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Gesellschaft/Leben 28. April 2017

Schönheit im Schichtbetrieb

Von Nataly Bleuel  Foto: daaarta / photocase.de

Hat sich jemand mal überlegt, wie viel Zeit es kostet, sich die Nägel zu lackieren? Eine Würdigung einer völlig unvernünftigen, aber unterschätzten Alltagskunst.

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Gestern Abend wieder, auf den letzten Drücker. Tagsüber vergessen, tagsüber keine Zeit und keine Muße, das Zeug schön zwei Stunden lang aushärten zu lassen. Ich bin nämlich berufstätig und habe Kinder und koche, hantiere mit Dingen und spüle auch mal ab. Also, kurz vor knapp, in einer halben Stunde muss ich los und fände es ganz nett, wenn die Fingernägel rot lackiert wären. Man will ja auch mal was hermachen. Gerade jetzt, zur Nagelbruchzeit nach dem trockenen Winter. Dass kein Lack Nägeln gut tut - egal! Glanz! Gloria! Und man darf das jetzt auch, als Frau, man muss sich nicht mehr Sätze anhören wie: »Mit deinen Nägeln geht das nicht, die sind zu klein/rund/kurz und du bist überhaupt nicht der Typ dazu, viel zu sportlich/burschikos/patent.«

Das finde ich gut, total demokratisch. Auch wenn man nicht übersehen kann, dass der Nagel immer noch ein soziales Distinktionsmittel ist. Das habe ich kürzlich auch meinem Kleinen erklärt, als er zum ersten Mal in einem deutschen Amt war, um seinen Pass zu beantragen. Beim Rausgehen sagt er (Achtung, Ironiker): »Boah, die war ja gut gelaunt!«

»Ja«, habe ich gesagt, »dafür sind Ämter berühmt. Aber ich verrate dir einen Trick, wie du eine Beamtin zum Lächeln bringst. Sind dir ihre Fingernägel aufgefallen?« - »Die mit den Sternchen und Punkten drauf? Wo jeder anders aussah, bunt und glitzerig?« - »Genau, und da stecken die Frauen irre viel Zeit und Mühen rein, quasi ihre halbe Freizeit und ihre ganze Individualität. Weil, sie müssen ja ihr Leben in grauen Ämtern fristen und Akten wälzen und staatstragend gucken. Und jetzt mein Trick: Lobe sie für ihre abgefahrenen Fingernägel – und schon freuen sie sich und lächeln (und bearbeiten deinen Antrag drei Mal so schnell). Check das aus!«

»Yo«, sagte da mein Kleiner und bemerkte kurz darauf dann noch: »Und warum bemalst du deine Nägel nicht so bunt und individuell?« - »Weil das einer unfassbaren Kunstfertigkeit bedarf«. Ich habe ihm dann aber nicht mehr en Detail geschildert, was das bedeutet. Dazu fehlt es ihm an Geduld. Die das Nägellackieren erfordert.

Liebe Männer, bleibt dran, es ist ein interessantes Kapitel unseres Alltags, von dem ihr euch höchstwahrscheinlich keine Vorstellung machen könnt. Wie viele Stunden, ach was, Jahre an Übung, Präzision, Ausdauer und – extrem wichtig – welch exzellente Materialbeschaffenheit wir Frauen benötigen, um Nägel schön zu lackieren. Autos lackieren ist ein Klacks dagegen. Denn alles hat der Mensch raus, aber einen simplen, preiswerten Nagellack herstellen, der einfach nur einmal aufgetragen wird, zehn Sekunden trocknet, fertig... nein, das kann der Mensch nicht. Und will er vielleicht auch gar nicht. Denn er kann ja viel mehr Geld verdienen, wenn er batzige Lacke in Trilliarden kleiner Fläschchen füllt, wo der Pinsel nie, nie, nie bis zum Boden reicht und immer ein Noagerl übrig bleibt, das die Frau dann rauszupinseln versucht und dabei Luft in das Behältnis pumpt bis der Lack so trocken und zähflüssig ist, dass er beim Auftragen klumpt. Und Schlieren zieht. Und Blasen wirft. Und über den Rand raus geht, auf die Haut.

Gestern kurz vor knapp, ich habe mich in der Zeit vertan. Die Kosmetikerin um die Ecke, die ich extra befragt habe, sagte auch: Zwei Stunden Trockenzeit braucht es schon. Nach vier bis fünf Tagen ist ein Lack angekratzt und abgeblättert; macht vier Stunden Lackiererinnenarbeitszeit die Woche (okay, man kann währenddessen Zeitung lesen oder Fernsehen).

Erst eine Schicht Base Coat als Grundierung, weil »das weiß man ja, dass die Grundierung immer am wichtigsten ist, wie bei Möbeln und Zäunen«. Trocknen lassen, am besten so 10 Minuten. Dann eine Schicht Lack. Trocknen lassen, am besten so 15 bis 20 Minuten. Ich nehme aber immer zwei, erst dann knallt die Farbe richtig raus. Trocknen und dann eine Schichte Top Coat, der gleicht die Unebenheiten aus, sagt die Kosmetikerin, damit das aussieht wie eine glänzende, perfekte Oberfläche. Wie eine Maraschino-Kirsche, von der noch der Zucker tropft. Lecker müssen Nägel aussehen, alles andere kann man nur bleiben lassen. Also: Immer ordentlich trocknen lassen und dann noch ein Tröpfchen Aushärter drauf, meine Kosmetikerin kriegt leuchtende Augen, »der Wahnsinn«, sagt sie. Und ich weiß genau, was sie meint. Jede Frau, die sich die Nägel lackiert, weiß das.
 
Wehe, wenn es schief geht. Man braucht nur Stichworte anzutriggern – »Kurz vorm Ausgehen aufgetragen« – und schon Aufschreie, Augenrollen, tiefstes aufrichtiges Bedauern und Mitleiden.

Strumpfhose noch nicht angezogen.

Schuhe sehr eng.

Schlüssel in der Tasche.

Carsharingkärtchen im Portemonnaie.

Und, der Klassiker: Alles gut gegangen, mit abgespreizten Fingern sämtliche Hürden und Schlüssellöcher der ersten anderthalb Stunden des Abends gemeistert, nicht mal zum Handy gegriffen. Aber dann wacht man am nächsten Morgen auf und sämtliche Fingernägel sehen aus wie das vom warmen Kissen zerknautsche Gesicht des Partners. Aber lackiert, rot lackiert.

Und deswegen, habe ich zu meinem Kleinen gesagt, nur deswegen lasse ich das mit den Sternchen und dem Glitzer. Und tobe meine Individualität lieber beim Schreiben aus.

 



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