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Wild Wild West: Amerikakolumne 28. Oktober 2017

Von der Ziegenhirtin zur Professorin

Von Michaela Haas  Foto: Bud Harmon

Tererais Trents Lebensweg klingt märchenhaft: Als Kind in Simbabwe durfte sie nicht zur Schule gehen, inzwischen ist sie Professorin und Erfolgsautorin – auch dank der Unterstützung von Amerikas größtem TV-Star.

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Tererai Trent hat sie noch, die Blechbüchse, in der sie buchstäblich ihre Träume vergrub. Aber vergraben wird sie nichts mehr.

Ihr wallendes, leuchtend grünes Kleid mit der goldenen Stickerei und die hochgesteckten schwarzen Zöpfe verraten ihre Herkunft: Simbabwe, Afrika. Doch einen Namen hat sie sich in Amerika gemacht: Dr. Tererai Trent, Professorin an der Drexel University in Philadelphia und Gründerin der Tererai Trent International Stiftung. Gerade hat sie in Amerika das Buch ihres Lebens geschrieben: The Awakened Woman (Atria). Hellwach kann man sie schon nennen, aufgeweckt, blitzklug und so charismatisch, dass Oprah Winfrey sie zu ihrem »Lieblingsgast aller Zeiten« ernannte. Nicht der Dalai Lama, Michelle Obama oder irgendein Hollywood-Star begeisterte Oprah am meisten, nein, eine ehemalige Ziegenhirtin aus Simbabwe.

Das liegt an Trents Geschichte, die fantastischer klingt als jedes Hollywood-Märchen. Obwohl Tererai Trent erkennbar klug und wissbegierig war, durfte sie – 1965 in einem Dorf in Simbabwe (damals Rhodesien) geboren – nicht wie ihr Bruder Tinashe zur Schule gehen. Sie erinnert sich daran, wie ihr Vater auf die Jungs im Dorf zeigte und sagte: »Das sind diejenigen, die morgen die Brötchen verdienen. Wir müssen sie ausbilden. Die Mädchen heiraten sowieso.« Also brachte sie sich selbst aus den Schulbüchern ihres Bruders das Lesen und Schreiben bei und machte seine Hausaufgaben. Als sein Lehrer herausfand, dass es nicht sein fauler Schüler, sondern dessen Schwester war, die immer super Hausaufgaben machte, überredete er Tererais Vater, sie doch zur Schule zu lassen – aber ein Jahr später verheiratete der Vater sie als 11-Jährige für den Preis einer Kuh. Vor ihrem 18. Geburtstag bekam sie bereits vier Kinder und regelmäßige Schläge von ihrem Mann. Ihr Mann prügelte ihr die Gedanken an Schulbildung aus dem Kopf und schickte sie zum Ziegen hüten. »Ich führte damit die Tradition fort, die seit jeher im Dorf regierte: Meine Urgroßmutter wurde als Kind verheiratet, meine Großmutter, meine Mutter und nun ich.«

1991 besuchte Jo Luck von der Heifer International Stiftung das Dorf und fragte jede Frau nach ihrem größten Traum. Erst hatten die Frauen wenig zu sagen, wovon sollten sie schon träumen in ihrem staubigen Dorf? Sie träumten von genügend Nahrung für ihre Kinder, von ärztlicher Versorgung, von einem Ende der allgegenwärtigen Praxis der Polygamie, die ihnen das Leben zur Hölle machte. Aber nach einigen Ermunterungen rückte Tererai schließlich mit ihrer Antwort heraus: Erstens in Amerika zu studieren, zweitens einen Bachelor, drittens einen Master und viertens einen Doktor zu machen. »Das ist erreichbar«, ermutigte Jo Luck sie. Die Frau ohne Schulabschluss schrieb ihre vier absurden Träume auf einen Zettel und vergrub ihn in einer Dose. »Wenn du ganz fest dran glaubst, werden sie Wirklichkeit«, versicherte ihr ihre Mutter.

Luck wusste, dass diese energische Frau mit den freundlichen Augen und dem verschmitzten Lachen das Zeug zu Größerem hatte. Es dauerte fast sieben Jahre, bis Luck sie mit Hilfe der Heifer Stiftung 1998 nach Oklahoma bringen konnte – inklusive der inzwischen fünf Kinder und des prügelnden Ehemanns, der sie nur gehen ließ, wenn er mitkommen durfte. (Ohne Erlaubnis des Ehemanns hätten die Kinder keine Reisepässe bekommen.) Trents Mutter verkaufte eine Kuh und die Nachbarn verhökerten einige Hühner, damit Trent Geld für die Flüge und den Start in Oklahoma hatte.
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Ihr Traum wurde wahr, entpuppte sich aber erst einmal als Albtraum. Die Oklahoma State Universität gewährte ihr zwar ein Stipendium für das Studium, aber Trent war so arm, dass sie aus Mülltonnen aß. Ihr Mann weigerte sich, bei der Hausarbeit oder Kinderbetreuung zu helfen. Trent arbeitete Nachtschichten, um die Familie über die Runden zu bringen.

Trotzdem hakte sie einen Traum nach dem anderen ab: »Ich wusste, dass ich hier eine Chance bekam, die einzigartig war«, sagt sie. «Ich musste das unbedingt schaffen.« Erst machte sie ihren Bachelor, dann ihren Master und schließlich 2009 ihren Doktor an der Western Michigan Universität. Ihr Thema: HIV-Prävention für Frauen in Afrika.

Dieses Thema kennt sie aus eigener leidvoller Erfahrung. Ihr gewalttätiger Mann starb an AIDS. »Sie verlangen von den Mädchen, dass sie Jungfrau sind, wenn sie verheiratet werden«, sagt Trent. »Die Männer nehmen sich drei, vier, fünf Frauen, gehen zu Prostituierten und geben dann ihren Frauen die Schuld, wenn sie an HIV erkranken.« Sie berichtet erleichtert, dass sie sich nicht mit dem Virus infiziert hat. Inzwischen ist sie mit Mark Trent verheiratet, den sie an der Uni kennengelernt hatte.

Oprahs Team reiste mit ihr nach Afrika zurück, gemeinsam gruben sie die Dose mit dem Wunschzettel aus, und Oprah schenkte ihr eineinhalb Millionen Dollar, um in Simbabwe eine eigene Schule für Mädchen zu bauen. Denn das ist Trents größter Traum: darauf aufmerksam zu machen, dass die Welt ihre wertvollste Ressource verschwendet. 700 Millionen Mädchen, sagt Trent, werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet oder schwanger, 700 Millionen potenzielle Tererais.

Inzwischen trat sie unter anderem als Rednerin beim Global Compact Leaders Summit der Vereinten Nationen auf, baute zusammen mit Oprah und Save the Children elf Schulen in Afrika und hat damit die Schulbildung für fast 6000 Kinder gesichert. Trents eigene Tochter, die älteste, macht gerade ihren Doktor in Medizin.

Ihr Motto ist die muttersprachliche Übersetzung des Wortes, das ihr einst Jo Luck beibrachte: »Es ist erreichbar!» – »Tinongo!«
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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