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aus Heft 44/2017 Die Gewissensfrage

Wenn Großzügigkeit unerwünscht ist

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Was mache ich, wenn ich ein Geschenk nicht einfach annehmen, mein Freund aber auch keine Gegenleistung will?


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»Ein guter Freund hat sich ein Fachbuch gekauft und ein zweites Exemplar kurz darauf geschenkt bekommen. Auch mir würde dieses Buch nützen, und ich hätte es wohl ohnehin gekauft. Er hat mir nun ein Exemplar gegeben und weigert sich strikt, Geld dafür anzunehmen. Ich sehe nicht ein, warum am Ende ich vom Geschenk an ihn profitieren soll. Wie lösen wir das?« Gernot T., Berlin


Die erste Möglichkeit wäre, darauf abzustellen, dass Ihr Freund in dieser Situation die Sachherrschaft und damit die Situationsherrschaft hat. Mit anderen Worten, er hat das Buch, kann deshalb bestimmen, was mit ihm geschieht und damit auch, unter welchen Konditionen er es Ihnen gibt. Er hat es Ihnen ohne Gegenleistung angeboten, und wenn er davon nicht abweichen will, können Sie das im Grunde nur noch annehmen oder nicht, aber nicht von sich aus bestimmen, wie er sein Buch weggibt.
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Eine zweite, die Freundschaft fokussierende Lösung wäre, dass Sie von dem Geld gemeinsam etwas unternehmen, je nachdem, wie viel das Buch kostet, gemeinsam etwas trinken, zum Essen oder vielleicht in eine Veranstaltung gehen. Was mir nicht gefiele, auch wenn es auf den ersten Blick eine gute Lösung zu sein scheint, wäre, dass Sie sich bei Ihrem Freund mit einem Geschenk revanchieren. Ich habe hier das Wort »revanchieren« mit Bedacht gewählt, denn es stellt einen wichtigen Aspekt heraus: Mit dem Gegengeschenk zahlen Sie Ihrem Freund dessen Geschenk zurück, Sie zahlen es ihm heim, es geht darum, wieder die Herrschaft zu übernehmen. In diesem speziellen Fall fände ich es nicht einmal gut, wenn Sie ohne Absprache das Geld für einen guten Zweck spenden. Das können Sie unabhängig davon tun. Hier jedoch würden Sie in gewisser Weise das Geschenk zurückweisen, weil Sie zwar das Geschenk als solches annehmen, nicht aber den materiellen Wert.

Ansonsten könnte das wieder einmal einer der Fälle sein, in denen man einfach Danke sagen sollte. Das halte ich für die adäquate Reaktion auf ein Geschenk, speziell in einer Freundschaft. Und in einem wie auch immer gearteten umgekehrten Fall in Zukunft genauso großzügig gegenüber Ihrem Freund zu sein. Falls Sie es nicht schon sind.

Literatur:

In der Soziologie sieht man – anders als ich es hier aus Sicht der Ethik und vor allem der Freundschaft postuliere und normativ fordere – das Geschenk in der Realität als zu einem Gegengeschenk verpflichtend an. Der grundlegende Text hierfür ist: Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 9. Auflage 1990.

Einen sehr guten Überblick über das Themengebiet bietet die von Frank Adloff und Steffen Mau herausgegebene Textsammlung: Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005.
Darin finden sich unter anderem auch Auszüge von wichtigen Stellen aus Marcel Mauss’ Die Gabe (S. 61-72). Hervorragend aber auch die von den beiden Herausgebern verfasste Einführung »Zur Theorie der Gabe und Reziprozität« mit vielen weiteren Literaturhinweisen (S. 9-57).

Für das hier interessierende Phänomen insbesondere: Marshall D. Sahlins, Zur Soziologie des primitiven Tauschs S. 73-91.

Daneben: Georg Simmel: Exkurs über Treue und Dankbarkeit, S. 95-108, aus: Georg Simmel, Soziologie. Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 652-670.

Alvin W. Gouldner: Etwas gegen nichts. Reziprozität und Asymmetrie, S. 109-123 Peter M. Blau: Sozialer Austausch, S. 125-137.

Dr. Dr. Rainer Erlinger

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