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Die Wehenschreiberin: Hebammenkolumne 15. September 2017

Mutter, der Mann mit der PDA ist da

Von Maja Böhler  Illustration: Cynthia Kittler

Die Angst vor den Schmerzen bei der Geburt ist so groß, dass viele Frauen schon bei der Anmeldung nach dem Anästhesisten fragen. Die Hebamme über die ewige Frage: PDA or not to PDA.

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Vor einer Weile hatte ich eine Gallenkolik, die mit den schlimmsten Schmerzen einherging, die ich jemals erlebt hatte. Gekrümmt und wimmernd lag ich auf meinem Bett, bereit zum Sterben. Bewegte ich meinen Körper auch nur drei Zentimeter, schrie ich, als würde jemand mit einem Brotmesser meine Organe zersägen. Irgendwann rief ich meine Schwester, die Ärztin ist, an. Ich hoffte, dass sie mir ein starkes Schmerzmittel verschreiben würde. Sie fragte gleich, wo ich mich auf der 10-er-Schmerzskala befand: Naja, es tut schon absurd weh, dachte ich, aber wenn mir jetzt noch jemand mit einem Baseball-Schläger auf den Kopf hauen würde, wäre das tatsächlich noch schlimmer. Ich sagte: 7.

Zur selben Antwort kam neulich eine meiner Patientinnen, die lächelnd und Kaugummikauend, die Beine angewinkelt mit ihrem Handy im Bett saß und gerade eine Doppel-Daumen-Percussion bei Whatsapp zum Besten gab. Sie war mitten in der frühen Eröffnungsphase und hatte schon bei der Anmeldung gesagt, sie wolle auf jeden Fall eine PDA. Wir dürften ja nicht den Zeitpunkt verpassen.

Weil sie nur vom Display aufsah, um mich zu löchern, wann jetzt endlich der Anästhesist käme, rief ich ihn irgendwann hinzu. »Wie würden Sie Ihren aktuellen Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzen, wenn 10 die absolute Unerträglichkeit wäre«, fragte er. – »So sieben bis acht?«, sagte sie und tippte tiefenentspannt weiter.

Der Anästhesist sah mich bedröppelt an. Er ist es gewohnt, dass ihm Patientinnen mit einer Mischung aus ungeduldiger Gier und Seufzern der Erlösung begegnen. Niemandem auf unserer Station schlägt so viel Wohlwollen, so viel Ich-bin-Wachs-in-Ihren-Händen entgegen wie ihm und seinen Kollegen. Einmal hat eine Frau im Beisein ihres Mannes ernsthaft »Ich liebe Sie« zum Anästhesisten gesagt – und der Mann an ihrer Seite nickte zustimmend. Eigentlich müsste man das Falco-Lied »Mutter, der Mann mit dem Koks ist da« für die Geburtshilfe umdichten, denke ich immer.

Übrigens, kleiner Seitenschwenk: Die Frau dieses Anästhesisten hat auch bei uns entbunden, und hatte – ta-daaaa! – keine PDA gewollt. Was ungefähr so ist, als hätte man einen Architekten als Freund und sagt, man wohne lieber in einer Höhle oder in einem Wurfzelt. Jedenfalls hat unser Anästhesist es kaum ausgehalten, als seine eigene Frau unter der Geburt geschrien hat. Und mir währenddessen immer in den Ohren gelegen: »Jetzt gebt ihr halt was, bitte gebt ihr was.« Hätte ich ja, aber seine Frau blieb dabei: Sie brauche nichts. Schmerz lässt sich nicht nur an Dezibel festmachen.

To PDA or not to PDA: das ist die ewige Frage. Und wie beim Stillen und vielen anderen Themen rund ums Kinderkriegen entscheidet auch diese Antwort nicht darüber, ob man eine gute Mutter ist oder wird. Ich habe es schon so oft erlebt, dass eine PDA die Rettung ist, wenn sich Frauen über Stunden vollkommen verausgaben und trotzdem nichts voran geht. Aber die PDA ist eben auch nicht dazu da, dass man fernsehen oder SMS schreiben kann, bis das Baby aus einem herausfällt.

Das Wort gebären hat in vielen Sprachen mit Arbeit zu tun, auf englisch heißt es »being in labour« und auf französisch »être en travail«. Das heißt nicht umsonst so: Bei einer Geburt muss man Einsatz zeigen. Sich bewegen, das Becken wiegen, bewusst atmen. Auch mit einer PDA. Sonst wird das nix. Die Wirkung fährt den Schmerz während der Wehen nämlich so herunter, dass viele sich nicht mehr unter Geburt wähnen. Das Baby muss es sonst alleine aus dem Bauch schaffen, was gar nicht so einfach ist. Das ist der Unterschied zur Betäubung beim Zahnarzt: Wir Geburtshelfer können das Baby nicht alleine rausholen.

»Haben Sie ein Auto?«, fragte der Anästhesist schließlich, er schlug jetzt einen anderen Ton an, der die Aufmerksamkeit der Frau sofort erregte. Irritiert sah sie vom Handy auf. »Ich könnte Ihnen jetzt eine PDA legen«, erklärte er, aber das wäre wie Anfahren mit gezogener Handbremse. Geht schon. Aber ist nicht gut für's Fahrwerk. Wir verbleiben so: Ich schaue alle halbe Stunde bei Ihnen rein, dann verpassen wir den perfekten Zeitpunkt ganz sicher nicht. Einverstanden?«

Die Frau nickte beruhigt. Angst nehmen ist immer noch das wirksamste Schmerzmittel. Sie legte das Handy weg und nahm es nicht mehr in die Hand. Nicht während der Rückenmassage, die sie von mir bekam, und auch nicht, als sie in der Wanne lag. Die Wehen rollten nun stärker und stärker über sie hinweg, wie Wellen am Atlantik, doch bevor sie sich darin verlor, erhielt sie die PDA. Zwei Stunden später war das Kind da. Mir schien, als habe sie durch den Arzt etwas verstanden: das hier war kein Tag wie jeder andere. Es war der Tag, an dem sie ihr Kind zur Welt brachte. Sie.
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Maja Böhler

könnte jetzt auch im Hosenanzug in einer Kanzlei sitzen – sie hat nämlich zunächst Jura studiert. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich aber, ihrem Herzen zu folgen und Hebamme zu werden. Sie heißt eigentlich anders und arbeitet in einem großen Krankenhaus in Süddeutschland. In den kommenden Wochen erzählt sie die schönsten, lustigsten und dramatischsten Geschichten aus dem Kreißsaal.