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Die Wehenschreiberin: Hebammenkolumne 17. Oktober 2017

»Hilfe, mein Kind kommt, ach nee, doch Blähungen«

Von Maja Böhler  Illustration: Cynthia Kittler

Krankenhäuser werden zunehmend als 24-Stunden-Arztpraxis genutzt. Die Hebamme über echte und eingebildete Notfälle.

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Der Mann am anderen Ende der Leitung klang panisch. »Meine Frau hat solche Schmerzen....hören Sie?« Und an seine Frau gewandt: »Schatz, halt durch! Ich hab das Krankenhaus jetzt dran.« Ich hörte ein entferntes Wimmern. »Eigentlich haben wir noch sechs Wochen«, keuchte er hektisch ins Telefon. »Kann es sein, dass es jetzt schon losgeht?« – »Was ist denn passiert?«, fragte ich. »Naja, meine Frau war auf dem Klo!« – »Und?« – »Wie soll ich sagen....sie, äh, sie war groß...sie hatte Stuhl...mein Gott, gekackt halt!« – »Ja, und weiter?« – »Sag dem Krankenhaus, ich war groß und jetzt tut mir alles weh,« hörte ich die Frau hinter der Badtür. Er setzte wieder an: »Also....« Ich wurde ungeduldiger. »Ja, was hat Ihre Frau denn?« – »Sie sagt, jetzt brennt es am Po.«

»Ihre Frau hatte Stuhlgang und jetzt brennt es?!« – »Ja.« Nach einer Pause fragte er: »Sollen wir gleich den Rettungswagen rufen?«

Ich schloss die Augen. Ganz ruhig bleiben. »Ich kann sie beruhigen, es geht noch nicht los, wahrscheinlich sind es Hämorrhoiden, die sind nicht gefährlich fürs Baby.« Der Mann schrie jetzt, seine Stimme überschlug sich: »Aber es sind ZWILLINGE!« Vielleicht hatte seine Panik doch andere Ursachen, dachte ich.

Ich ging mit ihm alles durch, fragte, ob seine Frau Blutungen habe, einen Fruchtwasserabgang, sonstige Schmerzen – inzwischen war die Badtür offen und ich wurde Zeuge, wie die beiden ein neues Level an Intimität erreichten. »Dieses verdammte Curry war einfach zu scharf«, hörte ich seine Frau greinen. »Schatz, wir fahren jetzt in die Notaufnahme«, sagte der Mann.

Nein, bitte nicht.

Ich startete einen neuen Versuch. »Sie haben alles richtig gemacht, gut, dass Sie angerufen haben,« sagte ich zum Mann. »Aber für den Moment reicht warmes Wasser und danach eine sanfte Salbe zum Beispiel Ringelblumen. Ok?« – »Ok.« Ich legte auf und sprintete zurück in Kreißsaal 3, die Frau darin war kurz vor den Presswehen.

Ein Hauch von Hysterie lag über der Stadt. Schon zwei Tage zuvor waren in unsere gynäkologische Notaufnahme, ich übertreibe nicht, drei schwangere Frauen gekommen – mit dem Rettungswagen –, weil sie ein Ziehen beim Pinkeln verspürt hatten. Und eine Vierte kam mit dem Taxi, weil sie etwas »Auffälliges« in ihrer Unterhose entdeckt hatte – sie hatte mir den Fotobeweis unter die Nase gehalten. Ich rümpfte jene.

Natürlich sollen Frauen, die sich Sorgen machen, anrufen. Und wenn es sie noch mehr beruhigt, meinetwegen auch vorbeikommen. Das ist immer noch besser als von Dr. Google die Diagnose »Krebs im Endstadium« zu bekommen.

Aber die Masse an »Laufkundschaft«, von der ein Großteil erfahrungsgemäß wegen Banalitäten kommt, ist für Krankenhäuser wie unseres auch ein Problem. Wir sind eben für Notfälle zuständig. Und entsprechend besetzt. Jeder Hilfe-ich-habe-Blähungen-Fall geht von der Betreuung für die Gebärenden ab oder anderen, die wirklich dringend Hilfe brauchen. Vor allem nachts, wo wir schwächer und mit Bereitschaftspersonal besetzt sind. Und warum kommen die Leute überhaupt nachts? Oft erfahre ich, dass die Probleme schon seit Stunden oder über mehrere Tage andauern. »Gestern hat es mir nicht so gepasst, da war ich auf einem Geburtstag«, sagte mal eine, »und heute tagsüber war mein Mann nicht da, der mich fahren sollte.«

Natürlich ist eine Schwangerschaft ein körperlicher und emotionaler Ausnahmezustand, aber kann es sein, dass vielen Frauen – ich zähle mich da durchaus dazu – ein instinktiver Umgang mit dem eigenen Körper abhanden gekommen ist, eine Art Urvertrauen, gerade wenn es um die Verdauung geht? Jedes Glucksen und Ziehen wird gleich pathologisiert. Und dann ist da in einer Schwangerschaft halt auch noch jemand, der die Blase seiner Mutter als Boxsack nutzt.

Der zweite Grund, warum wir mit soviel Laufkundschaft zu tun haben: Viele sehen das Krankenhaus zunehmend als dienstleistende 24-Stunden-Arztpraxis. Haus- und Facharztpraxen sind auch oft überlastet, die Wartezeiten auf Termine oft lang. Warum da nicht ins Krankenhaus – die haben immer offen und müssen sich kümmern.

Was mich aber wirklich ratlos und bisweilen auch wütend macht: Die Leichtfertigkeit, mit der ein Rettungswagen geholt wird. Viele scheinen zu glauben, ihnen stünde es einfach auch mal zu, mit Blaulicht durch die Stadt zu brettern. Nach dem Motto: Cool, ein kostenloses Taxi, dass schnell durch den Berufsverkehr kommt und einem ein Entrée garantiert, mit dem man sofort drankommt.

Klar könnten wir – quasi als erzieherische Maßnahme – bei drastischen Fehlalarmen den Wisch zur Kostenübernahme einfach nicht abzeichnen. Aber das zieht einen Rattenschwanz an Formularen und Begründungen nach sich, warum der Rettungswagen nicht notwendig war, dazu fehlt zumindest mir in solchen Nächten oft die Zeit; außerdem bezahlen die Krankenkassen bei schwangeren Frauen tatsächlich fast immer, so dass wir es am Ende dann doch meist unterschreiben.

Da fällt mir die Geschichte von Frau S. ein, die während der letzten Fußball-EM bei uns war. Ich weiß das noch genau, weil während dem Deutschland-Spiel gähnende Leere in unserem Wartebereich herrschte. Wir machten noch Witze auf der Station und waren uns sicher, dass es exakt eine halbe Stunde nach Spielende wieder losgehen würde. Übrigens: Auch an Sonntagen mit Bombenwetter sind die Beschwerden immer recht gut auszuhalten.

Frau S. war eine der ersten, die kam. Ebenfalls mit dem Rettungswagen. 19. Woche. Sie sagte, sie spüre ein Ziehen. Ihre Schmerzen waren ziemlich diffus, »hier links, also nee, mehr rechts, manchmal auch da oben,« erklärte sie kichernd, so richtig lokalisieren konnte sie es nicht.

Wir machten also das volle Programm: füllten die Verwaltungsformulare aus, erstellten eine Anamnese, gingen mit ihr den Schwangerschaftsverlauf durch, kontrollierten den Urin, maßen die Vitalzeichen und machten zuletzt noch einen Ultraschall, als sie ganz nebenbei fragte: »Was wird es denn jetzt eigentlich?«
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Doktor P., von dem ich weiß, dass er ein großer Fan von Sherlock Holmes mit Benedict Cumberbatch ist, roch sofort Lunte: »Sind Sie deswegen hier?«, fragte er. »Naja«, hob Frau S. schamesrot an, »beim letzten Frauenarzttermin ist nix zu erkennen gewesen. Jetzt sind gerade meine Eltern zu Besuch, es wäre so schön, es jetzt verkünden zu können.« – »Na, da können Sie ja froh sein, dass es uns und ihrer Tochter gerade passt«, sagte der Arzt süffisant, und ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
Maja Böhler

könnte jetzt auch im Hosenanzug in einer Kanzlei sitzen – sie hat nämlich zunächst Jura studiert. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich aber, ihrem Herzen zu folgen und Hebamme zu werden. Sie heißt eigentlich anders und arbeitet in einem großen Krankenhaus in Süddeutschland. In den kommenden Wochen erzählt sie die schönsten, lustigsten und dramatischsten Geschichten aus dem Kreißsaal.

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