Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Kunst 15. November 2017

Warum immer wieder Kunst?

Von Tobias Haberl  Fotos: Stefan Draschan

Seit 20 Jahren gestaltet einmal im Jahr ein Künstler das SZ-Magazin. Die Welt der Kunst hat sich seitdem massiv verändert. Sie gewann an Aufmerksamkeit und Finanzkraft, büßte aber zunehmend ihr Geheimnis und ihr revolutionäres, bewusstseinsförderndes Potenzial ein. Und jetzt? 


Anzeige
Als wir im Jahr 1990 den deutschen Maler Anselm Kiefer interviewten – er hatte gerade die erste Edition 46 in der Geschichte des SZ-Magazins fertiggestellt – sagte er: »Wenn die Leser das Magazin aufschlagen und denken, mein Gott, was macht meine Süddeutsche Zeitung denn jetzt?«, dann sei das ein guter Ausgangspunkt. »Ausgangspunkt wofür?«, hakte unser Redakteur nach. »Für die Freiheit, die Bilder wirken zu lassen«, antwortete Kiefer, schließlich gehe es ihm nicht darum, ein Kunstwerk zu schaffen, das möglichst interessant oder gar schön sei, nein, Sachen, die vordergründig schön seien, wolle er definitiv nicht hervorbringen.

Wenn man seinen Bilderzyklus Das goldene Vlies heute betrachtet, kann man auch fast drei Jahrzehnte später nicht anders als zugeben, dass ihm das gründlich gelungen ist. Vordergründig schön ist da gar nichts, eher groß und schwer, bedeutungsschwanger und mythisch aufge­laden. Seit diesem Tag wundern sich unsere Leser tatsächlich oft, wenn Mitte November die neue Edition 46 aus der Zeitung fällt; manchmal sind sie irritiert, dann wie­der begeistert und dankbar, zahlreiche Leserbriefe bele gen das, nur eines sind sie hoffentlich nie: gleichgültig.

Anselm Kiefer brachte damals ziemlich genau auf den Punkt, warum das SZ-Magazin vor 27 Jahren damit anfing, einmal im Jahr – nämlich immer in der 46. Kalenderwoche – ein Heft allein der Kunst zu widmen, einer Künstlerin oder einem Künstler für ein exklusives Werk die Seiten und den Raum zur Verfügung zu stellen, ihre oder seine Arbeit (und ihr oder sein Nachdenken darüber) Menschen anzuvertrauen, die nicht regelmäßig auf Vernissagen oder Auktionen auftauchen. Indem wir unser Magazin einmal jährlich zu einer Art gedruckten Ausstellung umfunktionierten, wollten wir zwei Dinge erreichen: Die Künstler sollten frei von ökonomischen und terminlichen Zwängen ans Werk gehen und unsere Leser sich einmal im Jahr von relevanter Gegenwartskunst bereichern und verstören lassen können.

Zeitgenössische Kunst, so unser Gedanke, ihre Schönheit, aber auch ihre aufklärerische Kraft und gesellschaftspolitische Relevanz, muss raus aus den Galerien und rein in den Alltag, in unsere Zeitschriften, in unsere Gespräche, in unsere Hirne und Herzen. Denn was war bildende Kunst denn bis weit in die Achtzigerjahre hinein gewesen? Eine ziemlich hermetische und klandestine Veranstaltung einiger Künstler, Kritiker und Kenner. Kunstmessen? Intime Nabelschauen. Museen und Ausstellungen? Die letzte Option für verregnete Tage. Selbst die Kritik reagierte lange zurückhaltend, fast scheu und ein bisschen arrogant auf die Arbeiten lebender, womöglich auch noch junger Künstler, als müssten diese noch reifen wie ein guter Wein oder Käse.

Wie sich die Kunstwelt in den Jahren und Jahrzehnten danach zum milliardenschweren global business wandelte, war beides: ein Glück und ein Unglück, weil Kunst in Form von Bildern, Fotografien, Filmen und Installationen zwar tatsächlich anfing, in die Gesellschaft hineinzuwirken – dabei aber leider auch die Schatten­ seiten eines immer globaler, schnelllebiger und hysterischer werdenden Kunstmarktes offenbarte. Die Welt der Kunst gewann an Aufmerksamkeit und Finanzkraft, büßte aber zunehmend ihr Geheimnis und ihr revolutionäres, bewusstseinsförderndes Potenzial ein.
 


Mehrere Künstler, die in den Neunzigerjahren eine Edition 46 für uns gemacht hatten, wurden zu Megastars des internationalen und globalisierten Kunstbetriebs: Jeff Koons, Jenny Holzer, Matthew Barney, Richard Prince. Auf einmal fand Kunst nicht mehr in der Nische statt, sondern auf der ganz großen Bühne, Galerien waren keine Ausstellungsräume mehr, sondern Party­ und VIP­-Zonen, Bilder keine Kunst, sondern Konsum­ und Anlageprodukte, und Maler keine Künstler, sondern millionenschwere Superstars, die man sich eher an der Börse als vor einer Staffelei mit dem Pinsel in der Hand vorstellen konnte.

»Being good in business is the most fascinating kind of art«, hatte Warhol schon Jahre vorher prophezeit. Ob er daran gedacht hatte, wie es die Autonomie der Kunst gefährdet, wenn der Kunstmarkt simultan mit den wichtigsten Börsenindizes reagiert, wenn die Radikalität von Kunst zu ihrer Geschäfts­ grundlage wird? Es war die Zeit, als die Neue Leipziger Schule mit Malern wie Neo Rauch oder Tim Eitel Amerika und Asien eroberte und einen Rekord nach dem anderen aufstellte. »Was die Preise für Gegenwartskunst betrifft«, hieß es aus dem Hause Sotheby’s, »scheint der Himmel die einzige Grenze zu sein.«

Junge Künstler wurden über Nacht zu Millionären, Galeristen ebenfalls, neue Magazine wurden gegründet, Kunstmessen wiederbelebt oder neu ins Leben gerufen, gern als private selling exhibitions in Dubai oder Singapur. Kunstausstellungen verknüpften sich mit Mode, Marken und Werbung, traditionelle Gattungen lösten sich auf, vermischten sich, und die Wirtschaftsteile berichteten regelmäßig darüber, wie viele Millionen ein Gerhard Richter oder Sigmar Polke mal wieder bei Sotheby’s oder Christie’s eingefahren hat. War das Umsatzpotenzial des internationalen Kunstmarktes 1980 noch auf höchstens 5 Milliarden Dollar geschätzt worden, hatte es sich im Jahr 2007 mehr als verzehnfacht. Bei den Messen in Basel und Miami traf sich die inter­nationale Finanzelite, kaufte ein, feierte wild, reiste wieder ab.

Kunst eignet sich ganz wunderbar dafür, den eigenen Geschmack zur Schau zu stellen. Wer Geld hatte, kaufte bei den großen Galerien in New York, London und Berlin, wer keines hatte, abonnierte wenigstens die Monopol. Hauptsache Kunst, Hauptsache Gegenwart, Hauptsache, man war dabei. »Die Freiheit, die Bilder wirken zu lassen«, die Kiefer noch gefordert hatte, gibt es nicht mehr, auch nicht die Zeit, weil viele Künstler ihre Bilder schon verkauft haben, bevor sie sie gemalt haben.

Man kann schon sagen, dass wir mit der Edition 46 versucht haben, gegen diese Tendenz anzukämpfen, und zwar so konsequent, dass wir zwischen 2000 und 2006 gar keine veröffent­licht haben. Unsere Mission hatte sich übererfüllt, war obsolet geworden, nun hieß es gegensteuern, pausieren und danach: gelassen und sorgfältig selektieren und weitermachen. Wie sich die Kunstwelt verändert und wie sie auf ihre eigene Veränderung reagiert hat, auch davon erzählt diese Jubiläumsausgabe: War in den Neunzigerjahren noch von der Spaßgesellschaft und dem Ende der Geschichte die Rede, brach mit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 und dem Ausbruch der Immobilien­ und Finanzkrise 2008 ein neues Zeitalter an.

Wenn heute Kunst gemacht, betrachtet und gekauft wird, geschieht dies vor einem grundsätzlich anderen Hintergrund als noch vor 20 oder 25 Jahren. Und wer die Arbeiten und Positionen der Künstlerinnen und Künstler in diesem Heft aufmerksam auf sich wirken lässt, der kann spüren, wie beide, die Welt und die Kunstwelt, sich verändert haben, wie die eine immer weniger Gegenentwurf und immer mehr Abbild der anderen wurde. Vergleicht man die Werke aus den frühen Jahren, zum Beispiel von Anselm Kiefer, Per Kirkeby oder Francesco Clemente, mit denen von David Shrigley, Erwin Wurm oder Barbara Kruger aus der jüngeren Vergangenheit, wird deutlich, dass die Werke zugänglicher und verständlicher, aber eben auch einen Tick marktförmiger geworden sind.

Man versteht sie schneller und leichter; und wenn man sie nicht versteht, kann man wenigstens lachen oder staunen. Das ist schön, weil mehr Menschen die Möglichkeit haben, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, führt aber auch dazu, dass Kunst zu Beginn des 21. Jahrhunderts Gefahr läuft, ihre lebensverändernde Kraft zu verlieren und lediglich zu einer weiteren Option zu werden, sein Geld anzulegen und sich die Zeit zu vertreiben. Um mitzuhelfen, dass dies nicht geschieht, machen wir weiter: An diesem Freitag erscheint die 21. Edition 46 von Sophie Calle, einer Künstlerin, die es schafft, beides zu sein: pragmatisch und romantisch – und das klingt doch nach einer gar nicht so schlechten Mischung, mit der man die aktuellen Herausforderungen der Welt wie der Kunstwelt optimistisch anpacken könnte.
 
Das ganze Heft mit Geschichten, Portäts und Interviews zu allen Kunst-Ausgaben seit 1990 können Sie hier mit SZ Plus lesen
 

 
Anzeige
  • Kunst

    Wie Sperrmüll zu Kunst wird

    Ein unbekannter Künstler verpasst Gerümpel in den Straßen von Los Angeles traurige Clownsgesichter. Seine Arbeiten sind inzwischen sehr begehrt – dabei wurde der Mann eher zufällig zum Streetartist.

    Von Jona Spreter
  • Anzeige
    Kunst

    »Das wollen Sie mich wirklich alles fragen?«

    Zuerst schien Sophie Calle schockiert von den Interview-Fragen. Dann erzählte die Künstlerin bereitwillig von ihrem Werk, dem Tod ihrer Eltern, ihrer Leidenschaft für Stierkampf – und der Abschiedsfeier, die sie für ihre Brüste veranstaltet hat.

    Von Tobias Haberl
  • Kunst

    »Es gibt keine richtige oder falsche Ästhetik«

    Jeff Koons will mit seiner Kunst so viele Menschen wie möglich ansprechen - und verlangt zugleich astronomische Preise dafür. Ein Gespräch über seine pornografische Kunst und die bewusstseinserweiternde Wirkung von Weißbier.