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Vorgeknöpft: die Modekolumne 14. September 2017

Textiles Bekennerschreiben

Von Silke Wichert  Bild: Getty Images / Thomas Kienzle

Im aktuellen Bundestagswahlkampf werben die Parteien kaum mit politischen T-Shirts. Warum eigentlich nicht? Die wenigen Ausnahmen sind fragwürdig.

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In Zeiten beruhigend langweiliger TV-Duells – darf man sich da ernsthaft amerikanische Verhältnisse wünschen? Ernsthaft natürlich nicht, spaßeshalber aber vielleicht schon. Denn wer die peinlicheren Politiker hat, kann sie zumindest auch tiefer durch den Kakao ziehen. Pünktlich zum Jahrestag des 11. Septembers machte also ein Bild des Schauspielers Tom Hanks die Social-Media-Runde, bei der er ein T-Shirt mit folgendem Spruch trägt: »Die beiden schlimmsten Morgen des 21. Jahrhunderts: 9/11 & 11/9.« Letzteres Datum bekanntlich der Tag des Wahlsieges von Donald Trump.

Wie sich bei genauem Hinsehen herausstellte, eine billige Fotomontage. Das T-Shirt allerdings ist keine Fake News, das gibt es für 19,99 Euro selbst in Europa zu kaufen.

Modisch gesehen wäre man damit voll auf der Höhe: Wer auch immer aktuell etwas (oder nichts) zu sagen hat, tut dies am plakativsten in Form von Slogan-T-Shirts, weil die noch häufiger auf Twitter und Instagram geteilt werden als Katzenvideos; und praktischerweise ganz ohne Bildunterschrift auskommen. Während der aktuellen New York Schauen beliebt: »Fashion Emergency« – in Spiegelschrift, damit die Leute bei den »Mirrorselfies« nicht immer so umständlich lesen müssen, und der selbstironische Dauerbrenner von Victoria Beckham: »Fashion Stole My Smile.«

Aber zurück zur politischen Botschaft, die so bitterböse ist, dass sie sofort von der »DumpTrump«-Bewegung gefeiert wird, während andere es für geschmacklos halten, den schwersten Terroranschlag aller Zeiten mit einer weitestgehend demokratisch erfolgten Präsidentenwahl gleichzusetzen. Es gibt aber noch eine ganz Reihe anderer Oppositions-Shirts: »Trump Hair – don’t care« (mit entsprechender Sturmfrisur), »Sorry for our president« in einem Dutzend Sprachen übersetzt, oder, minimalistisch: »Is it great yet?« als Anspielung an Trumps Wahlkampfmotto »Make America great again«.
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Was einen jetzt, mitten im Wahlkampf, natürlich ins Grübeln bringt, ob eigentlich irgendwelchen lustigen/bösen/kakaotriefenden Merkel- oder Schulz-T-Shirts im Umlauf sind. Das mit »Angular Merkel« und der Raute? »Swagela Merkel«? »Voll Muttiviert?« Ungefähr so geistreich wie die Witz-Plakate aus der heute show, darunter »Angela: Die wahrscheinlich längste Kanzlerin der Welt.« Bei Schulz im Angebot: »Martin Schulz kann mit einer Lupe Feuer machen – bei Nacht«. Wenn das alles ist, was seinen Anhängern einfällt, dann wäre auch klar, warum es im offiziellen SPD-Shop kein einziges Schulz-T-Shirt gibt, aber durchaus welche mit »Willy Brandt«-Konterfei. Gute Anti-Slogans? (Also lustig böse Slogans, nicht die mit Merkel und Hitler-Quadratbärtchen.) Totale Fehlanzeige.

An mangelnder Angriffsfläche kann es nicht liegen. Jeder politische Aschermittwoch kriegt lustigere Seitenhiebe auf die Reihe, Böhmermann im Neo Magazin Royale sowieso. Aber bei der Basis hat sich so ein bisschen leichtfüßiges Politiker-Bashing offensichtlich noch nicht durchgesetzt. Beim Kanzleramt hört der Spaß auf.

Vielleicht am Ende gesünder so: In Thüringen wurde Ende August bekanntlich ein Ordner verprügelt, der Stunden nach einer Wahlveranstaltung noch immer sein CDU-T-Shirt trug. Aufschrift: »Kanzlerinfan.« Wähler tragen ihr Herz nicht auf der Zunge, erst recht nicht auf der Brust.

Nicht zu verwechseln mitr:
»Alles Schlampen außer Mutti«
Das wäre die SPD-Version gewesen: »Voll martiniert«
Typischer Instagram-Kommentar: »So ein T-Shirt hätte ich auch gerne. Nicht.«
Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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