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Wild Wild West: Amerikakolumne 13. September 2017

Klimawandel oder doch Strafe Gottes?

Von Michaela Haas   Fotos: dpa, Reuters

Zunehmend schlimmere Unwetter sind eine Folge des Klimawandels, sagen Wissenschaftler. Quatsch, sagen Geistliche in den USA: Schuld an Hurrikan Irma ist die ehemalige Bürgermeisterin von Houston.

Psssanten in Miami als erste Ausläufer des Sturms die Stadt erreichen.

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Nun geht es ans Aufräumen, Wiederaufbauen, Schlamm wegkarren. Während die Amerikaner noch die Todesopfer der Wirbelstürme Harvey und Irma zählen, hat Scott Pruitt, seines Zeichens Chef der Umweltbehörde, bereits klar gemacht, dass jetzt wirklich die ganz falsche Zeit ist, um über die wahren Ursachen für die Katastrophe zu reden, und bitte vor allem nicht über den Klimawandel: »Das ist sehr, sehr unsensibel den Opfern gegenüber.« 
  
Tomas Regalado, republikanischer Bürgermeister der Stadt Miami, die gerade wegen Hurrikan Irma evakuiert werden musste, hält dagegen: »Wann, wenn nicht jetzt? Die Überschwemmungen sind Vorboten dessen, was noch auf uns zukommen wird.« In Florida ist man für das Thema Klimawandel besonders sensibel: Das Wasser steigt hier besonders schnell, fast zwei Zentimeter im Jahr, und der poröse Kalkstein lässt auch Deiche nutzlos werden, das Wasser sickert von unten in die Häuser. Weil die Lage so prekär ist, bekämpfen die Verantwortlichen der Trump Regierung den Klimawandel präventiv mit besonders drastischen Maßnahmen: Staatsdiener werden angehalten, das Wort »Klimawandel« komplett aus ihrem Wortschatz zu streichen. Wer`s nicht ausspricht, den trifft’s nicht, oder?
  
Es ist ja nicht auszuschließen, dass Irma gar nicht wirklich existierte, sondern nur von der liberalen Medienelite zur Steigerung der Einschaltzahlen heraufbeschworen wurde. »Es gibt den Wunsch, diese Klimawandel-Agenda voranzutreiben«, konstatiert Amerikas wichtigster Verschwörungstheoretiker, Rush Limbaugh. »Und Hurrikane sind eine der schnellsten und besten Mittel, Furcht und Panik zu schüren. Dann ist die Agenda schon bedient, auch wenn dann gar kein Hurrikan zuschlägt.« Was Limbaugh besonders misstrauisch macht: »Dass Hurrikane laut der Vorhersagen immer die bevölkerungsreichsten Städte treffen sollen.«
   
Unklar ist, warum er selbst dem Hoax zum Opfer fiel, seinen eigenen Rat nicht befolgte und vor Irma aus Florida floh. Er hätte sich ja auch den 56 000 Menschen der Initiative »Schieß auf Hurrikan Irma!« anschließen können, die beschlossen, vor Ort auszuharren und Irma mit Gewehrschüssen zur Umkehr zu bewegen. (Der Sheriff machte ihnen mit einem Verbot einen Strich durch die Rechnung, weshalb Irma dann ja auch nicht umkehrte.)
  
Gottes Strafe?

Wenden wir uns also bei der Ursachenforschung den Menschen zu, die ihr Ohr näher am Himmel haben, gar einen direkten Draht nach ganz oben. Jim Bakker, 77, der beliebte Fernseh-Pfarrer aus Michigan, weiß, dass es sich bei den Überschwemmungen um »Gottes Flut« handelt. Gut, dass er nach einem Sex-Skandal und Spendenbetrug wieder auf freiem Fuß ist und den Menschen das bringen kann, was sie jetzt brauchen: Sein Buch »Die Zeit ist gekommen: Wie man sich jetzt auf die künftigen epischen Ereignisse vorbereitet« spendet nicht nur tröstende Worte, sondern der Mann lässt den Worten auch Tomatensoße folgen.

Auf seiner Website kann man eimerweise Survival Food bestellen, etwa den »Tasty Pantry Deluxe Plus« Eimer, der 197 560 Kalorien und damit Trockennahrung für ein ganzes Jahr enthält, gibt es schon ab 650 Dollar. Die »Time of Trouble« Nudeln mit Tomatensauce bleiben sogar 20 Jahre haltbar (ein Schnäppchen: 7728 Portionen für nur 9660 Dollar). »Stell dir vor, die Welt geht unter – und du frühstückst wie ein König!«, heisst einer der Slogans. Tja, wer wünscht sich das angesichts der Katastrophenbilder nicht?

Dass Sodom und Gonorrhea in der Karibik liegen, war ja schon länger bekannt, warum aber, Mister Bakker, hegt Gott derzeit ausgerechnet gegen Florida und Texas einen solchen Groll? Die beiden Staaten werden schließlich von gottesfürchtigen Republikanern regiert. In ihren Antworten sind sich die himmlischen Experten uneinig. Glaubwürdigen Zeugen zufolge wird als nächstes ein Meteorit im Disneyland in Kalifornien einschlagen, und zwar, so Fernsehprediger Pat Robertson, wegen der vielen schwulen Besucher.

Aber was hat Gott gegen Texas? Pastor Rick Joyner ist sich jedenfalls sicher, dass diese Jahrhundertstürme »nicht durch Zufall passieren. Die echten Probleme mit dem Wetter und allem anderen auf der Erde haben mit Sünde und Verderben zu tun. Das bringt die Erde mehr aus dem Gleichgewicht als CO2«. Bakker glaubt, es liege daran, dass die ehemalige Bürgermeisterin von Houston, Annise Parker, gegen mehrere schwulenfeindliche Prediger vorgehen wollte. Pfarrer Kevin Swanson meint, Irmas Zerstörungswut hätte sich noch abwenden lassen, wenn der Oberste Gerichtshof noch ganz schnell Abtreibung und die Schwulenehe verboten hätte, »bevor Irma ihr Unheil anrichtete«.

Damit kommt man den wahren Schuldigen schon eher auf die Schliche, denn hier zeichnet sich nun ein Konsens der Glaubensbrüder ab: Der Radioprediger Rick Wiles ist sich sicher, dass Houston deshalb überschwemmt wurde, »weil es auf seine Schwulengemeinde so stolz ist«. Kann es wirklich Zufall sein, dass Hurrikan Harvey ausgerechnet Kurs auf eine Stadt nahm, die dreimal hintereinander eine offen lesbisch lebende Bürgermeisterin gewählt hat? »Das ist jedenfalls«, tweetete die extrem konservative republikanische Fernsehkommentatorin Ann Coulter, »glaubwürdiger als Klimawandel«. Einig bin ich mir mit Pastor Joyner nur darin, was wir jetzt tun müssen: »Wir müssen gegen diese Perversion eine klare Haltung beziehen und sie als das bezeichnen, was sie ist.«

Ja, das sehe ich auch so. So wahr uns Gott helfe.

  
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Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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