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aus Heft 30/2017 Leben

Die Welt im Griff

Von Garbriela Herpell  Foto: Susann Städter/photocase.de; Illustration: Laurie Rosenwald

Der Mensch möchte mitbestimmen, ob die Sonne scheint, die Ampel grün wird oder die Lieblingsmannschaft gewinnt. Dafür betrügt er sich auch gern selbst. Über das Phänomen der Kontrollillusion.

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Die Milch kocht über, der Müllsack ist leck und tropft durchs Treppenhaus, das Fahrrad ist von sieben anderen umzingelt. Irgendwann stehe ich gehetzt mit Rad und Hund an der Ampel und tippe auf den gelben Kasten daran. Nichts passiert. War wohl zu sanft. Ich bin mir nie sicher, wie doll man drücken muss, also versuche ich, die ganze Hand aufzulegen, was nicht einfach ist, weil der Kasten so niedrig hängt. Doch siehe da, es blinkt: »Signal kommt«. Ich nicke, zufrieden, geduldiger jetzt auch.

Die Fußgängerin neben mir lächelt mich milde an und sagt, ist egal, wie oft Sie drücken, tippen, die Hand auflegen, die Ampel macht sowieso, was sie will. Da wird die Ampel grün. Wir gehen nebeneinander über die Straße. Ich finde, alles spricht dafür, dass die Ampel grün ist, weil ich gedrückt habe. Ich sage aber nichts, möchte nicht immer so rechthaberisch sein. Die Frau scheint meine Gedanken lesen zu können und sagt, immer noch mit diesem Lächeln, das mir mittlerweile triumphierend vorkommt: »Sie sollen das Gefühl haben, dass Sie die Kontrolle haben. Haben Sie aber nicht. Die Hälfte der Ampeln in München ist immer gleich geschaltet, ob Sie drücken oder nicht.« Ich lächle freundlich zurück und winke, schönen Tag noch. Sie ruft mir hinterher: »Das nennt man übrigens Kontrollillusion!«

Okay. Sie hat gewonnen. Das Wort Kontrollillusion geht mir nicht mehr aus dem Kopf, es ist so schön paradox und einleuchtend. Ich habe eine Ahnung, dass es der Schlüssel sein könnte zu einigen seltsamen Verhaltensweisen, die mir an mir immer wieder auffallen. Denn der Mensch, den man am leichtesten täuscht, ist man ja selber, so viel ist klar.

Im Büro google ich Kontrollillusion. Dafür, dass ich das Wort zum ersten Mal gehört habe, wird schon ziemlich lange und intensiv dazu geforscht: Ellen Langer, Professorin für Psychologie in Harvard, hat das Phänomen 1975 als Erste so benannt, es systematisch untersucht und festgestellt, dass Menschen oft so handeln, als hätten sie einen Einfluss auf Vorgänge, auf die sie objektiv keinen Einfluss haben. Und dass sie Situationen, die sie aufgrund ihrer Fähigkeiten im Griff haben, und Situationen, die sie trotz ihrer Fähigkeiten nicht im Griff haben, miteinander verwechseln. Beispiel: Wenn man einen Sechserpasch würfeln möchte, schmettert man die Würfel aufs Brett, wogegen man sie für eine Eins sachte aus der Hand kullern lässt.

Ich lese das und denke darüber nach, wie oft ich schon die Würfel nicht nur mit Schmackes auf den Tisch geworfen, sondern auch noch laut und minutenlang in meinen hohlen Händen geschüttelt habe, wenn ich hohe Zahlen brauchte. Es hat oft nicht geklappt. Aber es ist mir noch nie so lächerlich vorgekommen wie jetzt, nach der Lektüre von Ellen Langer.

Die Illusion der Kontrolle, schreibt Langer, ist umso stärker ausgeprägt, je mehr man sich einbildet, in das Handeln eingreifen zu können, weil man eigene Entscheidungen treffen kann oder zu wissen glaubt, welche Handlung zum Ziel führt. Wenn man eine Murmel aus einer Dose voller bunter Murmeln zieht und weiß, dass die gelbe gewinnt, wächst die Kontrollillusion. Sie wächst nicht, wenn man nicht weiß, welche Farbe gewinnt. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, die richtige zu ziehen, in beiden Fällen gleich groß. Genau wie jeder denkt, mit einem selbst ausgefüllten Lottoschein mehr Aussicht auf Erfolg zu haben als mit einem, den jemand anders für einen ausgefüllt hat. Ist aber nicht so.

Im Hochhaus, in dem ich arbeite, ruft man den Aufzug nicht nur herbei, man tippt auf dem Display auch gleich das Stockwerk ein, in das man fährt. Manche Kollegen stellen sich im Aufzug dann immer gleich rechts neben die Tür, so nah wie möglich ans Bedienfeld, und drücken den Tür-zu-Knopf sofort. Ich habe mich oft gefragt, wie eilig man es haben muss, um das zu tun. Und ich habe oft gehört, dass diese Knöpfe keine Funktion haben.

Eine Aufzugsfirma erklärt, dass sie zwar keine reinen Placebo-Knöpfe einbaut, die Knöpfe in vielen Fällen aber außer Kraft gesetzt sind: Wenn jemand in der Lichtschranke steht. Wenn die Tür gerade aufgeht. Oder wenn die Steuerung prüft, ob noch andere Leute auf dem Weg zum Aufzug sind. Genau in den Momenten also, in denen die Kollegen drücken, um zu vermeiden, dass der Aufzug wartet, wartet der Aufzug. Die Kollegen scheinen jedoch total zufrieden damit zu sein, sich einzubilden, den Aufzug im Griff zu haben. So wie ich an der Ampel. Mittlerweile gibt es einige Tests, die erwiesen haben: Das Drücken des Knopfes an der Ampel erleichtert dem Fußgänger die Wartezeit, egal ob er funktioniert oder nicht.

Seit Ellen Langer die Kontrollillusion erkannt hat, beschäftigt das Phänomen jede Menge Psychologen, Philosophen, Lernforscher. Sie fragen sich, ob die Kontrollillusion gut ist oder schlecht. Warum es sie gibt. Wofür sie ein Indikator sein könnte. Warum der Mensch so viel Wert auf das Gefühl legt, alles unter Kontrolle zu haben. War er schon immer so oder ist er zum Kontrolljunkie geworden?

Das Gehirn des Menschen hat sich im Lauf der Evolution erst dahin entwickelt, die Welt verstehen zu wollen. Denn nur wenn man den Grund für ein Ereignis kennt, kann man daran etwas verändern. Ohne Grund oder Erklärung fühlt man sich ausgeliefert. Das erträgt man so schwer, dass das Gehirn verzweifelt versucht, jede Situation berechenbar zu machen. Und weil das nicht möglich ist, denkt sich der Mensch Zusammenhänge aus, die zum Teil unsinnig sind: Wenn alle aufessen, scheint am nächsten Tag die Sonne. Oder: Ich werde nicht krank, weil ich immer einen Rosenquarz bei mir trage. Mir war natürlich nicht klar, wie viele meiner Verhaltensmuster aus dem Bedürfnis nach Kontrolle entstanden sind. Und wie lange das schon so geht. Ich komme aus einer Eishockeystadt, zu den Heimspielen ging man auf die Nordtribüne. Wenn die eigene Mannschaft verlor, kam mir der Gedanke, das nächste Mal nicht hinzugehen, es könnte der Mannschaft ja helfen. Ich habe es versucht. Meine Freunde auch.

Obwohl ich mich im Großen und Ganzen nicht für abergläubig halte, würde ich nie jemandem zu früh zum Geburtstag gratulieren. Ich puste bis heute eine verlorene Wimper weg und wünsche mir was. Ich denke, was für ein Quatsch, gleichzeitig ist es mir mit dem Wunsch total ernst. »Kontrollillusionen und abergläubisches Verhalten entstehen, weil sie eine erfolgreiche Technik sind, mit Stress und Ungewissheit umzugehen«, heißt es in einer philosophischen Arbeit der Universität Wuppertal von 2013. »Wenn Menschen glauben, dass sie schädliche Ereignisse kontrollieren können, können sie diese besser bewältigen. Das betrifft vor allem die Kontrolle über innere Ereignisse wie Schmerzen und Krankheiten.«

Für eine Studie übergaben Kölner Psychologen 2010 einer Gruppe von Golfern einen Golfball, von dem sie sagten, das sei ein besonderer Ball, mit dem jeder besser spielen würde. Einer anderen Gruppe gaben sie denselben Ball, ohne das Märchen dazu zu erzählen. Die Spieler mit dem vermeintlichen Glücksball waren konzentrierter und trafen häufiger. »Einige der Eigenschaften, durch die wir zu der die Erde beherrschenden Spezies wurden, sind zugleich auch die Wurzel unseres Aberglaubens«, schreibt der US-Psychologe Stuart Vyse in seinem Buch Die Psychologie des Aberglaubens. Klar: Wenn mir jemand sagt, ich spiele mit einem Schläger Tennis, mit dem John McEnroe Wimbledon gewonnen hat, dann spiele ich zwar noch lange nicht wie John McEnroe, aber ich strenge mich viel mehr an. Denn ich muss besser sein als sonst, mit dem besonderen Schläger.

Mein Bedürfnis nach Kontrollillusion ist vielleicht nicht so stark wie das der Tür-zu-Drücker im Aufzug, aber schon einigermaßen stark. Es hängt allerdings auch sehr von meiner momentanen Situation ab. Es ist ja tatsächlich kaum zu beschreiben, wie man sich mit dem Auto im Stau fühlt, wenn man zu spät dran und der Termin wichtig ist. Die Unruhe. Die Ohnmacht. Der Druck auf der Brust. Das Brodeln, das den Hals hochsteigt. Ich muss jedes Mal an Michael Douglas in Falling Down – Ein ganz normaler Tag denken, wie er auf dem Weg zur Geburtstagsparty seiner Tochter im Stau steht, Gluthitze in Los Angeles, nichts geht mehr, er flippt aus, schreit herum – und irgendwann lässt er das Auto einfach im Stau stehen und läuft wie ein wild gewordener Stier durch die Stadt.

Wenn ich wiederum gut in der Zeit liege, kann es passieren, dass ich gedankenverloren an der Ampel stehe und nicht drücke. Was übrigens dazu führt, dass die Ampel für die Autofahrer zwar rot wird, weil sie sich am Münchner Altstadtring befindet und von einem Computersystem sekundengenau getaktet ist, um den Verkehrsfluss im Berufsverkehr zu regulieren (wenn man auch nur einen Moment lang darüber nachdenkt, kommt man von allein darauf, dass sie sich nicht nach jedem Fußgänger richten kann). Aber: Wenn ich nicht drücke, springt die Fußgängerampel nicht auf Grün. Also stehen die Autos da, und die Fußgänger auch.

Anderes Beispiel: Hunger. Ein Team von US-Psychologen ließ 1995 eine Hälfte der Probanden fasten, die andere Hälfte durfte sich satt essen. Dann wurde allen Probanden in Aussicht gestellt, einen Hamburger zu gewinnen. Die Ausgehungerten waren viel zuversichtlicher als die Satten, den Hamburger zu ergattern.

Wie viel von seinem Leben hat man eigentlich selbst in der Hand?


Wenn man nun bedenkt, dass manche Menschen ja grundsätzlich eher zu den Satten gehören und andere zu den Hungrigen, sagt das Bedürfnis nach Kontrollillusion auch viel über Persönlichkeit und Wesen aus. Leistungsorientierte Menschen nehmen die Gestaltung ihres Lebens aktiver in die Hand als diejenigen, die sich als ohnmächtig empfinden. Die Leistungsmenschen sind dadurch ausdauernder und angstfreier. Allerdings empfinden sie sich auch in Momenten als wirksam, in denen sie es vielleicht nicht sind. Umgekehrt kann die nüchterne Einschätzung oder Unterschätzung der eigenen Möglichkeiten zu einer eher fatalistischen Haltung führen: Man ergibt sich seinem Schicksal. Die Kontrollillusion, erklären viele derer, die sie erforschen, sei eine geniale Erfindung der Evolution.

Doch trotz ihrer vielen hellen Seiten machen die Experten auch auf die Schattenseiten des Phänomens aufmerksam. Illusionen verhindern die Wahrnehmung der Informationen, die konträr zu unserer Kontrollauffassung sind, schreiben sie. Heißt: Die Illusion kann Lernprozesse unterbinden, zu Selbstüberschätzung und erhöhter Risikobereitschaft führen. Man prüft sich selbst kaum, stellt sich nicht in Frage und hält Kritik von außen schlecht aus. Wenn etwas schiefläuft, muss es an den anderen liegen. Oder an den Umständen.

Der britische Psychologe Mark Fenton-O’Creevy fand in einer Studie unter Investmentbankern 2003 heraus, dass Händler mit starker Kontrollillusion bei Analyse, Risikomanagement und Gewinnbeiträgen deutlich schlechter abschnitten. Sie verdienten auch weniger. Ihr Problem: Positive Verläufe führten sie auf eigene Entscheidungen zurück, negative spielten sie als vorübergehende Abweichungen herunter oder begründeten sie mit äußeren Einflüssen – und reagierten weder rechtzeitig noch angemessen.

Vom Investmentbanker zum Spieler ist es nicht weit. Sie verbindet, dass sie oft nicht aufhören können zu zocken. Sie glauben, beim nächsten Spiel greife ihre Strategie, sie unterliegen also ständig anhaltenden Kontrollillusionen. Ohne Kontrollillusionen hätte es wohl so manche Bankenkrise nicht gegeben.

Aber wäre die Welt ohne Kontrollillusionen reicher? Oder wäre sie ärmer? Wahrscheinlich würden die Menschen sich ohne Kontrollillusionen nicht einmal verlieben.

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Gabriela Herpell

hat sich im Büroturm der Süddeutschen Zeitung sehr an das System gewöhnt, dass der Aufzug beim Betreten schon weiß, wohin man will. Dadurch kann Herpell woanders etwas verloren wirken. In Hotelaufzügen zum Beispiel steht sie ziemlich lange herum, ohne dass irgendetwas passiert.

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