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Nackte Zahlen: Sexkolumne 02. November 2017

Was am Konzept Sex-Radar so falsch ist

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

Einer Studie zufolge suchen 50 Prozent der Männer permanent nach potenziellen Sex-Partnerinnen. Offenbar mit wenig Erfolg. Vielleicht hilft dieser ernst gemeinte Rat.

Andere Menschen anzustarren, kann etwas sehr bedrohliches haben. Trotzdem tun es viele Männer.
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Zurzeit scheint es vielleicht ein wenig abwegig, heiter über Sex zu schreiben. Wegen der aktuellen Debatte über sexuelle Übergriffe, sexualisierte Gewalt und die mächtigen und weniger mächtigen Männer, die die Verursacher dieser Gewalt sind. Das Thema hat gerade Vorrang. Manchem aber gelingt es, dies zu ignorieren und sich die Freude am leichten Sex-Geplauder nicht nehmen zu lassen. Der Focus etwa berichtet in seiner Ausgabe vom 21. Oktober 2017 über eine neue große Umfrage zum sexuellen Verhalten der Deutschen: »Ziffern der Zärtlichkeit – Die nackte Wahrheit über die Liebe in Deutschland«. Es ist einer von diesen Texten, in denen Frauen ganz selbstverständlich als »das schwache Geschlecht« bezeichnet werden, in dem Sexshops nur zusammen mit dem Attribut »schmuddelig« auftauchen, und in dem der Penis »Ausstattung« genannt wird.

Die Ergebnisse der YouGov-Befragung mit 2000 Teilnehmern sind nicht weiter überraschend, aber gegen Ende wird der Artikel dann unfreiwillig aktuell: »Wenn Männer aus dem Haus gehen«, schreibt Focus, »dann ist bei 42 Prozent von ihnen das Sex-Radar aktiv, sie scannen ihre Umwelt nach attraktiven potenziellen Partnerinnen und Partnern ab – egal, ob sie gerade in einer festen Beziehung stecken oder nicht. Sie drehen sich ungeniert nach Frauen um, suchen den Blickkontakt, setzen sich in der Bahn neben sie.«

Es bleibt im Text unklar, ob der Nachsatz Ergebnis der YouGov-Studie war, oder ob er der Fabulierungskunst des Kollegen entsprungen ist. So oder so drängt sich die Frage auf: What the fuck? Das ist doch das, worum es geht. Wollen wir es »Sex-Radar« nennen oder nicht lieber gleich »Vorstufe Harvey«? Jedenfalls ist das Szenario schwer vorstellbar, in dem eine Frau sagt: Ach so, ja, da war dieser Typ in der U-Bahn, der hatte offenbar seinen Sex-Radar an, hihi, der hat total süß Blickkontakt gesucht und sich dann voll mutig neben mich gesetzt. Die uns vertraute Formulierung ist eher: In der Bahn hat mich ein nerviger Typ die ganze Zeit angestarrt, dann hat er sich auch noch neben mich gesetzt, ich bin ausgestiegen.
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Reden wir darüber, was Cyril Bernard und Edit Schlaffer schon 1980 »Männer und ihr merkwürdiges Verhalten in ganz alltäglichen Situationen« genannt haben. Reden wir über die angeblich 42 Prozent aller Männer, um die es hier geht. Ganz offensichtlich läuft ihr »Sex-Radar« (Focus) vergeblich, das ganze Scannen der Umgebung könnten sie sich im Grunde sparen. Denn wenn es in signifikanter Zahl »potenzielle Partnerinnen und Partner« anzeigen würde und der Betreiber des »Sex-Radars« dann dieses Potenzial auch erfolgreich ausschöpfen könnte – dann gäbe es sehr viele Storys über nebenbei in der U-Bahn und auf der Straße angebahnten Sex. Uns sind praktisch keine bekannt.

Die 42 Prozent machen also offenbar irgendwas falsch. Aber das muss nicht so sein. Hilfe ist unterwegs. Es gibt einen ganz einfachen Tipp, wie man den ganzen Kram mit dem »Sex-Radar«, dem Anstarren und so weiter doch noch zu einem guten Ende führen kann. Wie so oft führt das Problem die Lösung bereits mit sich, also: Herhören, mutmaßliche 42 Prozent. Wenn euer merkwürdiges Verhalten zu nichts führt, dieses Scannen, Starren und sich »ungeniert« nach Frauen umdrehen, wie es im Artikel heißt, dann: Geniert euch doch bitte einfach. Ganz ehrlich, probiert es mal mit sich genieren. Es ist wirklich die Lösung für ganz viele Probleme. Sich schämen. Vor Scham im Boden versinken. Seid nicht ungeniert, sondern schämt euch. Und zwar selbst, damit nicht andere es für euch tun müssen.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.

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