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aus Heft 20/2017 Die Gewissensfrage

Überdosis Konfitüre

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Soll man einer Freundin, die einen regelmäßig mit selbstgekochter Marmelade versorgt, sagen, dass man die eigentlich gar nicht mag?

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»Eine liebe Freundin hat mir mehrfach feierlich bildhübsch bebändelte Gläschen mit selbstgemachter Marmelade geschenkt. Ich esse seit Jahrzehnten keine Marmelade, will ihr das aber auch nicht so hinreiben. Also weiterhin verlogen vermeintlich erfreut in Empfang nehmen und dann weiterschenken? Oder ihr doch sagen, dass ich nicht die Mühe wert bin?« Christina D., München


Den Beitrag des Fußballsports zur Geistesgeschichte halte ich für überschaubar. So weisen sehr wenige der bekannten Sentenzen aus diesem Bereich echten Sinngehalt auf. Eine dieser rühmlichen Ausnahmen bildet »Nach dem Spiel ist vor dem Spiel«, dem ehemaligen Bundestrainer Sepp Herberger zugeschrieben. Die Erkenntnis, dass ein als singulär empfundenes Ereignis - wie ein Fußballspiel - eben oft nicht singulär ist, sondern vielmehr eines in einer Reihe, und man nach dem Abschluss des jeweiligen Ereignisses gleich an die nächsten denken sollte, habe ich selten so klar und plastisch ausgedrückt gesehen. Und will es deshalb auf die Frage hier anwenden und umformulieren: Nach dem Geschenk ist vor dem Geschenk.

Auch Geschenke sind selten singuläre Ereignisse. Das bedeutet, man muss die Reaktion auf ein Geschenk in zwei Richtungen betrachten und bewerten. Einmal rückblickend auf das konkrete Geschenk mit der Hauptmaßgabe, die Geste des Schenkens wertzuschätzen und den Schenkenden nicht zu verletzen, aber auch nach vorne blickend mit der Maßgabe, Geschenkfe zu verhindern, die ihren Sinn, Freude zu bereiten, nicht erfüllen. Beiden Blickrichtungen gemeinsam ist die Achtung vor der sozialen Funktion des Schenkens und dem Schenkenden samt dessen Intentionen.

Es ist daher sinnvoll, der netten Marmeladeköchin zu erkennen zu geben, dass man mit ihren Geschenken nicht so viel anfangen kann, aber eben tunlichst ohne sie zu kränken. Am besten gelingt dies vielleicht, indem man sich bedankt, aber gleichzeitig darum bittet, in Zukunft Abstand von weiteren entsprechenden Gaben zu nehmen, weil man nur sehr wenig Marmelade esse und deshalb noch von den vorigen Geschenken einen größeren Vorrat habe. Und man werde Bescheid geben, sollte der dereinst je wieder einer Aufstockung bedürfen.

Literatur:


Eine Gegenposition zu meiner Auffassung der geistesgeschichtlichen Bedeutung des Fußballs vertreten einige Philosophen und Autoren:

Wolfram Eilenberger, Lob des Tores. 40 Flanken in Fussballphilosophie, Berlin Verlag, 2006


Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des Philosophie Magazins, schreibt auch eine Kolumne »Kabinenpredigt« auf Zeit Online


Dazu ein Interview von Wolfram Eilenberger mit dem Sportphilosophen Gunter Gebauer und dem Trainer Volker Finke: Was macht Fußball schön? Philosophie Magazin 6/2013, online abrufbar hier


Gunter Gebauer, Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs, Pantheon Verlag, München 2. Auflage 2016


Stephan Geiger, Sokrates flankt. Eine kleine Philosophiegeschichte des Fußballs, Parerga Verlag, Düsseldorf 2002


Martin Gessmann, Philosophie des Fußballs. Wilhelm Fink Verlag, München 2011


Zur Kulturgeschichte des Fußballs:

Klaus Zeyringer, Fußball. Eine Kulturgeschichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014


Allgemein zum Sport:

Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis ins 21.Jahrhundert, C.H. Beck Verlag, München 2012


Zu »Nach dem Spiel ist vor dem Spiel«, siehe hier
sowie hier

Zu den wichtigen und mannigfaltigen sozialen Funktionen des Schenkens – auch über die hier betrachteten hinausgehend:

Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 9. Auflage 1990


Christian Stegbauer: Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. 2. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011


Einen sehr guten Überblick über das Themengebiet bietet die von Frank Adloff und Steffen Mau herausgegebene Textsammlung Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005. Darin finden sich unter anderem auch Auszüge von wichtigen Stellen aus Marcel Mauss’ Die Gabe (S. 61-72)


Hervorragend aber auch die von den beiden Herausgebern verfasste Einführung »Zur Theorie der Gabe und Reziprozität« mit vielen weiteren Literaturhinweisen (S. 9-57)

Insbesondere aber auch: Marshall D. Sahlins, Zur Soziologie des primitiven Tauschs S. 73-91


Daneben: Georg Simmel, Exkurs über Treue und Dankbarkeit, S. 95-108, aus: Georg Simmel, Soziologie. Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 652-670. Alvin W. Gouldner: Etwas gegen nichts. Reziprozität und Asymmetrie, S. 109-123 Peter M. Blau: Sozialer Austausch, S. 125-137


Lesenswert zum Schenken ist immer wieder der Eintrag 21 »Umtausch nicht gestattet« in Theodor W. Adornos »Minima Moralia«, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1951


Ebenfalls lesenswert ist die Anmerkung von Andreas Bernard zu Adornos Eintrag 21 in: Andreas Bernard / Ulrich Raulff (Hrsg.), Theodor W. Adorno »Minima Moralia« neu gelesen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 15ff.


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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