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Wild Wild West: Amerikakolumne 31. Mai 2017

Eyes of the Tiger

Von Michaela Haas   Foto: AP

Mugshots sind in den USA viel mehr als nur Haftfotos. Sie sind der rote Teppich der Promi-Rebellen – und der moderne Pranger, an dem gefallene Weltstars wie Tiger Woods gedemütigt werden.



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Niemand hat es so schön hingekriegt wie Jane Fonda 1970: Mit geballter Faust und perfekter Frisur blickte Häftling Nummer 139813 halb kokett, halb kämpferisch in die Kamera auf der Polizeistation in Cleveland. Die Anklage für das Treten eines Polizisten wurde dann auch prompt fallengelassen. Cooler geht es nicht.

Der »Mugshot« ist der rote Teppich des Promi-Rebellen. Mit »Haftfoto« wäre der Begriff völlig unzureichend übersetzt, schließlich ist »Mug« ein Slangausdruck für »Fresse«, und Shot ein Schuss, der auch nach hinten losgehen kann. Hartnäckig hält sich die Angewohnheit der amerikanischen Polizeistationen, die meist extrem unvorteilhaften Schnappschüsse der Neuankömmlinge online zu stellen. Fans wie Feinde können sich dann daran ergötzen, ihre prominenten Vor- und Feindbilder ungeschminkt, zerzaust und zerknautscht im Blitzlicht am Tiefpunkt zu sehen.

Das jüngste Opfer ist Tiger Woods. Ob er auch ein Täter ist, weiß noch keiner. Diese Woche wurde er um 3 Uhr morgens am Steuer seines Wagens in Palm Beach, Florida, verhaftet, weil er offensichtlich einen Bogey, also einen zuviel hatte. Ob es eine allergische Reaktion auf ein Medikament war, die Woods behauptet, oder ob er doch noch etwas anderes im Blut hatte, werden die Gerichte klären, aber der Schaden ist schon jetzt größer als ein misslungener Putt. Denn auf Mugshots in den frühen Morgenstunden wirken selbst Promi-Profis wie Verbrecher, lange bevor der Richter ein Urteil gesprochen hat. Die Augen auf Halbmast, die lichten Haare ungekämmt, die Bartstoppeln verwahrlost, da sieht Woods so unvorteilhaft aus wie ein Dackeltöter. Ausgerechnet Woods, der doch mit seinem Lächeln und seinen vier Master-Siegen den American Dream perfekt verkörperte, bevor er abseits der Golfplätze über einige Handicaps stolperte und ihn seine damalige Traumfrau mit dem Golfschläger aus der gemeinsamen Auffahrt jagte! Zwischen seinem größten Triumphzug in den Olymp der Golfgötter und seiner tiefsten Niederlage auf einem gottverlassenen Seitenstreifen in Palm Beach liegen 20 Jahre. »Tiger hat seit Jahren nichts mehr gewonnen«, höhnte der San Franscico Chronicle, »es sei denn, man zählt seinen Sieg im Wettbewerb um den schauerlichsten Mugshot.«

Das ist in der Tat ein Wettbewerb, nur bewirbt sich kaum einer freiwillig um die Siegerprämie. Darin liegt ja auch der voyeuristische Reiz des Ganzen und der Grund, warum diese Mugshots millionenfach um den Globus geklickt werden. Hugh Grant versuchte noch, mit seinem Verführerblick kokett in die Kamera zu blinzeln, da ging die Geschichte seines missglückten Blowjobs Interruptus im Auto auf dem Sunset Boulevard in Hollywood durch eine Prostituierte namens Divine Brown schon um die Welt. Im Endeffekt konnte er aber frohlocken, dass ihm die unfreiwillige Aufmerksamkeit sogar nutzte. Die Göttliche vom Straßenstrich finanzierte mit den rund 1,6 Millionen Dollar, die sie aus ihren Medienauftritten schlug, eine Privatschule für ihre Kinder, und Grant ging auf »Entschuldigungs-Tournee« durch alle großen Talkshows. »Ich habe ein paar Backpfeifen verdient!“ stimmte er den diversen Fernseh-Psychologen unverschämt grinsend zu.

Sogar aus Bill Gates wurde trotz seiner Porsche-Rasereien und seines kriminell unterirdischen Outfits, für das er eigentlich im Knast schmoren sollte, noch ein erfolgreicher Unternehmer.

Dass der ramponierte Ruf durchaus karrierefördernd sein kann, wusste natürlich auch Prince, der Star der Selbstinszenierung. Sein berühmter Schwarz-Weiss-Mugshot von 1980, ist mit ziemlicher Sicherheit fake und wurde nur inszeniert, damit er ihn selbst auf T-Shirts drucken lassen konnte.

Nicht-Prominente und ihre Karrieren erholen sich selten wieder von einem katastrophalen Mugshot – schließlich googeln auch Chefs vor der Einstellung neuer Mitarbeiter erst mal den inoffiziellen Lebenslauf der neuen Bereichsleiterin, und die Mugshots sind den Abgründen des Internets nie wieder zu entreissen. Zahllose Webseiten verdienen ein Vermögen damit, gegen die Zahlung mehr oder weniger horrender Summen die Löschung der Verbrecher-Visagen zu versprechen, bevor sie die Banker-Karriere oder die Aufnahme in Harvard ruinieren.

Wie bei anderen Wettkämpfen auch laufen die Mugshots auf den Webseiten in handelsüblichen Kategorien wie Promis, Busen, Bad Attitude, Hawaii-Shirts, Strippers oder Tattoos. Nick Nolte führt in den Disziplinen Hawaii-Hemd und Hairstyling.

Fortgeschrittene schaffen es sogar, gleichzeitig in einem halben Dutzend Kategorien abzuräumen, wie etwa Mehrfachtäterin Lindsay Lohan, die sich in den letzten zehn Jahren sowohl in den Disziplinen Promis, Busen, Bad Attitude, Stripper und Glatze profilieren konnte. Aber Promis zahlen eben mit einer anderen Währung. Justin Bieber, der als 19jähriger bekifft und betrunken am Steuer seines gelben Lamborghinis durch Miami raste, lacht auf seinem ersten Mugshot fröhlich, mit gut sitzender Gelfrisur – die Aufnahme ist kaum von einem professionellen Paparazzi-Klick zu unterscheiden. Er hat sogar seinen eigenen Mugshot wie eine Auszeichnung auf seinem Instagram veröffentlicht, mit dem Aufschrei (in GROSSBUCHSTABEN): »I LOVE THIS because it reminds me IM NOT EXACTLY WHERE I WANT TO BE BUT THANK GOD IM NOT WHERE I USED TO BE!! THE BEST IS YET TO COME DO YOU BELIEVE IT?«

Natürlich gelingt es den wenigsten, mit Handschellen so nett in die Linse zu grinsen. Für Ambitionierte empfiehlt es sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Seit der kalifornische Gangster Jeremy Meeks für seinen Mugshot und seine hohen Wangenknochen mit unzähligen Fanbriefen, einem Model-Vertrag und einem Auftritt in Cannes belohnt wurde, beschweren sich Möchtegern-Stars immer öfters über die schlechte Qualität ihres Bewerbungs-, äh, Verbrecherfotos. Es komme nun regelmäßig vor, dass Verbrecher darauf drängen, ansehnlichere Mugshots anfertigen zu lassen, melden die Polizeistationen. Sogar bessere Fahndungsfotos schicken Flüchtige neuerdings ein, wenn ihnen die von der Polizei geschusterten nicht gefallen – denn die Unterweltler haben das Potential erkannt: Die Festnahme kann das Einfallstor für fünf Minuten Ruhm werden. Auch Ganoven sind eitel, und im Zeitalter des Selfies wäre das gut ausgeleuchtete Knastie nur die konsequente Weiterentwicklung.

Noch besser wäre: Man schafft diesen modernen Pranger ganz ab. Dass die Mugshots, genau wie die 911-Notrufe, öffentlich gemacht werden, dient nur den Voyeuren. Wieso dem Elend eine Bühne bieten, wenn doch zum Zeitpunkt des Fotos noch nicht einmal klar ist, ob der Betroffene überhaupt etwas ausgefressen hat?

Allen gestrauchelten, insbesondere Tiger Woods, wünschen wir, dass sie irgendwann die gleiche Nachricht wie Justin Bieber online stellen können: THANK GOD I’M NOT WHERE I USED TO BE! Möge der schlimmste Mugshot hinter ihnen und das Beste noch vor ihnen liegen.

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Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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