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Vorgeknöpft: die Modekolumne 19. Mai 2017

Spaziergang mit Waldschrat

Von Maria Hunstig  Foto: Agence / Bestimage

Wenn Männer sich nachlässig kleiden, gilt das als liebenswert, bei Frauen heißt es, sie hätten ihr Leben nicht im Griff. Vorgeführt wird dieses Phänomen in dieser Woche vom Ehepaar Clooney. Doch George will uns eigentlich etwas ganz anderes sagen.


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Eine glamouröse Filmdiva spaziert mit ihrem neuen Liebhaber im Grünen. Doch wer ist dieser ältere Unbekannte? Ach nein, das sind ja die Clooneys!

Bei einem Spaziergang unweit ihres Hauses im britischen Berkshire gaben sich Amal und Ehemann George Clooney kürzlich betont »off-duty« – und das jeder auf seine Weise. Für Amal, die stets elegante Juristin, bedeutet das: ein schicker grüner Kurzparka, der ihren Babybauch verhüllt, glitzerverzierte Sneakers, Kaschmirmützchen, Pilotenbrille. Ihr Ehemann scheint dagegen einen Kofferverlust am lokalen Flughafen erlitten zu haben. Irgendwie sieht das doch alles sehr improvisiert aus: Ist das eine Warner-Brothers-Fleecejacke vom letzten Filmdreh? Dazu schlecht sitzende Jeans und ein karierter Fedora-Hut aus, ja, woher? Der Faschingskiste im Keller?

Natürlich, das Paar will sich bei seiner Landpartie offensichtlich von der Öffentlichkeit abschirmen, aber warum muss George das im Kostüm eines Freizeitparktouristen tun?

Tatsächlich überzeugt George Clooney in Stildingen nur bei offiziellen Anlässen. Dort greift er vorzugsweise zu anthrazitfarbenen Anzügen oder dunklen Hemden und kombiniert sie mit offenen Knöpfen, seinem St.Tropez-Teint und dem berühmten Clooney-Grinsen. Weniger mondäne Anlässe scheinen ihn stylingmäßig ins Schwitzen zu bringen. 

Ein warmes und halbwegs ansehnliches Oberteil und eine gut sitzende Jeans zum Spazierengehen zu finden, das sollte doch zu schaffen sein – besonders für jemanden wie Clooney, dem vermutlich jede Jeansmarke der Welt mit Handkuss eine Komplettausstattung zuschicken würde. Denkt man als Normalo. Doch die Wahrheit ist: Für Nicht-Prominente mag »Anlasskleidung« eine Herausforderung sein (»Notfalls nehm' ich halt den Jeansgürtel zum Hochzeitsanzug«) – für Prominente ist es der Freizeitlook. Wobei Männern die Notlösung im Alltag als liebenswerte Schrulligkeit durchgeht, bei Frauen vermutet die Klatschpresse dann gerne mal, diejenige habe ihr Leben nicht mehr im Griff. Britney Spears kann davon ein Lied singen.

Klar, der Stylist ist nicht rund um die Uhr und den Erdball verfügbar, und selber einkaufen ist keine Alternative – zu profan, zu zeitraubend, zu viele Paparazzi. Dazu kommt, gerade bei Clooney, auch eine gewisse Glamour-Verachtung, sein Spaziergänger-Outfit schreit geradezu: »Leute, ich habe echt Bedeutsameres auf der Agenda: Menschenrechte, Tier- und Umweltschutz… lasst mich mit eurem Mode-Quatsch in Ruhe.« Diese Haltung hat er mit einem anderen gemein, der wegen seiner Freizeitkleidung lange veräppelt wurde (seit er aber nicht mehr Präsident ist, als rehabilitiert gilt): Barack Obama, bis dato der König der schlecht sitzenden Dad-Jeans, an dessen Thron Clooney gerade kräftig sägt. Ob er ihm auch in sonstigen Belangen nacheifert? Immer wieder hieß es ja, Clooney strebe nach politischen Ämtern. Doch viel wahrscheinlicher ist, dass sich der werdende Vater Clooney erhofft, sich mitsamt der Dad-Jeans auch eine automatische »Dad-Kompetenz« überstreifen zu können.

Die stets top gekleidete Amal scheint der wirre Look ihres Gatten nicht zu interessieren. Wie alle Frauen hat sie Wichtigeres zu tun, als ihrem Mann die Hemden rauszulegen.

Wird getragen von:
Vätern in Freizeitparks, Präsidenten im Urlaub
Wird getragen mit:
Goatee, Trekkingsandale, E-Bike
Das sagt George:
»Schatz, hast du die Hotel-Pantoffeln eingepackt? Die sind doch super für zu Hause!«

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Maria Hunstig

ist Redakteurin beim Modefachmagazin Sportswear International. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

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