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Wild Wild West: Amerikakolumne 28. Juli 2017

Acht Gründe, Donald Trump zu lieben

Von Michaela Haas 

Unsere USA-Korrespondentin hat viel, sehr viel über Donald Trump geschimpft. Jetzt probiert sie es mal anders - mit einem Liebesbrief an diesen ungewöhnlichen Präsidenten.

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Lieber Donald,

du hast Recht. Wir würdigen deine Verdienste und Erfolge nicht genügend. Es ist eine wirklich tolle Idee, dass nun die Pressebriefings im Weißen Haus damit beginnen, dass deine Sprecherin Sarah Huckabee Sanders einen Liebesbrief an dich vorliest. Den Anfang machte der neunjährige Dylan: »Du bist mein Lieblings-Präsident«, las Sanders aus Dylans Brief, »ich mag dich so sehr, dass ich meinen ganzen Geburtstag nach dir ausgerichtet habe; mein Kuchen sah aus wie ein Trump-Hut. Ich verstehe nicht, wieso es Leute gibt, die dich nicht mögen. Dein Freund Dylan.«

Donald, auch in Deutschland hast du Freunde. Und ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn deine Sprecherin als nächstes meinen Brief vorliest, denn auch ich bin ein großer Fan: Es ist wirklich unglaublich, was du in den ersten sechs Monaten deiner Amtszeit schon erreicht hast.

1. Du hast die Zustimmung zur allgemeinen Krankenversicherung gesichert
Zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas spricht sich die Mehrheit der Amerikaner für eine allgemeine Krankenversicherung aus: laut Pew über 60 Prozent und damit fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Wow, was für eine sensationelle Kehrtwende! Haben die Amerikaner sich lange vehement gegen die Einführung gewehrt, so haben deine erbitterten Versuche, sie wieder abzuschaffen, zu einem drastischen Stimmungswandel geführt. Chronisch Kranke und Behinderte campieren vor Abgeordnetenbüros, Krebskranke stürmen Townhalls, Menschen mit Multipler Sklerose können vor Wut wieder so weit laufen, dass sie es zu Bürgeranhörungen schaffen. Alle finden plötzlich, dass es gar keine schlechte Idee ist, wenn man für eine Blinddarmentzündung nicht mit einer Bankrotterklärung oder dem Leben bezahlen muss.

2. Du hast uns die Bedeutung des Klimawandels verdeutlicht
Vielleicht dein genialster Schachzug. Erst seit du den Klimawandel so vehement als Hoax bekämpfst, kennt auch der letzte die Statistik, dass 98 Prozent der Klima-Wissenschaftler sich in ihrer Einschätzung der Klimaerwärmung einig sind. Wenn du einfach beim Pariser Klimaabkommen geblieben wärst, hätten alle gedacht, die Regierungen nehmen das Thema ernst und machen wirklich was. Erst dein Rückzug hat Menschen auf der ganzen Welt schlagartig klargemacht: Verdammt nochmal, das geht den Bach runter, ich muss jetzt echt mal meine Kiste in der Garage lassen.

14 Bundesstaaten wie Kalifornien, New York und Washington sowie Hunderte von Bürgermeistern, Universitätspräsidenten und unzählige Firmen haben sich zu einer echten Klima-Allianz zusammen geschlossen, mit Zielen, die weit über dem Pariser Abkommen liegen. »Wenn der Präsident sich in dieser enorm wichtigen Anstrengung aus dem Staub macht, dann müssen Kalifornien und andere Staaten ihre Anstrengungen verstärken«, tönt der kalifornische Gouverneur Jerry Brown. Selbst Hans Joachim Schellnhuber, Deutschlands prominentester Klimawissenschaftler, verkündete in der Zeit: »Dem Klima könnte Trumps bizarrer Auftritt am Ende einen Dienst erweisen.«

3. Du machst uns klar, dass wir für Demokratie und Menschenrechte kämpfen müssen
Vor deiner Wahl kannten die meisten Amerikaner nicht einmal den Namen ihres Kongressabgeordneten. Nun haben viele ihre/seine Direkt-Durchwahl in ihrem Handy gespeichert und rufen sie/ihn täglich an, um ihr/ihm ihre Meinung zu sagen. Das ist Demokratie in Aktion!
 
4. Du mobilisierst die Massen
Mehr als die Hälfte der Amerikaner (52 Prozent laut Pew) interessieren sich seit deiner Wahl mehr für Politik. Und 15 Prozent haben, seit du an der Macht bist, zum ersten Mal in ihrem Leben eine Rally oder eine Demo besucht - davon die meisten ganz ausdrücklich wegen dir. Du hast am Tag nach deiner Amtsvereidigung sogar die größten Massendemonstrationen dieses Jahrhunderts inspiriert. Das ist wahre Größe.

5. Du förderst den Feminismus
In der Washington Post schrieb Alyssa Rosenberg: »Ich bin jedes Mal dankbar dafür, wenn Präsident Trump eine Frau beleidigt.« Es war ja für uns Feministinnen schwer geworden, gerade Jüngere davon zu überzeugen, dass wir noch gebraucht werden. Nun kann wirklich keiner mehr leugnen, dass unsere Forderungen dringend nötig sind. Rosenberg: »Trump und seine Unterstützer bestätigen jeden Tag die Vorwürfe der Feministen über die Erlebnisse von Frauen und darüber, wie die Welt funktioniert.«

6. Du hast Merkel zur Anführerin der freien Welt gemacht
Wir in Europa waren eigentlich ziemlich zerstritten in den letzten Jahren. Nun sind wir uns alle einig: 78 Prozent von uns finden dich nicht gut. Durch dich sind wir zu einer (fast) geschlossenen Front geworden. Wer weiß, vielleicht hast du sogar Frankreich vor Marine LePen gerettet.

7. Du machst den Journalismus wieder großartig
Das Abo für die einst langweilige Washington Post hatte ich ehrlich gesagt schon abbestellt. Seit du regierst, sind ihre investigativen Reportagen wieder Pflichtlektüre. Und wie mir geht es vielen: Gerade die Medien, die du am meisten hasst, wie die New York Times und die Washington Post, melden nach langem Sinkflug wieder freudig zweistellige Abo-Zuwachszahlen. »Er hat uns tatsächlich geholfen aufzublühen«, sagt Post-Reporter Richard Cohen. Die Auflage steigt. Keiner kann den Blick abwenden. »Er ist politische Pornographie - packend, aufregend, dreckig, faszinierend.« Am besten: Du hast meine Lieblingsmoderatorin Rachel Maddow zur meistgesehenen Moderatorin des amerikanischen Fernsehens gemacht. Sie und ich sind beide selbst davon überrascht, dass sie wirklich jeden Abend fünf Unglaublichkeiten zu enthüllen hat. Danke, dass du die Abendnachrichten wieder spannend machst.

8. Du brichst alle Rekorde
In sechs Monaten hast du 836 Falschwahrheiten verbreitet. Das macht etwa 4,6 Lügen pro Tag. Soviel Kreativität müssen andere Politiker erst noch aufbringen.
 
Wenn du so weitermachst, Donald, wird dir noch das Unmögliche gelingen - das, was dem Al Green singenden, mit dem Friedensnobelpreis dekorierten einstigen Hoffnungsträger Obama in acht Jahren diplomatischen Charmierens nicht gelungen ist: das ganze Land zu vereinen und aus den Unvereinigten Staaten endlich wieder die Vereinigten zu machen.

Ach was, wenn es um dich geht, ist sich die ganze Welt einig.

Deine dankbare Michaela

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Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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