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Gesellschaft/Leben 29. August 2017

Wenn Mails ohne Antwort bleiben

Von Nataly Bleuel  Foto: Pathdoc/Fotolia.de

Mit der Netiquette geht's bergab: Die meisten Mails, die unsere Autorin verschickt, bleiben inzwischen ohne Reaktion. Aber sie hat sich schon Gegenmaßnahmen überlegt.

Es gibt viele Gründe, um frustriert in den Computer zu starren. Zum Beispiel wenn man Emails verschickt, aber keine Antwort erhält.
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Wir jammern ja andauernd über unsere Kinder und ihr Benehmen, über Smartphones, Youtuber-Glotzen, VoiceMail-Gelaber, Untergang des Abendlands, Sie wissen schon. Wenn ich meine Email-Kommunikation betrachte, bekomme ich in letzter Zeit aber den Eindruck, dass bei Erwachsenen alles noch schlimmer ist: Hey Leute, möchte ich rufen, so geht das aber nicht, benehmt euch mal anständig!

Der Mensch hat ja offenbar den anthropologisch eingebauten Drang, in neuen Welten seine Regeln in punkto Anstand und Höflichkeit fahren zu lassen. Wilder Westen, ferne Länder, wild um sich schießen, wir kennen das. So will er sich auch im World Wide Web austoben. Dagegen hat man mal die Netiquette erfunden und an die muss ich jetzt öfter denken. Es geht allerdings ausnahmsweise nicht um Trolle, die mit ihrem Hass Foren und Kommentarspalten vergiften, sondern um jene fast vergessene Netiquette-Regel, nach der beispielsweise in den USA eine Email innerhalb von drei Stunden zu beantworten sei. Das find ich zwar selbst übertrieben, aber es stimmt: Man kann da einer legendären Professorin, einer wichtigen Behörde oder einem Firmensprecher eine Anfrage schicken und, schwupps, antworten die – am gleichen Tag! In Deutschland war man nicht ganz so streng, aber auch hier hatte es sich eingebürgert, auf eine Mail innerhalb von etwa 24 Stunden zu reagieren. Vielleicht auch mal 48 oder 72, aber nicht viel mehr. Wer länger brauchte, beging einen digitalen Faux-Pas.

Doch neuerdings antworten viele überhaupt nicht mehr. Meine Email-Kommunikation läuft inzwischen immer öfter in vier Schritten. Zuerst kommt die eigentliche Mail, man gibt ja die Hoffnung nicht auf. Dann die Standard-Nachfrage: sicher irre viel zu tun, bestimmt durchgerutscht? Dann noch mal: Huhu, hallo, würd mich echt freuen! Und schließlich versende ich den Klassiker aus dem Reich der superschleimigen Selbstbezichtigungsarabesken, weil ich es mir mit meinem eigentlich total gerechten Zorn nicht für immer beim Gegenüber verscherzen will: Mit meinem Account hat was nicht gestimmt. Meine Mails von vor acht, vier und zwei Wochen sind bestimmt nie angekommen. Hier noch mal. Sorryyy!! Reaktion trotzdem: null.

Da ich auf diese Weise nicht weiterkomme, habe ich mir ein paar neue Standard-Nachfragen ausgedacht, in der Hoffnung, dass die vielleicht besser funktionieren:

Lieber xy, ich weiß, Emails sind total Neunziger, bitte antworten Sie mir trotzdem. Sonst schreibe ich Sie alle fünf Minuten auf WhatsApp an, Sie können wählen.

Lieber xy, meine Kinder, die Youtube-Glotzer, haben mir vorgeschlagen, meine Mails zu tanzen. Die Leute gucken ja angeblich nur noch GIFs. Wollen Sie das wirklich sehen?

Lieber xy, mein Vater, 81, glaubt, meine Emails wurden sicher längst beantwortet, stünden aber im Stau »auf der Datenautobahn«. Bitte bilden Sie dem alten Herrn zuliebe eine Rettungsgasse!

Lieber xy, von der NSA habe ich erfahren, dass Sie andere Mails durchaus beantworten. Ich habe dort auch noch andere interessante Dinge erfahren, von denen Sie bestimmt nicht möchten, dass sie öffentlich werden. Also antworten Sie umgehend.

Lieber xy, herzlichen Glückwunsch, Sie haben (schon fast) gewonnen! Unter allen Menschen, die bis heute abend eine Email von mir beantworten, verlose ich Bargeld in geringer Höhe und momentan noch in meinem Keller befindliche Sachpreise. Meine Hochachtung gibt es gratis dazu!
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Lieber xy, da Sie auf meine Emails nicht geantwortet haben, sehe ich mich gezwungen, Ihnen mein Anliegen persönlich vorzutragen. Passt es Ihnen heute um halb vier? Nein? Egal, ich komme trotzdem.

Lieber xy, vielen Dank, dass Sie nicht auf meine zahlreichen Mails geantwortet haben. Dadurch ist mir klar geworden, wem ich im Roman meines Lebens die Schurkenrolle geben möchte – Ihnen. Das Buch (732 Seiten) erscheint im kommenden Frühjahr.

Lieber xy, ich habe den Eindruck, dass Sie meine Mails keineswegs wegen Überlastung ignorieren, sondern weil Sie ständig auf Facebook und Twitter unterwegs sind. Dabei gilt: »Beim Twittern ist Mäßigung das A und O« (D. Trump). Halten Sie sich daran!

Lieber xy, für ein Forschungsprojekt beschäftige ich mich gerade mit prähistorischen Kommunikationsformen: Höhlenmalerei, Steinkreise, eingekerbte Mammutzähne, Email. Hoppla, haben Sie etwa gelacht? Wenigstens geschmunzelt? Dann antworten Sie mir bitte.

Lieber xy, da in meinen bisherigen Emails versehentlich keine Rede von »Penis« war, sind sie wahrscheinlich in Ihrem Spam-Ordner gelandet. Tatsächlich geht es mir darum, Ihnen unschlagbar günstig Viagra zu verkaufen. Außerdem möchte ich Ihnen ein herrenloses nigerianisches Millionenvermögen zukommen lassen. Bis bald!

Wenn davon nichts klappt, weiß ich auch nicht mehr weiter.
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