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Vorgeknöpft: die Modekolumne 12. Oktober 2017

Donna-Littchen!

Von Silke Wichert  Foto: AP

Im Skandal um Harvey Weinstein überlegt Designerin Donna Karan, ob Frauen, die sich freizügig kleiden, es vielleicht darauf anlegen, sexuell belästigt zu werden. Den Shitstorm kassierte sie prompt – und zurecht.


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An die Logik hätten sich wahrscheinlich nicht mal Harvey Weinsteins Anwälte rangetraut: Ja, diese sexuellen Übergriffe des Hollywoodproduzenten sind wirklich schlimm - aber die Frauen müssen sich auch ein bisschen an die eigene Nase fassen. Also an den eigenen kurzen Rock, das bauchfreie Top, was immer die jungen Dinger heute halt so tragen. Der Denkanstoß klang, als würde er aus »Angeklagt« mit Jodie Foster aus den Achtzigern stammen, kam aber taufrisch von der amerikanischen Designerin Donna Karan. Gefragt nach ihrer Meinung zu dem Skandal hatte sie vor laufender Kamera geantwortet: »Wie präsentieren wir uns? Was bezwecken wir damit? Legen wir es vielleicht darauf an, wenn wir uns so sinnlich und freizügig geben?« Inzwischen will sie das alles so nicht gemeint haben, ließ sie in einem Statement am nächsten Tag wissen und entschuldigte sich.

Offensichtlich eine völlig irrige Vorstellung, der wir da all die Jahre aufgesessen sind, dass Designer auch ein bisschen was damit zu tun haben, wie wir uns da draußen so »präsentieren«. Die Befreiung der Frau - mit freiwilliger Freizügigkeit hatte das also nie etwas zu tun. Immerhin machte uns Karan jetzt mal darauf aufmerksam, mit welchen Gefahrengütern die Modebranche uns da so ausstattet.

Kennzeichnung wäre eine Möglichkeit. Das liegt ohnehin im Trend. Genmanipulierte Lebensmittel, Zuckergehalt von Softdrinks, Risiken und Nebenwirkungen von Zigarettenkonsum. Warum gibt es das nicht längst in der Mode? Jedes Saint-Laurent-Kleid von Anthony Vaccarello müsste einen »Danger Zone!«-Aufkleber bekommen.

Oder man teilt die Kleidung in Risikoklassen ein wie die Zertifikate der Banken: Comme des Garçons = 1, Versace = 5. Keiner könnte dann mehr sagen, er habe nicht gewusst, worauf er sich da einlässt, wenn er hinterher auf der Straße blöde Sprüche kassiert. Eltern hätten endlich eine Orientierungshilfe für das oft so willkürliche Urteil: »So gehst du mir nicht vor die Tür!«

Andere Möglichkeit: Wir denken noch mal scharf nach, ob man in Bezug auf Frauen und ihre Kleidung wirklich von »asking for trouble« sprechen kann, also dass Frauen mit ihrem Aussehen irgendetwas »herausfordern«. Mit einem valentinoroten Kleid in eine Stierkampfarena zu spazieren und dann Probleme mit dem Bullen bekommen – ok, da kann man vielleicht sagen: mittelgute Idee, selber schuld. Aber mit egal wie geschmackvoller oder aufreizender Garderobe das Freiluftgehege, das wir öffentlicher Raum nennen, betreten, oder sich im semi-öffentlichen Privatbereich mit der domestizierten Spezies, die wir Mann nennen, bewegen – das sollte doch theoretisch möglich sein. Es sei denn man geht davon aus, dass alle in die gleiche Hochrisikoklasse fallen wie Harvey Weinstein und ständig Ärger machen, wenn sie glauben, nach Ärger gefragt worden zu sein. Das wäre dann im Übrigen nicht nur eine sehr frauenfeindliche, sondern auch eine zutiefst männerfeindliche Haltung.

Den Shitstorm dafür hat Donna Karan längst bekommen. Dürfte ihr keinen Spaß gemacht haben, aber hey - im Grunde wollte sie es doch auch.

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Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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