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Gesellschaft/Leben 06. Oktober 2017

»Wir müssen das nicht hinnehmen«

Interview: Sarah Thiele   Fotos: Noa Jansma/ instagram.com/dearcatcallers

Die 20-jährige Niederländerin Noa Jansma hat einen Monat lang jeden Mann fotografiert, der ihr auf der Straße hinterhergerufen hat. Im Interview erzählt sie, wie die Männer reagiert haben – und was sie mit dem Projekt bewirken möchte.

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SZ-Magazin: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, auf dem Instagram-Account »dearcatcallers« Fotos von Männern zu veröffentlichen, die Ihnen auf der Straße hinterherrufen? 
Noa Jansma:
Es gab da einen Vorfall in der Uni, in meinem Philosophie-Kurs, als ich das Thema »Cat Calling« zur Sprache brachte. In der daraus entstandenen Diskussion stellte ich fest, dass meinen männlichen Kommilitonen gar nicht klar war, wie oft Frauen belästigt werden – und, noch wichtiger, dass ihnen nicht bewusst war, was Frauen überhaupt als Belästigung empfinden. Die andere Hälfte des Seminars hingegen war selbst davon betroffen. Am Ende beschloss ich, allen zu zeigen, wo, wann und wie oft es passiert. Mit Bildern.

Wie oft, würden Sie sagen, wird Ihnen auf der Straße etwas hinterher gerufen?
Das hängt von der Jahreszeit ab. Im Sommer, wenn ich Kleider und Röcke trage und viel unterwegs bin, jeden Tag. Im Winter bin ich dick eingepackt. Dann passiert es seltener, aber dennoch häufig.

Wie haben Sie bisher darauf reagiert?
Ich wusste nie, wie ich darauf reagieren soll. Laufe ich einfach weiter, gebe ich den Männern das Gefühl, dass es okay ist, mich anzumachen. Wenn ich aber reagiert habe, wurden die Männer oft aggressiv und liefen mir erst recht hinterher – egal, wie man sich verhält, es ist nie richtig. Das gab mir das Gefühl, keine Kontrolle zu haben.

In den Bildunterschriften notieren Sie jeweils, wie die Männer Sie angesprochen haben. Da heißt es einmal: »Wenn ich dich sehe, bekomme ich wilde Gedanken. Wilde, wilde Gedanken.« In einer anderen Fotografie steht: »Ich weiß, was ich mit dir tun würde, Baby.« Sind das tatsächlich ernst gemeinte Anmachsprüche?
Nein. Diese Männer sehen mich bloß als etwas, mit dem sie schlafen möchten. Sie sind sich in diesen Situationen bewusst, dass es niemals dazu kommen wird. Und genau das ist es. Sie spielen mit uns. Das gibt mir das Gefühl, kein Mensch, sondern bloß ein Sexobjekt zu sein. Und so geht es nicht nur mir. Ich passe regelmäßig auf ein Mädchen auf. Sie ist 13 Jahre alt und sie erzählte mir, wie unangenehm es sich für sie anfühlt, wenn Männer im Alter ihres Vaters sie ansprechen. Ich meine: Sie ist 13. Sie hat noch nicht mal einen Jungen geküsst.

Wie waren die Reaktionen der Männer, die Sie um ein Bild gefragt haben?
Sie waren begeistert und warfen sich bereitwillig in Pose. 

Auf den Selfies sehen Sie distanziert, neutral, beinahe gleichgültig aus. Der männliche Part hingegen wirkt zumeist amüsiert, fast stolz.
Anhand der Posen der Männer wird deutlich, für wie normal sie die Situation in dem Moment erachtet haben. Es verdeutlicht besser als alles andere, wie ignorant sie gegenüber ihrem eigenen Verhalten sind. Und ich zeige keine Emotionen, weil ich lediglich ein Objekt bin. Objekte haben keine Gefühle. Das möchte ich mit den Bildern zum Ausdruck bringen. 

Gab es nach der Veröffentlichung Reaktionen der Fotografierten?
Zwei der Männer haben sich bei mir gemeldet und verlangt, ihre Bilder zu löschen. Entschuldigt hat sich keiner der beiden – ich habe die Bilder dennoch offline genommen. Ich möchte ja keine Familien zerstören.

Haben Sie jeden Mann fotografiert, der Sie innerhalb dieses Monats belästigt hat?
Nein, manchmal habe ich einfach nicht schnell genug reagiert und manchmal habe ich mich nicht sicher gefühlt. Das habe ich nach Bauchgefühl entschieden.

Was wollen Sie mit den Fotos beim Betrachter auslösen?
Ich will Männer darauf stoßen, wie falsch ihr Verhalten ist. Ich möchte beim Betrachter ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es niemals ein Kompliment ist, einer Frau auf der Straße Anzüglichkeiten hinterher zu rufen, und dass keine Frau es so auffassen wird. Frauen möchte ich zeigen, dass es nicht normal ist und wir es nicht hinnehmen müssen, nur weil es tagtäglich passiert.

Wie sind die Reaktionen auf das Projekt?
Ich bekomme unglaublich viel positives Feedback. Vor allem von Männern, die mich kontaktieren und mir erklären, dass sie es niemals aus dieser Perspektive betrachtet hätten. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die mich Schlampe oder Hure nennen oder mich fragen, ob ich einen Knoten in meiner Vagina habe. Dennoch, dieses enorme Feedback zeigt mir, dass ich einen Nerv getroffen habe.

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