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aus Heft 47/2017 Gesellschaft/Leben

Guter alter Ringo

Von Gabriela Herpell  Foto: Privat / Illustration: Nishant Choksi

Der Hund unserer Autorin wird immer schwächer – und scheint sich damit so gut abzufinden, dass man ihn nur bewundern kann.

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Ringo ist jetzt 14. Er ist fit für sein Alter. Aber er ist ein anderer geworden. Er hört fast nichts mehr. Er sieht fast nichts mehr. Und er, der Zeit seines Lebens ein Macho war, ist kein Macho mehr. Er weiß um seine Schwächen. Doch die trägt er mit einer solchen Würde, dass ich heulen könnte.

Wenn Ringo früher einem anderen Rüden begegnete, stellte er seine Nackenhaare auf, ging steifbeinig auf ihn zu und knurrte. Er war nicht scharf auf einen Kampf, würde ihn aber führen, das war die Botschaft. Er fühlte sich unbezwingbar, auch wenn er nicht halb so groß war wie der andere Hund. Das wirkte aus Menschensicht manchmal lächerlich, und ich musste mir Sprüche von Hundebesitzern anhören wie: »Zu Weihnachten mal einen Spiegel schenken?« Aber es kam selten vor, dass der andere Hund überhaupt zurückknurrte. Und wenn doch ein Streit losging, hat Ringo ihn nie verloren. Er hat nicht die kleinste Schramme davongetragen. Das war für mich nicht immer angenehm und hat auch manchmal Geld gekostet. Aber es war irre, mitanzusehen, wie sich dieser kleine Hund behauptete. Wir nannten ihn Ringo Löwenherz, sein Sternzeichen ist tatsächlich der Löwe.

Im vergangenen Jahr wurde Ringo dreimal von anderen Hunden angegriffen. Es waren Machos wie er. Und er war jedes Mal verletzt, äußerlich ein bisschen, innerlich aber sehr. Er zog sich dann in sein Körbchen zurück, schloss die Augen und bohrte seine Schnauze so tief ins Kissen, wie es ging. Er wollte nichts hören und nichts sehen. Er weigerte sich, nach draußen zu gehen. Am nächsten Tag ging es ihm besser, doch nach der dritten Niederlage änderte sich sein Verhalten. In ihm war die Erkenntnis gereift, dass seine Zeit als starker Hund vorbei war.


Wenn ihm heute ein großer Hund entgegenkommt, bleibt Ringo stehen, klappt die Ohren zurück, senkt den Kopf und zeigt damit seine Unterlegenheit. Wenn genug Platz ist, macht er einen Bogen um den anderen Hund, manchmal läuft er auch auf die Straße oder um parkende Autos herum. Ganz selten knurrt er einen Hund an. Ich weiß dann, dass der andere noch älter und schwächer sein muss als er. Oder ein Weichei, die gibt es ja auch von klein auf. Das spürt Ringo immer noch auf Entfernung, ohne zu sehen und hören. Er kann ja noch riechen.

Ich weiß nicht, ob Ringo sich daran erinnert, dass er gut hören und sehen konnte. Ich weiß nur, dass er es nicht mehr kann und zurechtkommt, ohne deprimiert zu sein. Ich weiß nicht, ob Ringo sich daran erinnert, dass er früher mit Pferden um die Wette galoppiert ist. Ich weiß nur, dass er jetzt am liebsten gemütlich vor sich hin trabt. Ich weiß auch nicht, ob Ringo sich daran erinnert, dass er ein starker Hund war, und den alten Zeiten nachtrauert. Aber wenn er seinen Bogen um den anderen Hund gemacht hat, schaut er mich kurz mit blanken Augen an, als wollte er sagen, ja, mir schon klar, ich bin kein Held mehr, aber ich mache das ganz gut, oder?

Ich finde, er macht es super. Ich sage ihm das auch. Dann stupst er mich leicht mit seiner Schnauze ans Bein und trabt gemütlich weiter. Ich finde ihn in seiner Schwäche stärker als in seiner Stärke und hoffe, dass ich mich daran erinnere, wenn es Zeit ist.
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Gabriela Herpell

wird jetzt oft gefragt, ob sie wieder einen Hund möchte, wenn es Ringo nicht mehr gibt. Komische Frage, findet sie.

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