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Nackte Zahlen: Sexkolumne 17. Juli 2017

Der erotische Niedergang des Ehemanns

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

In den Nutzungsdaten der Erotik-Plattform »Pornhub« entdeckt unser Autor den Beweis dafür, dass der Ehemann nicht mehr als Sexsymbol taugt. Aber wozu soll er dann noch dienen?

Steht einsam in der Landschaft, misstrauisch beäugt – der Ehemann von heute.
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Über die Krise der Männer ist in verschiedenen Medien viel geschrieben worden, aber abgesehen von der niedrigen Lebenserwartung, häufigen Gefängnisaufenthalten und den vergleichsweise hohen Pay-TV-Zuschauerzahlen des HSV gibt es wenig statistische Daten, mit denen sich diese Krise belegen ließe. Bis jetzt. Die amerikanische Zeitschrift New York hat diesen Sommer die Nutzungsdaten von Pornhub ausgewertet, der größten pornografischen Internetseite der Welt. Eine Zahl ist besonders auffällig: Der Suchbegriff »Wife«, also Ehefrau, ist 418 Prozent populärer als der Suchbegriff »Husband«, also Ehemann. Dies ist eine sehr hohe Zahl, sie hat drei Stellen und hinten eine hohe einstellige Ziffer. Gefühlt wird sie noch höher, wenn man sich vor Augen führt, dass der Suchbegriff »Husband« meistens im Zusammenhang »husband watches wife fuck« auf der Pornoseite gesucht wird, zu Deutsch etwa: »Ehemann beobachtet Ehefrau beim Geschlechtsverkehr, und zwar nicht bei einem, an dem er selbst beteiligt ist«. Auch dort, wo der Ehemann aus erotischem Interesse gesucht wird, ist er also nur Wurmfortsatz seiner Frau. Quo vadis, Sexsymbol Ehemann?

Tatsächlich hat der Ehemann im Laufe der letzten einhundert, einhundertfünfzig Jahre einen dramatischen Statusverlust als erotische Figur hinnehmen müssen. In russischen und französischen Romanen des 19. Jahrhunderts werden leicht übergewichtige und einigermaßen gut situierte Ehemänner in Westen und Gehröcken noch als »schöner Mann« bezeichnet und wirken eine gewisse Anziehungskraft auf Gouvernanten und Festgesellschaften aus (Tolstoi, Flaubert), und der Ehemann gilt noch als sinnvolle Anschaffung (Austen). Davon kann im 20. Jahrhundert bereits keine Rede mehr sein, die Weltliteratur handelt da schon nur noch von Ehemännern, die ziellos durch die Gegend irren, während ihre Frauen im Bett frühstücken (Joyce). Im 21. Jahrhundert taucht der Ehemann praktisch nur noch als Futter für heitere Instagram-Accounts auf, die Fotos von Ehemännern sammeln, welche beim Einkaufen resigniert auf ihre Frauen warten. Woran aber (abgesehen von einem gewissen Überdruss am Patriarchat, der sich ja doch breitmacht) liegt der erotische Niedergang des Ehemannes, und was kann dagegen getan werden?
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Ein großes Imageproblem hat der Ehemann dadurch, dass in den letzten ca. 15 Jahren die Bezeichnung »Gatte« oder auch »mein Gatte« in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und dort ihr anti-erotisches Zerstörungswerk getan hat. Das Wort »Gatte«, stets ironisch verwendet, hat die gesamte Menschengruppe Ehemänner mit einem leicht dunkelbeige funzelnden Mehltau überzogen, der das Gegenteil von sexy ist. Dieses Wort passt auf niemanden außer den US-Vizepräsidenten Mike Pence.

Ein wichtiger Faktor für das mangelnde sexuelle Interesse am Ehemann ist natürlich auch sein zunehmender Bedeutungsverlust als gesellschaftlicher Funktionsträger. Mit dem Beginn der Digitalisierung und insbesondere des Online-Handels bekam der Ehemann historisch gesehen die wichtige Aufgabe, gelieferte, aber nicht zugestellte Päckchen und Pakete mit Hilfe des Benachrichtigungsscheins bei der Post abzuholen. Durch den Kahlschlag im Bereich der Postfilialen ist dieser natürliche Lebensraum des Ehemanns einerseits stark eingeschränkt worden, andererseits hat er durch den Ausbau des Lieferstations-Netzes und neue Services wie Wunschtermin-Zustellung seine ursprüngliche Funktion mittlerweile fast ganz verloren. Um auch erotisch wieder wahrgenommen zu werden, müsste der Ehemann sich also eine neue relevante Aufgabe in der Gesellschaft suchen, möglicherweise im Bereich der Parkraumbewirtschaftung oder als Sichtschutz bei Kabelsalat im häuslichen Bereich.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.

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