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aus Heft 31/2017 Gesellschaft/Leben

»Beim dritten Schuss habe ich gemerkt, der fängt zu wanken an«

Protokoll: Roland Schulz 

Was Polizisten oft trainieren – und noch mehr fürchten: auf einen Menschen schießen zu müssen. Ein Polizist erzählt, wie es dazu kam.

Mike Muche, 59, Polizeihauptmeister a.D., Schweinfurt
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Es war ein Montagabend. Mein Kollege und ich waren noch nicht lang auf Streife, da kommt über Funk die Mitteilung: Familienstreit. Eine Frau hatte angerufen, sie hätte Stress mit ihrem Partner. Ein Mehrfamilienhaus, oben unterm Dach. Im Treppenhaus war es ruhig, vor der Wohnungstür auch kein Laut. Völlig untypisch. Ein Familienstreit, der so eskaliert ist, dass die Polizei kommen muss - und dann ist es so ruhig?

Ich klopfe. Tür geht auf, eine Frau, nicht verletzt, nicht verweint. In dem Augenblick fährt deine Anspannung runter: Kann nicht so schlimm sein. Es war eine offene Dachgeschosswohnung, bisschen schummrig, ein steinerner Kamin. Wir sind rein, da sehe ich: Hinten auf dem Boden sitzt ein Mann im Schneidersitz. Ein Brocken. Als ich frage, was war los, hebt der die Hand und hält mir eine Schusswaffe entgegen, so silbern.

Mir sind schon viele Sachen entgegengereckt worden, Schraubenzieher, Messer, eine Axt. Eine Schusswaffe? Nie. Du schaust in eine Mündung, und die kommt dir riesengroß vor, wie ein Ofenrohr. Ich schrei, der hat eine Knarre! Mein Kollege und ich sind hinter den Kamin, Waffen ziehen. Der Mann immer noch am Boden. Der hat den ganzen Einsatz kein Wort geredet. Du schreist: Waffe weg oder ich schieße! Du hoffst halt inständig: Der wird doch das Ding weg tun. Aber er tut es nicht weg. Du merkst: Der Einsatz entgleitet dir.

Normal sagst du, was zu machen ist. Und die anderen machen das. Wenn nicht, kommt die nächste Maßnahme. Waffe weg, oder ich schieße - aber wenn er sie nicht weglegt? Wenn mir einer gesagt hätte: Ich, als Hauptmeister mit dreißig Jahren Erfahrung, kann in so einer Situation nicht schießen - ich hätte gewettet, dass ich das kann. Wenn mich einer mit einer Waffe bedroht, schieß ich. Aber plötzlich merkst du: Geht nicht. Da bist du hilflos. Da nutzt das ganze Training nix. Ist meine Meinung: Kein Polizist - egal, wie lang er Streife fährt - kann voraussagen, wie er in so einer Situation reagiert. Todesangst kannst du nicht trainieren.
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Plötzlich merke ich: eine Bewegung. Du denkst, Gott sei Dank, jetzt legt er sie weg. Aber er hat nicht aufgegeben. Er ist aufgestanden. Und hält mir die Waffe entgegen. Und geht auf mich zu. Da schaltet das Hirn auf Notstrom. Ich wollte nur weg. Ich bin zurück zur Tür, und dann: Der Kollege ist noch drin! Bin ich wieder rein. Den Kollegen lässt du nicht im Stich. Der Mann und mein Kollege stehen sich gegenüber. Dann tritt der einen Schritt zurück, hebt die Waffe. Ich versuche, wieder hinter den Kamin zu kommen, da höre ich einen Schuss, kam mir vor wie ein Kanonenschlag. Ich sehe, mein Kollege fällt auf den Rücken.

Dann dreht sich der Mann zu mir und hält mir die Waffe entgegen. Da hat sich mein Hirn entschieden: In der Wohnung willst du nicht sterben. Habe ich meinen ersten Schuss abgegeben. Du bist erleichtert: Jetzt hast du schießen können. Du hast die Hoffnung, wie im Krimi: Du schießt, der fällt um. Ich sehe aber, der streckt mir immer noch dieses Ofenrohr ins Gesicht. Hab ich noch mal geschossen. Keine Wirkung. Muss man sich vorstellen, der Pulverqualm, die Lautstärke der Schüsse. Beim dritten Schuss hab ich gemerkt, der fängt zu wanken an. Mein Wunsch, mein Hoffen war - nimm mir die Waffe aus dem Gesicht. Aber er hat den Arm ausgestreckt, bis zum fünften Schuss. Da ist er dann langsam nach hinten gefallen. Du denkst: Was war das jetzt? Da fängst du an zu begreifen: Du hast das gemacht, was du niemals in deiner Laufbahn machen wolltest - deine Schusswaffe gegen einen Menschen gebraucht.

Der Mann, den Mike Muche anschoss, starb. Die Ermittlungen ergaben, dass er eine Schreckschusswaffe in der Hand gehalten hatte. Muches Kollege blieb unverletzt.

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