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Nackte Zahlen: Sexkolumne 02. Juli 2017

Wenn die Gute liegt so nah

Von Till Raether  Illustration: Eugenia Loli

Die meisten Menschen würden am liebsten mit dem Nachbarn oder der Nachbarin fremdgehen. Wie einfallslos ist das eigentlich?   

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Die Umfrage einer Dating-Plattform hat ergeben, dass Menschen am liebsten mit der Nachbarin oder dem Nachbarn fremdgehen würden: 72 Prozent der Männer und 62 Prozent der Frauen geben an, dass sie heimlich davon träumen, eine Affäre im Anrainer-Bereich zu haben.

Die Attraktivitätsforschung kann also dichtmachen und möge bitte umgehend ihre aufwendigen Magnetresonanztomographie-Hirnareal-Untersuchungs-Apparate abholen, denn hiermit ist der Beweis erbracht, was Menschen wirklich attraktiv finden: Nichts ist anziehender, als zufällig nebenan zu wohnen. Nichts ist so sexy, wie eine Hausnummer zu teilen. Nichts ist aufregender, als Hammergrundstücke am gleichen Wendehammer. Nichts befeuert die erotische Fantasie mehr als die gemeinsame Nutzung der Müll-Container, stellvertretende Annahme von DHL-Paketen und das Stolpern über die Bobbycars des jeweils anderen. Scheue Blicke beim Hofgrillen, eine sanfte Berührung der Fingerspitzen beim Zurückbringen der Schlagbohrmaschine, ein etwas zu langes Verharren auf der Fußmatte beim Ausborgen zweier Eier – mit dem Wissen dieser neuen Sex-Umfrage entpuppt sich die Nachbarschaft als Minenfeld der zwischenmenschlichen Versuchung.

Tatsächlich gibt es anekdotische Beweise genug: Immer wieder hört man von Frauen und Männern, die plötzlich das Lebensglück nur noch in der anderen und statt ihrer eigenen Doppelhaushälfte finden konnten. Oft werden diese Anekdoten ins Feld geführt zum Beweis der alles besiegenden Macht der Liebe: Es muss Schicksal gewesen sein, dass der oder die direkt nach nebenan gezogen ist! Und dem Schicksal kann sich niemand widersetzen.

Die Nachbarschafts-Anziehungs-Resistenten 28 beziehungsweise 38 Prozent sind sich einig, dass dies völliger Unfug ist. Vom Nachbarn zu träumen, heißt einfach nur, keine, aber auch wirklich absolut gar keine Fantasie zu haben. Es heißt, jemand aufregend zu finden, der in der gleichen Art von Immobilie wohnt, der also aller Wahrscheinlichkeit nach aus der gleichen Bildungsschicht, Einkommens- und Altersgruppe kommt wie man selbst und wie der eigene Partner. Die erotische Fantasie derer, die ihres Nachbarn Frau beziehungsweise den Nachbarn selbst begehren, reicht gerade so weit, jemanden anziehend zu finden, der aller Wahrscheinlichkeit nach ziemlich genau wie der eigene Partner ist, nur, dass sie ihn oder sie noch nicht ganz so gut kennen. Menschen, die auf ihre Nachbarn scharf sind, sind also in erster Linie einfallslos und faul: Sie nehmen einfach, was ihnen vorgesetzt wird. Sie sind die Stubenhocker unter den Fremdgeh-Träumern. Sie haben Netflix erfunden, um nicht mehr ins Kino zu müssen, Spotify, um nicht mehr den Arm nach einer CD oder LP ausstrecken zu müssen, Amazon, um nicht in den Drogeriemarkt zu müssen. Es ist kein Wunder, dass die Zahl der Nachbarschaftserotomanen so hoch ist: Dies ist ihre Welt, alle anderen leben nur darin.

Mag sein, dass sie im Moment in der Überzahl sind. Lasst sie weiter voneinander träumen, quer über den Gemeinschaftsgarten, die Buchsbaumhecke, die Feuerwehrzufahrt. Sie haben einander verdient.
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Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.

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