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Hit, Hit, Hurra: Chartskolumne 12. Juli 2017

Dr. Sommer

Von Sina Pousset  Foto: Screenshots

Ein besserer Sommerhit als »Despacito« kommt dieses Jahr wohl nicht mehr nach. Der Song hält sich so strikt an das Rezept für Sommerhits, dass ihn das unverwechselbar macht – nicht der einzige Grund, um mal genauer hinzuhören.



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Der Sommerhit – ein Lied, zu dem man genausogut joggen wie Cocktails trinken können muss, und zwar mit von diesem Lied verursachter guter Laune. Der Hit heißt in diesem Jahr Despacito, stammt von den Puerto Ricanern Luis Fonsi und Daddy Yankee und steht seit Wochen an der Spitze der Charts – nicht nur bei uns, sondern auch in den USA. Eine kleine Sensation, wenn man bedenkt, dass der letzte spanischsprachige Song auf der Nummer 1 der Billboard Charts Macarena von Los Del Rio war. Das war 1996.

Despacito ist nicht gerade avantgardistisch konstruiert, ganz im Gegenteil: mittelschneller, tanzbarer Beat, eingängiger Refrain, spanische Gitarren, typische Sommerhit-Register. Dieser Song macht so sehr alles richtig, dass es es auffällt – und das Netz zu Reaktionen provoziert. Fünf Erkenntnisse.


1. Keiner, wirklich keiner interessiert sich für den Text.



Einzige Voraussetzung: Nach Sommer muss es klingen. Jahrzehntelang merkte deshalb keiner, dass in Macarena – beliebter Titel auf Kindergeburtstagen und Hochzeiten – eine notorische Fremdgängerin besungen wird (»Gib deinem Körper Freude, Macarena!«). Beim Mitsingen von Sommerhits beginnt und endet die Textkenntnis meist mit dem Einwort-Refrain, danach wird es schwierig. Im Fall von Despacito (»Langsam«), das von wenig subtilen Annäherungsversuchen auf der Tanzfläche handelt (»Du bist der Magnet, ich bin das Metall«), wird jetzt genauer hingehört. Justin Bieber, der den Song mit seiner Featureversion in die Billboard-Charts brachte, wurde nach einem Auftritt in einem New Yorker Club kritisiert und verspottet, weil er sich für den Song erstmals ein paar spanische Zeilen antrainiert hatte, diese dann aber vergaß und stattdessen einfach »Blablabla-ito« und »Dorito« sang. Verständnisvolle Menschen erstellten jetzt eine Lautschrift-Version, die vielleicht auch Bieber helfen könnte.


2. Am besten funktioniert der Sommerhit auf Spanisch.



Polnisch, Hebräisch, Italienisch, Französisch oder Deutsch – in fast allen Sprachen wurde Despacito mittlerweile gecovert. Die schönste Alternative ist diese Version auf Schwitzderdütsch (wer wird bei der Formulierung »Schrittli für Schrittli« nicht schwach?). Der Versuch beweist trotzdem, dass zum Sommer nichts so gut passt, wie melodisches Spanisch. In Deutschland stehen deshalb spanische Hits von La Camisa Negra bis Vayamos compañeros in den Sommermonaten regelmäßig auf Platz Eins, selbst wenn sie von Hannoveranern wie Marquess gesungen werden.

Hinter dem Erfolg steckt aber nicht nur die Schönheit des Spanischen: Laut Sprachwissenschaftlern wirkt eine Sprache besonders dann attraktiv, wenn man positive Assoziationen mit einer Bevölkerungsgruppe verbindet. Während man die Spanier in Deutschland also lange ins Herz geschlossen hat, taten sich die Amerikaner in den vergangenen Jahrzehnten schwer. Der der Billboard-Erfolg von Despacito im Jahr 2017 ist erfreulich. Während der US-Präsident an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen lässt, feiert sein Land einen spanischen Hit. Eine klare Message für Donald.




3. Die Melodie hört sich auch als Cover noch nach Klingelton an.



Ein Song kann durch ein Cover enorm gewinnen oder verlieren. Beim Sommerhit ist jeder Versuch der Aufwertung zwecklos, weil die Melodie bewusst simpel gehalten ist. Auch im Violinensolo oder als indische Tabla-Interpretation bleibt der Hit sich treu. Das Schöne: Er ist so kinderleicht, dass ihn auch Schulorchester spielen können. Oder zwei Cellisten. Diese Tatsache beschert uns dieses liebenswerte Cover einer südamerikanischen Schulklasse.


4. Ohne Rhythmus ist alles nichts



Darauf macht die österreichische Band »Die Draufgänger« in ihrer Coverversion aufmerksam. Wenn der Drummer ausfällt, tut's auch ein Traktor.


5. Am Ende kriegt er einen doch.



Drei Freunde sitzen im Auto, im Radio läuft Despacito. »Ich hasse diesen Song«, sagt einer. Darauf folgt eine hitzige Diskussion darüber, wie sehr der Sommerhit doch nervt: alljährlich dieselbe fehlende Tiefe, die erwartbare, immer gleiche Kombination von Rhythmus und Melodie, der schlechteste Song der Musikgeschichte, alles klingt nach Enrique Iglesias. Stimmt alles. Aber am Ende singt man trotzdem mit.

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