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Kunst 16. November 2017

»Das wollen Sie mich wirklich alles fragen?«

Von Tobias Haberl  Foto: Julian Baumann

Zuerst schien Sophie Calle schockiert von den Interview-Fragen. Dann erzählte die Künstlerin bereitwillig von ihrem Werk, dem Tod ihrer Eltern, ihrer Leidenschaft für Stierkampf – und der Abschiedsfeier, die sie für ihre Brüste veranstaltet hat.

Die Widersprüchlichkeit des Lebens scheint auch im Namen durch, den die französische Künstlerin Sophie Calle ihrer Katze gab: Souris, das heißt »Maus«.
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Am Ende eines Gesprächs mit Sophie Calle ist man erschöpft und inspiriert und kann es nicht fassen: Diese Frau hat gerade ihre Seele offen gelegt, vom Sterben ihrer Mutter erzählt, vom Tod ihres Freundes, der Stierkämpfer war und »dessen Herz von einem Stier in zwei Hälften zerteilt wurde«, von Abtreibungen, die sie als Studentin zuhause durchgeführt hat, ja sogar ihre nackten Brüste hat sie dem Reporter gezeigt – auf einem Foto nur, aber immerhin – und jetzt sitzt man also da und weiß: nichts. Kennt diese Frau so wenig wie vorher, ja vielleicht noch weniger. Sophie Calle ist ein Phänomen: Weil sie so offen und gleichzeitig ein riesiges und faszinierendes Geheimnis ist.

Wir treffen die französische Konzeptkünstlerin in Südfrankreich, in einem Dorf, eine Stunde nördlich von Marseille. Von außen sieht das steinerne Haus aus wie alle anderen, nur innen erkennt man: Okay, hier wohnt eine Exzentrikerin, hier wohnt Sophie Calle: An den Wänden und auf den Tischen ausgestopfte Tiere, im Garten verwitternde Grabsteine und ein schmaler Pool, der so verwahrlost aussieht, dass es gut sein kann, dass sie noch nie darin geschwommen ist. Warum auch? Wie auch? Die Frau lebt eigentlich in Paris und verbringt nur ihre Sommer hier, wo sie aber Abend für Abend von einer Theater- und Operninszenierung zur nächsten düst. »Meine heimliche Leidenschaft«, sagt sie, »ist die Bühne.«

Im Gespräch erläutert sie ihre Arbeit, die sie für die »Edition 46« des Süddeutsche Zeitung Magazins produziert hat, einen Foto-Text-Zyklus bestehend aus neun Bildern, die sie en passant gemacht hat, um sich im Nachhinein über ihre Motivation klar zu werden, ausgerechnet diese Bilder und Szenen unbedingt festhalten zu wollen. Auf die Frage, ob sie damit unsere inflationäre Art, von allem und jedem und überall Fotos zu machen, kritisieren wolle, sagt sie: »Ich bin keine, die mit der Revolutionsflagge durch die Gegend läuft, aber wer sich kritisiert fühlen will, kann das ruhig tun.« Und wenn auf Konzerten alle nur noch auf ihre Handys statt auf die Bühne schauten, mache sie das zwar nicht aggressiv (solange ihr niemand die Sicht verdeckt), aber rührend und lächerlich finde sie es schon.

Sophie Calle trägt eine große Sonnenbrille und trinkt Weißwein, ab und zu klappt sie ihren pinkfarbenen Computer auf, schaut etwas nach, zeigt etwas her. Auf einmal greift sie nach den Unterlagen des Interviewers: »Das wollen Sie mich wirklich alles fragen?« Sie wirkt beides: schockiert und belustigt.

Indem sie ihr Leben zu Kunst gemacht hat, hat sie es zu den erfolgreichsten Künstlerinnen der Gegenwart gebracht. Trotzdem besteht sie darauf, dass alle ihre Arbeiten, egal wie intim sie sind, streng kalkulierte Kunstwerke seien. »Ich lenke kleinere und größere Malheurs zu meinen Gunsten um, indem ich künstlerisch damit umgehe.« Das kann alles sein: Liebeskummer, der Tod eines Freundes oder auch ihrer Katze Souris, die vor zwei Jahren gestorben ist. »Es geht mir aber nicht um den therapeutischen Effekt, sondern um ein Kunstwerk, das funktioniert«, trotzdem sei er da, als Nebeneffekt, »wenn ich künstlerisch mit meinem Kummer umgehe, entfernt er sich irgendwann von mir.« Fest steht: Calle macht aus allem ein Spiel oder Kunst, meistens beides zusammen und verwischt so ein ums andere mal unsere Vorstellung von Realität und Fiktion, Schein und Sein, Authentizität und Inszenierung.

Sie erzählt von ihrer Reise zum Nordpol (»Ich habe kaum Fotos gemacht, weil die anderen so viele gemacht haben«), vom Tod ihres Vaters (»danach hatte ich zwei Jahre lang keine einzige Idee«), von ihrer Leidenschaft für Stierkämpfe (»die vollständigste Form das Leben und Sterben zu zelebrieren«), von der Abschiedsfeier, die sie kürzlich für ihre Brüste veranstaltet hat (»sie sind schön, obwohl ich über sechzig bin«) und vor allem: Warum sie das alles macht, diese Albernheiten, diese Experimente, Fremde in ihrem Bett übernachten oder sich selbst von einem Detektiv beschatten zu lassen, warum sie ohne das alles nicht leben kann, ja warum sie vielleicht sogar wahnsinnig werden würde, wenn sie nicht dauernd so ein Spielchen am Laufen hätte.

Lesen Sie das komplette Interview jetzt mit SZ Plus.



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