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aus Heft 41/2017 Gesellschaft/Leben

»Dann streife ich einen Ehering über«

Interview: Gabriela Herpell  Foto: Thekla Ehling

Wie sieht eine Kassiererin ihre Kunden? Und denkt sie immer bloß an den nächsten Strichcode? Antworten eines langjährigen Profis.

Jolanta Schlippes an ihrem Arbeitsplatz.

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Jolanta Schlippes arbeitet an einer von fünf Kassen im Edeka-Markt in Krefeld-Hüls, entweder von morgens um sieben bis zum frühen Nachmittag oder vom frühen Nachmittag bis zum Ladenschluss. Sechs Tage in der Woche. Sie ist mit 18 Jahren aus Polen nach Deutschland gezogen. Jetzt ist sie 54, geschieden, hat einen Sohn.


SZ-Magazin: An Ihrer Kasse ziehen unzählige Menschen vorbei. Nehmen Sie da noch Blickkontakt auf?
Jolanta Schlippes: Immer. Ich finde es furchtbar, wenn man kommuniziert, ohne sich anzugucken.

Und wenn jemand nicht zurückguckt?
Dann warte ich mit dem Kassieren so lange, bis er mich anguckt.

Warum ist Ihnen der Kontakt so wichtig?
Manchmal sind es ja auch nette Männer.

Werden Sie öfter gefragt: Gehen wir heute was trinken?
Nein, so nicht. Es sind eher die älteren Herren, die Kontakt suchen. Einer, ich denke, er ist um die achtzig, kommt und sagt: Ach, Frau Schlippes, ich habe mir heute morgen beim Frühstück schon überlegt, was ich zu Ihnen sage. Oder ein anderer Mann, er hat ein bäuerliches Gesicht, kommt alle zwei Wochen und kauft eine kleine Flasche Schnaps für zwei fünfzig. Mein Opa sah so aus wie er. Er ist sauber angezogen. Neulich kommt er und legt mir Schokolade hin und sagt, die ist für mich. Ich hab mich gefragt, darf ich das annehmen? Aber für ihn ist das wahrscheinlich wichtig.

Es gibt aber sicher auch Männer, die mehr wollen.

Manche sind etwas aufdringlich. Dann streife ich mir einen Ehering über den Finger.

Hätten Sie was dagegen, an der Kasse aufgegabelt zu werden?
Wenn es passieren würde, wäre es so. Aber ich lege es nicht drauf an. Ich lebe seit drei Jahren allein mit meinem Sohn, der eine zweite Ausbildung macht. Und ich möchte keinen Mann in der Wohnung haben, der mir sagt, wie ich mein Kind erziehen soll. Kenne ich alles.

Sie sitzen den ganzen Tag. Bekommen Sie Rückenschmerzen?
Ich hatte zwei Bandscheibenvorfälle. Auf dem Stuhl habe ich eine Sitzhilfe, damit der Körper lockerer ist. Und wir sitzen aufrecht.

Die Beine übereinandergeschlagen?
Nie. Ab einem gewissen Alter geht das nicht. Blutstau. Kribbelgefühl. Und wie würde man da sitzen? Leicht zurückgelehnt geht gar nicht. Der Rücken ist immer gerade. Die Beine ausgestreckt. Oder in Bewegung. Ich bewege mich gern, ich springe sofort auf, wenn nichts an der Kasse zu tun ist, und laufe rum.

Was tun Sie für Ihre Hände?
Die sind wichtig. Bisschen Klarlack, viel Pflege. Handcreme. Und ich gehe mir oft die Hände waschen. Ich hab auch ein Fläschchen Desinfektionsmittel an der Kasse.

Wenn Leerlauf ist, könnten Sie dann sitzen bleiben und Pause machen?
Wenn Sie das jemals gesehen haben, dann wahrscheinlich 1982. Da haben die Kassiererinnen nur kassiert und ihre Hände angeguckt, wenn keiner da war. Aber wir haben so viel anderes zu tun. Wenn was umkippt, machen wir sauber. Oder räumen Ware aus. Wir sind nicht mehr nur Kassiererinnen.

Aber Sie checken ab und zu mal Ihr Handy an der Kasse, oder?
Wie bitte? Hören Sie mal, von uns hat keiner sein Handy mit im Laden.

Sind Sie immer voll bei der Sache?
Ich kriege von Frau Gamst ab und zu auf den Deckel, weil ich was nicht gemacht habe.

Weil Sie mit sich beschäftigt waren?
Ja, mit anderen Dingen. Mit meinem Privatleben, das gibt es ja auch noch. Oder ich hab was vergessen. Wenn die Ware kommt zum Beispiel, muss man die sofort auspacken. Oder meine Kasse aufräumen.

Wer ist Frau Gamst?
Frau Gamst ist unsere erste Kasse.

Erste Kasse wie erste Geige? Also gibt sie den Ton an?
Sie ist der Boss. Wenn sie sieht, es ist viel los, ruft sie eine zweite Kasse aus. Und eine dritte. Frau Gamst hat alles im Griff. Sie ist die Mutter der Kassiererinnen.

Sind Sie manchmal richtig kaputt?

Als ich acht Stunden am Tag gearbeitet habe, war ich total fertig. Mein Limit sind sechseinhalb Stunden. Ich habe mir gesagt, was nützt mir ein freier Tag in der Woche, wenn ich den nur verschlafe und jeden anderen Tag ungern arbeiten gehe? Jetzt habe ich nur den Sonntag frei, arbeite sechseinhalb Stunden an sechs Tagen. Und fühle mich toll.

Warum ist es so ein Unterschied, ob zwei Stunden mehr oder weniger?
Ich bin Gute-Laune-Junkie. Der Tag besteht für mich nicht aus zwei Teilen, Freizeit und Arbeit. Der ganze Tag muss gut sein. Morgens, an der Kasse, mache ich so Spielchen mit mir selbst. Welche Kunden werden heute kommen? Ach, schau, wie schön Frau Soundso angezogen ist. Ich lasse mich auf die Menschen ein. Es wäre viel langweiliger, wenn ich die Leute nur an mir vorbeiziehen lassen würde wie eine anonyme Masse.

Malen Sie sich aus, wie Kunden leben?

Ich bin neugierig und frage. Wenn ich sehe, was jemand einkauft, frage ich, was gibt’s denn heute? Wenn ich ein neues Gesicht sehe, frage ich, sind Sie neu zugezogen? Und die Leute erzählen. Sie möchten erzählen.

Haben Sie schon woanders kassiert?
Ja, bei Kaiser’s. Und Aldi wollte mich haben. Da hätte ich mehr Geld verdient als hier. Aber hier habe ich meine Leute, hier fühle ich mich zu Hause. Und es ist entspannter. Hier muss man nicht soundso viele Anschläge an der Kasse in der Minute machen.

Hier müssen Sie sich nicht beeilen?

Wir sollen auch nicht einschlafen. Aber wir werden nicht angetrieben. Wir hatten letzten Monat sogar ein Kassenseminar.

Was lernt man da?

Wie man dem Kunden den Tag noch angenehmer gestalten kann. Beispiel: Wir machen dem Kunden die Tüte auf. Oder: Wir warten, bis der Kunde alles eingepackt hat, und sagen dann erst, was er zahlen muss. Sonst ist der Kunde noch am Einpacken, hat das Geld nicht griffbereit, alles hektisch.

Ich muss immer mitten im Einpacken bezahlen.
Sehen Sie. Man lernt auch, abzuchecken, was für ein Typ Mensch gerade an der Kasse ist. Manche haben noch nicht alles aufs Band gelegt und wollen schon fertig sein.

Sie tragen alle rot-weiß karierte Hemden. Wie kommen Sie mit der Uniform klar?
Ich finde Uniform an sich gut, aber ich hätte ganz andere Ideen. Ich hätte gern eine weiße Bluse, vielleicht ein Tuch dazu oder eine Damenkrawatte und eine Weste. Oder ein schwarzes Polo mit einem schönen Logo, das wäre auch besser als diese karierten Dinger.

Was machen Sie nach der Schicht?
Nach der Spätschicht trinke ich einen Pott Ingwertee, quatsche ein bisschen mit meinem Sohn, wenn der da ist, gehe ins Bett und schnappe mir ein Buch. Oder mein Handy. Da gucke ich nach Schminktipps, wie man ein bisschen jünger aussehen kann. Und dann schlafe ich.

Wovon träumen Sie?

Oh. Ich hab da jemanden im Auge.

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Gabriela Herpell

muss so ziemlich jeden Tag in einen Supermarkt, weil sie ständig etwas vergisst. Als sie neulich zum ersten Mal ihre Ware selbst scannen musste, dachte sie, wie sehr ihr der kleine Schwatz mit der Kassiererin fehlen wird.

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