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Wild Wild West: Amerikakolumne 03. September 2017

Selfies statt Selbstfindung

Von Michaela Haas 

Beim »Burning Man«-Fest in der Wüste Nevadas geht es um Selbstverwirklichung und Anderssein. Das war zumindest mal die Idee, bis die Internet-Milliardäre und Paris Hilton vorbeikamen.

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Gerne hätte ich auch diese Woche wieder eine Kolumne geschrieben, das geht aber nicht, weil das Programm hier so hammervoll ist, dass ich nichts verpassen darf. Ich arbeite daran, ein besserer Mensch zu werden, und dafür ist voller Einsatz nötig. Soll ich ins Pussy Day Spa gehen oder lieber zum Elefanten-Malen? Mir beim Anti-Monogamie-Experten Rat holen oder auf einem rosa Einhorn durch die Wüste reiten? Mir die verrücktesten Ideen in der Bad Idea Bar anhören oder mir lieber gleich die Birne mit einigen Mollys zudröhnen, damit ich mehr Superorgasmen im Orgy Dome erlebe?

Selbstverwirklichung ist irrsinnig anstrengend, aber nirgends so anstrengend wie beim legendären Burning-Man-Festival. Während Texas im Schlamm versinkt und in Kalifornien die Hügel brennen, brennt in Nevada diese Woche wieder die Wüste. Zum 31. Mal. Für Menschen wie mich, in den 70er-Jahren geboren, ist das die einzige Gelegenheit, den Hippie-Hype zu erleben. Als die richtigen Hippies durch Kalifornien zogen, verschlief ich die Ekstase – erst im Mutterbauch, dann im Kinderwagen. Aber es lässt sich alles nachholen: In Nevada sind die Blumenkinder wiederauferstanden, und zwar bunter, bekiffter und bedröhnter als sie es in den Siebzigern jemals waren.

Prinzessinnen in durchsichtigen Blumenkleidern schweben auf einem fahrbaren Wal vorbei, Jungs in metallbeschlagenen Lederklamotten segeln auf einer Holzjacht auf Rädern durch den Sandstaub, eine Parade giftgrüner Marsmännchen zieht ein überdimensionales Marsmännchen wie einen Ballon hinter sich her. Eine Frau im bodenlangen weißen 20er-Jahre Kleid spielt ganz allein auf einem total eingesandeten Klavier, ein Mann ist nur mit aneinandergenähten kleinen Spiegeln bekleidet. Für viele andere ist Kleidung optional. Zwei aufgeklebte Sonnenblumen auf den Brustwarzen und ein Glitzer-Tanga gelten schon als vollständiges Kostüm; der Staub verdeckt den Rest.
 

 
Warum so viele ihr Gesicht mit Taucherbrillen und Gasmasken verhüllen, erschließt sich sofort: Der Wind verwandelt die Playa, also die Black Rock Desert, regelmäßig in eine Sandsturm-Zone. Jeder muss alles mitbringen, was er braucht: Essen, Wasser, Behausung. Geld darf nicht die Hände wechseln, es gibt keine Restaurants oder Supermärkte. Alles wird verschenkt, auch der Bourbon, die Drogen und der Sex.

In einem gigantischen Halbkreis bauten gut 70 000 Besucher auch dieses Jahr wieder eine Pop-Up Metropole, eine Zeltstadt mit den spektakulärsten Installationen seit der Biennale: Künstler klebten einen enormen Mutterbär mit zwei Welpen aus 200 000 Penny-Stücken zusammen. Ein Baum mit LED-Blättern reagiert auf die Stimmung der Besucher, die Headsets tragen. Eine pinkfarbene Blütenrakete wird irgendwann zu Techno-Klängen ins All des Unterbewusstseins abheben.

Das Thema in diesem Jahr: »Radical Ritual.« Also: Radikale Rituale im Wüstenflimmern. Da wird sogar der Opfer der Berliner Weihnachtsmarkt-Attacke vom Dezember gedacht: Trauernde schreiben einen Namen, einen Vorfall oder eine Erfahrung, die sie in ihrem Leben gerne erinnern oder vergessen wollen, auf ein farbiges Quadrat und fädeln es neben den anderen Quadraten zu einem Kunstwerk der Erinnerungen.

Das radikalste Ritual allerdings liefern sich auch in diesem Jahr wieder die Google-Jungs. Was 1986 als Lagerfeuer am Baker Beach begann, ist inzwischen »Davos ohne Kleidung«, wie Google-Mitgründer und Burning-Man-Fan Sergey Brin es nennt. Sprich: die High-Tech-Elite schwebt ein, und zwar nicht wie wir Normalsterblichen mit surrealen Mad Max-Fahrzeugen aus Altmetall, sondern mit Helikopter und Privatjet.

Für 25 000 Dollar kann man sich für das Wochenende ein Rundum-Paket schnüren lassen. Statt wie die Erdlinge zu schwitzen, lässt sich die »Obere-1-Prozent«-Elite von Sherpas Luxus-Yurts aufbauen, die sie bei 41 Grad im Schatten mit Klimaanlage cool halten. Promi-Sternchen wie Paris Hilton fliegen natürlich mit ihren Stylistinnen ein, die dann Instagram-wirksame Miniröcke in Regenbogenfarben zu schenkelhohen Lederboots kombinieren. Drei-Sterne-Köche versorgen die VIPs mit Sushi und Grünkohl-Smoothies, während sich der Rest von Dosenfutter und Tütensuppen ernährt. Laut USA Today ließen sich die Google-Jungs in diesem Jahr sogar zehn lebende Hummer aus Maine einfliegen, um sie dann in der Wüste zu verschlingen.

»Wenn man noch nie da war, kapiert man’s nicht«, meint Vordenker Elon Musk, aber wer Musks Milliarden nicht hat, wird vermutlich auch seine Erfahrung nicht nachvollziehen können. Wie er pilgerten auch Amazon-Boss Jeff Bezos, Googler Larry Page und Facebooks Mark Zuckerberg in den vergangenen Jahren in die Wüste, um sich endlich selbst zu finden. Das ist vielleicht der größte Luxus, den Tech-Milliardäre sich gönnen können.

Das einst als Gegenkultur gedachte Festival ist inzwischen längst ein Spiegelbild des Mainstreams: Zu den »zehn Prinzipien« zählen: Radikale Inklusion – jeder darf mitmachen. Radikaler Selbstausdruck. Und: Keine Spuren hinterlassen. Beim Burning Man findet man keine Plastikbecher, keinen Müll, nicht einmal Haare darf man im Naturschutzgebiet zurück lassen. Wer sich nicht für 425 bis 1200 Dollar Nevada-Tickets kaufen will, für den gibt es längst auch Festival-Ableger fast überall auf der Welt von Israel bis Berlin. Da brennt dann nicht die Wüste, sondern da brennt der Bär.

Aber nur in Nevada bauen 70 000 Ausserirdische in diesem Jahr ihre eigenen Stroh- und Holzpuppen, um sie gemeinsam mit den gigantischen Burning Man Installationen in Grund und Boden zu brennen. Damit soll nicht nur das Holz in Flammen aufgehen, sondern auch alle Sorgen und Zweifel, Trump und Texas, der Kapitalismus, seelische Altlasten, der ganze Mist. Und dann umso schöner aus der Asche wiederauferstehen. »Darin liegt«, so philosophiert Burning Man-Gründer Larry Harvey, seines Zeichens Chief Philosophy Officer, »das essenzielle Genie des Burning Man: Aus dem Nichts schufen wir alles«. Als Hashtag auf Instagram wäre das dann wohl: #betterpersonnow #ommmmmmmmm
 
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Michael Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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