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aus Heft 38/2017 Die Gewissensfrage

Das Kreuz mit Merkel und Seehofer

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Man möchte Angela Merkel unterstützen, wohnt aber in Bayern und mag die CSU nicht. Soll man die Christsozialen dann trotzdem wählen?


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»Ich unterstütze die Flüchtlingspolitik unserer Kanzlerin und möchte deshalb ihre Partei, die CDU, wählen. Nun wohne ich in Bayern und kann nur bei der CSU ein Kreuz machen, deren Flüchtlingspolitik ich aber verurteile. Wähle ich trotz innerer Ablehnung die CSU, um indirekt die Kanzlerin zu unterstützen, oder verbietet es mir mein moralisches Gewissen, dies zu tun?« Anonym, München


Was Ihnen Ihr moralisches Gewissen verbietet zu tun, kann nur Ihr moralisches Gewissen entscheiden und somit Sie selbst. Ich kann lediglich versuchen, etwas Struktur in die komplizierte Situation zu bringen: Ihr Problem ist verwandt mit einer Diskussion in der Wahlethik, ob es moralisch gesehen besser ist, streng nach eigenen Prinzipien zu wählen oder taktisch für ein Ergebnis. Und das wiederum entspricht dem bekannten Gegensatz zwischen der Pflichtenethik wie der von Immanuel Kant, die sich an Grundsätzen orientiert, und Ethiken, die sich an den Konsequenzen von Handlungen ausrichten.

Da Sie Angela Merkel in Bayern nur über den Umweg ihrer Schwesterpartei mit teilweise abweichendem Programm wählen können, müssen Sie zunächst überlegen, was für Sie vorrangig ist: Prinzipien oder Ergebnisse und Person oder Sachfragen.

Wenn es Ihnen darauf ankommt, dass Merkel wieder Kanzlerin wird, erreichen Sie das wohl am sichersten, wenn Sie in Bayern die CSU wählen. Dann müssen Sie Ihrer Wunschkandidatin aber auch dahingehend vertrauen, dass sie ihre Politik tatsächlich, und sei es gegen schwes-terliche Widerstände, durchzusetzen vermag. Und die Pflege Ihrer Überzeugung müssten Sie auf die nächste Landtagswahl verschieben. Sind Ihnen Ihre Prinzipien wichtiger oder geht es Ihnen in erster Linie um bestimmte Aspekte der Politik allgemein oder speziell der Flüchtlingspolitik, können Sie versuchen, durch das Studium der Wahlprogramme eine in Bayern direkt wählbare Partei zu finden, die Ihren Vorstellungen da am nächsten kommt, auch wenn es nicht die von Frau Merkel ist. Damit bleiben Sie nicht nur näher bei Ihrer Überzeugung, sondern können auch die Koalitionsmöglichkeiten und die Gewichte innerhalb einer Koalition in die Ihnen wichtige Richtung beeinflussen.
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Literatur:

Jason Brannon, The Ethics of Voting, Princeton University Press, Princeton 2011

Michael LaBossiere, Voting for the Lesser Evil, A Philosopher's Blog, March 7, 2016

Michael LaBossiere, Third Parties & Voting the Lesser Evil Philosophical Perlocations, 13. Juli 2016

Olivia Goldhill, Ethicists say voting with your heart, without a care about the consequences, is actually immoral, Quartz.com, 26. Juni 2016

Ilya Somin, The logic of voting for a lesser evil, The Washington Post, 27. Juli

Zum Wählen zum eigenen Vorteil gegen die eigene Grundüberzeugung siehe folgende Gewissensfrage.

Dr. Dr. Rainer Erlinger

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