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aus Heft 36/2017 Gesellschaft/Leben

Unter den Tellern kein Tuch

Von Gabriela Herpell  Illustration: Roman Muradov

Stellt man die Teller auf Sets, Tischdecken oder den blanken Holztisch? Das verrät durchaus etwas über den Gastgeber, findet unsere Autorin. Und genau darum bricht sie mit einer Familientradition und boykottiert Tischdecken. 


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Zur Aussteuer meiner Mutter gehörten glänzend weiße Damasttischtücher, mit eingewebten Blumen oder Blättern oder Punkten, in einer Ecke ein verschnörkeltes Monogramm, auch in Weiß natürlich. Diese Tischtücher, faltenfrei gebügelt, benutzten wir an Feiertagen. Der Tisch wurde festlich gedeckt, mit dem guten Geschirr aus dem Wohnzimmerschrank, dazu silbernes Besteck, Gläser mit Goldrand, weiße Stoffservietten, weiße Kerzen.

Wenn meine Mutter heute zum Festessen einlädt, ist die Tischdecke auch mal dunkelrot oder dunkelgrün. Sie stammt nicht mehr aus ihrer Aussteuer. Aber das gute Geschirr aus dem Wohnzimmerschrank, die Gläser mit dem Goldrand, das silberne Besteck, all das gibt es weiterhin. Nur die Stoffservietten und Kerzen sind dann eben dunkelrot oder dunkelgrün, manchmal legt sie noch einen Tischläufer aus Spitze in der gleichen Farbe längs über den Tisch.

Für meine Mutter ist es fast gewagt, farbige Tischtücher zu benutzen. Aber sie möchte ja mit der Mode gehen, darum auch der Tischläufer. Lieber zu viel Deko als zu wenig. Denn was für sie undenkbar wäre: Die Teller direkt auf den Tisch zu stellen. Das macht sie nicht einmal draußen auf der Terrasse. Obwohl sie da keine empfindliche Holzplatte schützen muss, das ist ja die eigentliche Aufgabe eines Tischtuchs. Es ist, als wäre ein Tisch ohne Tischwäsche kein gedeckter Tisch für sie.

Und weil auch meine Mutter keine Lust hat, ständig Tischtücher zu waschen und zu bügeln, behilft sie sich im Alltag mit Sets. Früher hatten wir Sets mit englischen Stichen darauf, Fuchsjagden zu Pferd, auf der Unterseite eine feine Korkschicht. Sie waren rechteckig und so klein, dass Teller, Besteck und Gläser kaum draufpassten. Die Bilder waren interessant, da setzten Reiter in weißen Hosen und eleganten roten Röcken über Hecken und Baumstämme. Doch viele von ihnen fielen von ihren Pferden, kopfüber in die Hecken hinein, sahen ziemlich lächerlich aus, und die Pferde galoppierten allein weiter. Aber man konnte sie eigentlich nie in Ruhe betrachten, weil entweder so viel darauf stand oder man sie nach dem Essen abwischen und verräumen musste.

Dann wurden die Sets größer und die Motive impressionistischer: Aprikosen, Weintrauben, Birnen und Äpfel. Oder sie waren gleich aus Bast, Bambus, Leinen, hellgrau, beige, braun, keine Bilder. Meine Mutter wurde jedenfalls zu einer großen Setliebhaberin. Sie muss mittlerweile einen Schrank voll mit den verschiedensten Modellen haben.
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Als ich von zu Hause auszog, was schon eine Weile her ist, schenkte meine Mutter mir ein Set neuer Sets. Sie gab mir weiße Tischtücher aus ihrer Aussteuer weiter. Und sie brachte mir von Reisen Tischdecken mit, aus Südfrankreich eine mit provenzalischem Aufdruck, aus Tirol eine mit folkloristischer Stickerei. Sie meinte es gut, klar. Sie wollte nur das Beste für mich.

Zu ihrem Bedauern benutze ich nichts von alledem. Keine weißen Tischtücher, keine gemusterten, und vor allem keine Sets, Tischläufer oder sonstigen Tischschnickschnack. Sets finde ich besonders absurd. Ich vermute, dass meine Verweigerung zum Teil an den Einrichtungsmoden vom Ende des vergangenen Jahrhunderts liegt, die vom Bauhaus und der Pop-Art beeinflusst wurden. In den von oben bis unten weiß angestrichenen, möglichst spartanisch eingerichteten Zimmern aus den Achtzigerjahren wären Tischdecken oder Sets völlig fehl am Platz gewesen, genauso auf den Stahlmöbeln der Neunzigerjahre. Antiquitäten, wie meine Eltern sie hatten (und auf die sie ewig gespart haben, wenn sie sie nicht geerbt haben), waren auch nicht mehr so angesagt, also hatte ich nie einen Tisch mit einer Platte aus poliertem Nussholz mit Intarsien, auf denen man jeden Wassertropfen drei Jahre lang sieht. Meine Tische sind aus einfachem Holz, robust und widerstandsfähig, und ich bin froh über die Spuren des Lebens, die man ihnen ansieht.

Ich vermute aber auch, dass ein anderer Grund für meine Weigerung, Tischdecken oder Sets zu benutzen, meine immer noch nicht überwundene Rebellion gegen die elterlichen Regeln ist. Und eine tiefe Abneigung gegen die Klassengesellschaft, die sich in eben solchen Errungenschaften manifestiert. Das Gedeck, zu dem das Porzellan, das Besteck, die Servietten, die Kerzenhalter gehören, sagt viel aus über den Gastgeber, über seinen Stand, seine Herkunft, sein Kunstverständnis, seinen Geschmack. Und besonders die Tischdecke aus Damast ist seit dem späten Mittelalter eines der Distinktionsmerkmale der besseren Klassen: Wer es sich leisten kann, bedeckt seinen sehr feinen Tisch mit einem noch feineren Tuch. Was ja irgendwie doppelt gemoppelt und ein bisschen unsinnig ist. Vor allem, weil man sich heute davor hütet, aufs Tischtuch zu kleckern, und, wenn es doch passiert, vor Scham im Erdboden versinken möchte.

Dabei war das Tischtuch ursprünglich, bis ungefähr zum Mittelalter, eher ein Putztuch als Dekoration. In der Mitte des Tisches stand ein Topf für alle, als Teller dienten aufgeschnittene Brotlaibe, man aß mit den Händen und wischte sich die fettigen Finger und den Mund mit dem Tischtuch ab. Und wenn sich das jetzt anhört, als hätten man damals keinen Wert auf Tischmanieren gelegt, ist das nicht korrekt: An den Tischmanieren erkannte schon die mittelalterliche Gesellschaft Charakter und Stand eines Menschen. Und weil es ein Tischtuch gab, gehörte es sich nicht, sich die fettigen Finger an der eigenen Kleidung abzuwischen. Es gehörte sich auch nicht, hastig zu essen und unmäßig zu trinken. Vor allem aber, und das betrifft wieder das Tischtuch, gehörte es sich ganz und gar nicht, ins Tischtuch zu schnäuzen.
Gabriela Herpell

muss zugeben, dass sie nicht einmal gern Stoffservietten verwendet, sondern lieber Papierservietten. Das Problem ist nur: Manchmal sind sie zu schön, um sie zu benutzen.

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