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Wild Wild West: Amerikakolumne 11. August 2017

Sterben und zu Deko werden

Von Michaela Haas 

Ob Stift, Kaffeetasse, Feuerwerkskörper oder Glaskugel: In den USA ist es gang und gäbe, die Asche von Verstorbenen weiterzuverarbeiten. Ein Überblick über die skurrilsten Ideen.

Sterben und zu Deko werden: Mit seiner Firma »Artful Ashes« kreiert der Amerikaner Greg Dale aus der Asche von Verstorbenen Glaskugeln.

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In Deutschland herrscht bekanntlich Friedhofszwang. Wer stirbt, hat keine andere Wahl als langsam unter der Erde zu vermodern, entweder im Sarg oder in einer Urne. Die Wahl liegt zwischen Buche oder Eiche, als Asche oder Leiche. Nur mit besonderem Aufwand lässt sich eine Seebestattung organisieren. Und nur wer in Bremen wohnt, darf sich im eigenen Garten begraben lassen. Aber in das Leben nach dem Tod kommt Bewegung: Zwei Drittel der Deutschen halten inzwischen (laut einer Emnid-Umfrage) den Friedhofszwang für veraltet und wünschen sich die Abschaffung.
 
Im Wilden Westen ist auch die Wiedergeburt schöner, interessanter, attraktiver. Sterben kann schließlich jeder. Aber nur die Kreativsten (oder diejenigen mit der kreativsten Verwandtschaft) verwandeln sich nach dem Tod in ein Kunstwerk. Buchstäblich.

Es ist in Amerika völlig üblich, dass der Opa oder der verstorbene Fiffi in der Urne neben dem Fernseher stehen. Meine Nachbarin Marilyn lernte ich kennen, als mir vor unserem Haus ein merkwürdiger Jogger auffiel. In ausgeleierten Turnschuhen lief er die Wohnstraße hinunter, in der Hand eine Schmuckschatulle. Weit abgeschlagen dahinter folgte die 83-jährige Marilyn im Morgenmantel und in Pantoffeln. Der Dieb hatte gedacht, er habe die Schatulle mit dem Familienschmuck stibitzt, dabei handelte es sich um die Asche von Duncan, ihrem toten Golden Retriever. Die war ihr wichtiger als jeder Schmuck. Dass der Dieb die Schatulle auf der Flucht fallen ließ und sich der Inhalt im Wind zerstreute, war für sie schlimmer als die Tatsache, dass sie gerade Opfer eines Raubüberfalls geworden war.

Ich musste mich an den Anblick von Urnen im Wohnzimmer ehrlich gesagt erst gewöhnen. Und an die Vorstellungsrunde, wenn die ganze Familie der Reihe nach namentlich vorgestellt wird und der Gastgeber zuletzt auf das Holzkästchen in der Vitrine zeigt: »Das ist der Opa. Da kann er von hier aus seine Lieblingssendungen sehen.«

Aber gut. Inzwischen konzentriere ich mich auf die Aufstiegschancen post mortem. Und die Frage: Was willst du mal werden, wenn du tot bist? Sarg war gestern. Hier nun die verrücktesten und originellsten Varianten für ein schönes Leben nach dem Tod.

Für Künstler:
Als Greg Dale in Seattle vor sechs Jahren fürchtete, er würde seinen Vater verlieren, begannen die beiden darüber zu sprechen, was mit des Vaters Asche geschehen sollte. Der Vater wollte sie über dem Meer verstreuen lassen, »aber als wir das recherchierten, dachte ich, da müsse es doch noch bessere Wege geben«, sagt Dale. Sein Vater hat seine Krankheit glücklicherweise gut überstanden, aber aus der Erfahrung erwuchs Dales Idee, aus Asche Kunst zu machen. Seither lässt er mit seiner Firma »Artful Ashes« Totenasche in mundgeblasene Glaskugeln pressen. Seine Glasbläser drücken einen Teelöffel Asche in das heiße Glas und formen daraus ein handflächengroßes Herz oder eine Kugel in den Farben, die sich der Verstorbene oder die Angehörigen wünschen - rote Herzen, durchsichtige Kugeln, Regenbogenfarben oder Glasengel mit goldenen Flügeln. Das Material ist dichroitisches Glas, auch Farbeffektglas genannt, »das gleiche Material, das Astronauten für ihre Helmvisiere verwenden«, erklärt Dale stolz. »Das hält ewig.« Sagenhafte 14.000 Menschen lassen ihre Angehörigen jedes Jahr bei Dale in Glas verewigen, manche fliegen sogar aus Australien oder aus Deutschland ein, um dabei zuzusehen, wie die Asche ihres Familienmitglieds in ein Kunstwerk verwandelt wird. »Ein bis zwei Millionen Menschen lassen sich jedes Jahr in Amerika einäschern«, sagt Dale, »zig Millionen Urnen stehen in den Häusern, aber irgendwann verstauben sie in einem Schrank oder der Garage. Diese Kunststücke helfen bei der Trauerarbeit, man kann sie in der Hand halten und die Erinnerungen wie einen Schatz hüten.« Die Witwe des Schauspielers Ken Howard (Dornenvögel) ließ letztes Jahr gleich 30 Kugeln blasen, um sie an Familie und Schauspielkollegen zu verteilen - und zwar in den Farben seines Lieblingsvereins, blau und orange. Übrigens: Nicht nur Schauspieler, sondern auch Katzen, Hunde und Pferde haben die Dales schon in Glas gepresst.
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Für handwerklich Begabte:
Die Designs von Justin Crowe in Santa Fe, Arizona, sind vielleicht noch kontroverser, denn er mischt die zermahlenen Knochen und die Asche von Verstorbenen in die Glasur, mit der er Urnen und Schmuck, aber auch Tassen, Teller und Schüsseln herstellt. »Das hilft Menschen, die Erinnerung an ihre geliebten Verstorbenen im Alltag nah am Herzen zu tragen«, sagt Crowe. Wer will, kann also aus Tante Bettys Tasse trinken und von Onkel Freds Teller essen. Er hat sogar eine Geschirrlinie namens Nourish mit der Asche von 200 Verstorbenen glasiert. Hat das nicht was Makabres? »Man muss es den Gästen ja nicht sagen«, meint Crowe etwas verschmitzt, gibt aber zu, dass die Idee nicht alle seriös finden. »Ich bekomme Anrufe von Leuten, die mir sagen, ich würde in die Hölle kommen.« Er selbst findet es gar nicht makaber: »In Wahrheit besteht Asche aus genau den gleichen Materialien wie normale Glasur«, sagt er und gewinnt der Keramik sogar philosophische Tiefe ab: »Es erinnert uns daran, dass wir alle aus der gleichen Erde gemacht sind, auf der wir gehen.« Auch für die irdischen Bedenken der Angehörigen hat er eine Lösung: Das Geschirr ist spülmaschinen- und mikrowellenfest.

Für Divas:
Sind Glas und Ton für Sie zu profan? Dann sollten Sie sich für eine edlere Variante entscheiden und sich zum Diamanten pressen lassen. Die Firma Algordanza isoliert den Kohlenstoff aus der Asche und produziert daraus einen »Erinnerungsdiamanten« als »Symbol der Liebe, Verbundenheit und Wertschätzung«. Diamonds are a corpse's best friend.

Für die Ökos:
Wer sich auch post mortem noch um seinen ökologischen Fußabdruck sorgt, kann sich nach dem Tod in einen Baum verwandeln. Die »Bio-Urne« mit den Baumsamen zersetzt sich langsam und die Asche verwächst sich im Lauf der Jahre mit den Wurzeln. Schwierige Frage: Will ich nach meinem Tod lieber Pinie, Gingko oder Kastanie sein? Zur Auswahl stehen auch Eiche, Esche oder Birke. Die Vision: Verwandelt Friedhöfe in Wälder. Pluspunkt: Lässt sich ganz praktisch bei Amazon bestellen. Ein italienisches Künstlerpärchen verfolgt eine ganz ähnliche Idee, allerdings nicht mit der Asche, sondern dem Körper. Man kehrt nach dem Tod wieder in die Form zurück, in der alles angefangen hat: in die Embryo-Stellung. Statt aus dem Ei zu schlüpfen, schlüpft der Tote in einen ei-förmigen Kokoon, der sich langsam zersetzt. Und kann dann als Eiche noch hundert Jahre weiterleben. Das ist die ultimative Rache an den Eiche-rustikal-Särgen.

Für Techies:
Wer auch nach dem Tod die Finger nicht vom Smartphone lassen kann, sollte sich für eine »Smart Urn« entscheiden: Diese Urne verbindet sich mit dem Internet und kann von dort aus Fotos des Verstorbenen aufrufen, Video-Erinnerungen und Online-Mementos abspielen. Die Urne merkt, wenn ein Trauernder in der Nähe ist und macht sich dann mit Lichtzeichen bemerkbar, »damit der Trauernde merkt, dass er nicht allein ist«. Ein Art Facebook für die Nachwelt. David Beaulieu, der Gründer von »Fragment« in Quebec, findet, es sei Zeit, »die Bestattungsindustrie ins 21. Jahrhundert zu holen.«

Für Partyfans:

Warum soll man es zum Abschied nicht noch mal richtig krachen lassen? »Heavens Above Fireworks« hat einen Weg gefunden, Asche in Feuerwerkskörper zu integrieren, damit man am Schluss eine dramatische Party steigen lassen kann. Das Motto der Firma: »A happier way to say goodbye«. Meine Lieblingsvariante ist eindeutig die Option »Grand Finale«. Bekanntlich ließ sich der wilde Hunter S. Thompson auf diesem Weg in die Luft schießen, mit einer Zwei-Millionen-Dollar-Party in Aspen, Colorado, die ihm Johnny Depp finanzierte. Wem der Himmel nicht hoch genug hängt, der kann sich gleich ins All schießen lassen. Es gibt die Varianten »Erdumrundung«, »Mondfahrt« und »Einfach im All bleiben«.

Für Trump-Gegner:
Eigentlich begann es als Scherz. In der hitzigen Debatte um die Abschaffung der allgemeinen Krankenversicherung in Amerika postete eine junge Frau auf Twitter: »Wenn ich sterbe, dann schickt meine Asche bitte an Paul Ryan.« Das fanden Tausende von Menschen eine so gute Idee, dass es diese Möglichkeit nun tatsächlich gibt. Der Sprecher des amerikanischen Repräsentantenhauses ist bekanntlich einer der umtriebigsten Verfechter der Idee, »Obamacare« sterben zu lassen. Die 20 Jahre alte Studentin Zoey Jordan Salsbury in Washington hat bereits einige chronische Krankheiten und macht sich wie viele Amerikaner Sorgen, dass sie ohne Gesundheitsversorgung nicht lange leben wird. Also startete sie einen neuen Service für alle, die dem Mann danken wollen, der dafür verantwortlich ist: »Mail me to the GOP« (»Verschicke mich an die Regierungspartei«) hat bereits mehrere Tausend Anhänger. Auf ihrer Seite kommentieren Amerikaner, warum ihnen Trumpcare den Tod bringen wird, zum Beispiel: »Ich werde durch einen Asthma-Anfall sterben. Ich hoffe, meine Eltern werden meinen blau angelaufenen Körper dann direkt auf den Stufen meines Kongressabgeordneten deponieren.« Salsburys Server brach wegen des Andrangs bereits mehrmals zusammen. »Es ist morbide und gar nicht lustig«, sagt Salsbury, »aber das sind tatsächlich die Konsequenzen dieser Gesetzgebung.« Am überraschendsten ist, dass die Aschenpost nicht einmal illegal ist. Richtig verpackt können die Überreste der Toten den Politikern tatsächlich zugestellt werden.

Für Autoren:
Für mich als Autorin steht natürlich fest, dass ich als Bleistift wiedergeboren werden möchte. Die Designerin Nadine Jarvis kann meine Überreste in Stifte verwandeln. 240 Stifte kann sie aus mir machen - ein lebenslanger Vorrat für eine Nachwuchsautorin. Statt RIP, Rest in Peace, heisst es bei ihr: Rest in Pieces. Also: Ruhe in Stücken. Oder: Endlich Ruhe auf dem Papier.

Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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