das Pentagramm an die Wand malen und dann lasst uns das Kruzifix aufhängen. Was ist furchteinflößender? Der Umriss eines Sterns oder dieser blutende Hippie, der am Kreuz hängt?«

Die Gründer wissen ganz genau, dass allein schon die Erwähnung des Teufels bei christlichen Fundamentalisten das Blut zum Kochen bringt. Sogar politisch ist der Teufel in Amerika gerade voll auf dem Vormarsch. Damit spiele ich nicht auf die düsteren Aktivitäten im Weißen Haus an, sondern meine den Satanisten, der sich um einen Platz im Senat bewarb. Der kalifornische Politiker Steve Hill war anfangs skeptisch: »Ich bin schon schwarz und bewerbe mich als Demokrat in einem republikanischen Distrikt um einen Senatssitz, da muss ich nicht auch noch draufschreiben: Übrigens stecke ich auch mit dem Teufel unter einer Decke! Aber ich verstehe es als Satire. Es ist eine großartige Taktik, um zu sagen: Drängt uns eure Religion, eure Gedanken und eure Gesetze nicht auf!«

Das wussten schließlich schon die Rolling Stones: »Just call me Lucifer«, röhrt Mick Jagger in Sympathy for the Devil, »So if you meet me / Have some courtesy / Have some sympathy, and some taste / Or I'll lay your soul to waste, yeah«

Amerika ist zur Zeit einfach die Hölle.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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