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Wortewandel: Sprachkolumne 11. November 2017

Was Rotkäppchen und Donald Trump gemeinsam haben

Von CUS  Foto: Stanislav/Fotolia.de

Ellipsen und Aposiopesen? Klingt nach trägem Deutschunterricht. Dabei schufen mit dieser Sonderform des Satzbaus Goethe, die Brüder Grimm, Donald Trump und deutsche Fußballkommentatoren unvergessene Sätze. 

Rotkäppchen und der Wolf unterhalten sich auf eine Art, die Donald Trump zu neuer, wenn auch zweifelhafter Blüte gebracht hat.
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Hans Schäfer ist tot. Das wurde diese Woche bekannt. Seiner Flanke verdanken wir das Siegtor im WM-Finale von 1954: Schäfer. Nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt. Dann kam Helmut Rahn aus dem Hintergrund ... Wenige Sätze haben sich so sehr in die deutsche Psyche eingebrannt wie die Radioreportage vom Herbert Zimmermann. Aber was heißt schon Sätze – Ihr Deutschlehrer hätte Ihnen das nicht als Sätze durchgehen lassen. Haben wir nicht alle in der Schule gelernt, ein Satz müsse vollständig sein mit Subjekt, Prädikat und dergleichen Kokolores?

Muss er natürlich nicht, Hans Schäfer sein Dank. Und dank Helmut Rahn natürlich: »Tor! Tor! Tor! Tor für Deutschland!« Sie meinen, Fußballdeutsch eben, aber normal seien solche Auslassungen nicht? Sind sie wohl. Ich behaupte: Im täglichen Leben sind diese Ellipsen, wie die Sprachforscher sagen, eher der Normalfall. Bemerkungen, Kommandos, Zurufe. Auch beim Waldspaziergang, das wussten schon das Rotkäppchen und der Wolf. Denn wie unterhielten sie sich nach Aussage der Brüder Grimm? Sie ahnen es, in Ellipsen:

Guten Tag, Rotkäppchen, sprach er.
Schönen Dank, Wolf.
Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?
Zur Großmutter.
Was trägst du unter der Schürze?
Kuchen und Wein ...

Der Wolf, immerhin, befleißigt sich dabei eines vollständigen Satzes (»Was trägst du unter der Schürze?«). Das Rotkäppchen hingegen gibt sich durchweg maulfaul. Wenn das Rotkäppchens Lehrer wüsste, dann aber ...

Von Rotkäppchen lernen, heißt siegen lernen! dachte sich auch Donald Trump und kupferte vom Rotkäppchen die Rhetorik ab – das Sprechen in unvollständigen, buchstäblich abgehackten Sätzen.

O-Ton Donald: Iran hat die größten - stellt euch vor. Sie werden die reichsten Öl – wenn ihr in den Irak kommt, schaut nach. Unter den größten Ölreserven der Welt. Viele Trumpsche Sätze sind unvollständig oder purzeln ohne Verb daher. All talk, no action. Believe me.

Alle meine Entchen? Köpfchen tief ins Wasser, Schwänzchen in die Höh. Schiller? Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Goethe erfand die verbenfreien Verse:

Dem Schnee, dem Regen,
dem Wind entgegen,
im Dampf der Klüfte,
durch Nebeldüfte,
immer zu! Immer zu!
Ohne Rast und Ruh!

Dergleichen Quark fand sogar mein Deutschlehrer wieder gut.

Die Freie und Hansestadt Hamburg, so der offizielle Titel der Stadt, wirkt unfreiwillig komisch. Man sollte halt nicht unterwegs die Wortart wechseln, siehe Öffentliche und Privatmittel. Seltsam wirken Lieb- und andere Leidenschaften, Stein- und andere Pilze, sie nahm Seife und ein Bad.
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Manche Ansagen verlangen nach Ellipsen, etwa die Durchsage: Es besteht Anschluss zur U-Bahn – logisch. Mit Anschluss zur U-Bahn wäre doch alles gesagt, obendrein kürzer und verständlicher. Wenn mich ein Tourist fragt wo Bahnhof? ist das allemal klarer als ein hyperkorrektes »Könnten Sie mir bitte sagen, wo der Bahnhof ist?«

Manchmal lässt die Ellipse auch das Wichtige weg - das, was besser ungesagt bleibt: Wenn du das nochmal sagst, ...! Der hat sie doch nicht mehr alle! Leck mich! Der kann mich mal. Diese Sonderform der Ellipse hört übrigens auf den schönen Namen Aposiopese. Damit Sie‘s nur wissen.

Ellipse hin, Aposiopese her - wie sprechen wir im Alltag? Etwa so: Hallo, wie geht's? – Danke, geht schon. Und dir? – Alles okay. – So ein Sauwetter heute! – Ja, echt ungemütlich. – Schon gehört vom Fritz? – Ja, weiß schon Bescheid. – Und sonst? Was Neues zu Hause? – Ach, nur das Übliche. – Sorry, aber ich muss jetzt. – Na dann. – Gruß an deine Familie! – Ja, du auch! –
Alles Gute und bis bald!

Vom WM-Finale 1954 direkt ins WM-Finale 2014. Und wieder eine Flanke. Diesmal von Schürrle. ARD-Kommentator Tom Bartels: Schürrle. Der kommt an! Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götzeee!

Die Kommentare zu den Siegtoren 1974 und 1990? Gleiches Schema. Ohne Ellipsen kein Rotkäppchen, keine Neunte Symphonie, kein Donald Trump, und vor allem: kein WM-Sieg. Und damit zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.


CUS

Als 1990 das erste SZ-Magazin erschien, war CUS schon dabei. Seitdem macht er jede Woche »Das Kreuz mit den Worten«, eine der beliebtesten Rubriken im Heft. In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.

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